Wie Kinder (nicht) funktionieren

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Ist ja alles schön und gut … aber irgendwann muss mein Kind doch auch einfach mal funktionieren. Wenn man in sozialen Medien, aber auch manchmal einfach nur auf dem Spielplatz mit Eltern über Erziehung spricht, kommt man zwangsläufig irgendwann an den Punkt, an dem dieser Satz fällt.

Und ich verstehe ihn. Mir ist völlig klar, was meine Gegenüber meinen, wenn sie ihn sagen. Sie sprechen unter anderem von der Situation, in der ich mich selbst wahrscheinlich in wenigen Minuten wiederfinden werde. Nämlich dann, wenn ich vom Spielplatz nach Hause möchte und das Kind noch bleiben will. Dann möchte ich nämlich auch, dass es funktioniert. Ich möchte, dass es klappt, weil zu Hause die beiden großen Geschwister warten und das Abendessen, die Badewanne und die Telefonate, die ich so dringend noch erledigen muss. Kurz: Ich werde keine Zeit haben, dem Wunsch des Kindes nachzugeben und noch länger zu bleiben.

Hinter dem Wunsch, Kinder mögen doch einfach mal “funktionieren” stecken nämlich oft Sachzwänge eines dichten Alltags. Ich kann das sehr gut nachfühlen – und ich tappe selbst immer wieder in diese Falle. Auf einmal finde ich mich in einer Situation wieder, in der ich das Gefühl habe, dass es jetzt aber gehen muss. Wenn dann ein kleiner Mensch nicht mitmacht, fühle ich mich für einen kurzen Moment sehr verbunden mit denen, die nach mehr Strenge und Härte schreien und die meinen Ansatz als “Kuschelpädagogik” verunglimpfen. Wäre das nicht schön, denke ich mir dann auf dem Spielplatz, wenn ein Wort von mir reichen würde und das Kind würde widerspruchslos folgen?

Es wäre nicht schön, weil das widerspruchslose Folgen von Kindern auf Erziehungszielen und vor allem Erziehungsmethoden basiert hat, die heute zum Glück am Verschwinden sind. Kurz zusammengefasst kann man sagen, dass die Kinder aus Angst folgten. Früher aus Angst vor körperlicher Züchtigung, heute ist die Zahl der Kinder, die dies zu fürchten hat, geringer geworden (darüber, dass sie leider noch lange nicht bei 0 ist, spreche ich hier). Doch Eltern können auch anders Angst einjagen: Durch die Androhung schmerzhafter Konsequenzen (Medienverbot, Hausarrest, Streichen der Gute-Nacht Geschichte), durch das Weglassen einer liebgewordenen Belohnungen (dann gibt es eben kein Eis auf dem Heimweg oder der Nachtisch heute Abend wird gestrichen) oder durch Liebensentzug (brauchst mir gar nicht mehr anzukommen).

Ich kann gut nachfühlen, was Eltern dazu bringt, ihre Kinder auf diese Art zu führen. Wie schon beschrieben – ich kenne diese Situationen selbst, in denen ich den Wunsch habe, es möge doch jetzt einfach funktionieren, in denen Wege alternativlos erscheinen. Doch sind sie es wirklich? Oft sehen wir erst im Nachhinein, dass alles gar nicht so schlimm war, wie es sich beim Drama auf dem Spielplatz (oder in fast allen anderen Bereichen des Lebens angefühlt hat). Manchmal wäre es unterm Strich doch egal gewesen, wären wir 20 Minuten später nach Hause gekommen. Doch in anderen Situationen ist es tatsächlich nicht egal. Manchmal – da gebe ich allen recht – muss es funktionieren. Doch wie können wir dafür sorgen, dass es klappt, ohne Druck, ohne Strafe, ohne Gewalt?

Wenn solche Situationen sich im Voraus abzeichnen, wir also zum Beispiel wissen, dass wir zu einer bestimmten Zeit irgendwo sein müssen oder dass gewisse Dinge nötig sind, hilft gute Planung und Vorbereitung. Dazu gehört, dass wir unsere Kinder (auch die Kleinen) einbeziehen und emotional darauf vorbereiten. Vielen Kindern, gerade denen, die schnell aus der Fassung geraten, wenn sie unvorbereitet aus dem Spielen gerissen werden, helfen außerdem feste Abläufe. Am Beispiel des Spielplatzbesuches erklärt könnte das zum Beispiel bedeuten, dass das Kind zum Schluss immer noch einmal zusammen mit uns seine Lieblingssache machen darf (komm, ich schubse dich noch eine Runde auf der Netzschaukel an, komm, wir rutschen gemeinsam noch dreimal die große Rutsche, komm, jetzt bauen wir noch einen kleinen Wassergraben). Danach folgt ein kleiner, schneller Abschied (anderen Kindern Tschüss sagen, Spielsachen einsammeln, Zeug packen, Jacke richtig anziehen oder was immer ansteht) und dann geht es los. Dinge am Schluss gemeinsam zu machen hat gerade bei kleinen Kindern den Vorteil, dass man “in Kontakt ist”. Wir sind also schon mit dem Kind zusammen und zwar auf positive Art.

Manchen Kindern hilft auch Orientierung an äußeren Gegebenheiten. Das Läuten der Kirchenglocken, die Straßenlaternen, die angehen, der Eiswagen, der wegfährt oder oder andere wiederkehrende Dinge können ein zusätzliches Zeichen dafür sein, dass die Spielplatzzeit (die Zeit an der Konsole, die Zeit zum Spielen mit dem Freund usw.) sich dem Ende neigt. Denn oft ist ein Problem in solchen Situationen, dass unsere Kinder von schnellen Übergängen überrumpelt werden. Sie sind mitten im Flow, haben sich gerade ein tolles Spiel ausgedacht, sind mitten in einer spannenden Quest oder haben ihre Burg noch nicht fertig – und sollen alles von jetzt auf gleich beenden. Viele Kinder reagieren sehr aufgebracht, extrem traurig oder verwirrt auf solche Ansagen. Was Erwachsene als “nicht hören” wahrnehmen, ist oft Überforderung, gepaart mit völlig verständlichem Frust. Daher lohnt es sich, den nahenden Abschied eher etwas früher, als zu knapp einzuleiten und für die Kinder erwartbar zu gestalten.

Doch was ist, wenn es zu unvorhersehbaren Situationen kommt oder wir uns einfach verzettelt haben und es jetzt wirklich schnell gehen muss? Sowas kommt vor – egal wie gut wir planen. Wichtig ist hier, dass wir die Verantwortung für die Situation übernehmen und sie nicht auf das Kind abwälzen. Zunächst gilt es dann für sich selbst die Frage zu beantworten, ob das, was uns gerade wirklich als dringend, alternativlos, wichtig erscheint, es wirklich ist. Müssen wir wirklich schnell gehen, weil wir sonst mit der Abendplanung stark in Verzögerung geraten oder können wir da abspecken und beispielsweise auf dem Heimweg ausnahmsweise Essen von der Imbissbude mitnehmen, statt noch zu kochen? Kann das Baden ausfallen? Kann jemand anders mir was abnehmen? Wenn all das nicht hilft und es wirklich dringend ist, ist Klarheit wichtig. Wenn wir gehen müssen, dann gehen wir. Dem Kind das klar zu sagen, ist genauso wichtig, wie den Frust auszuhalten, der sich dadurch ergibt.

Hier muss jedoch eins gesagt werden: Unser Kind kann nichts für diese Situation. Wir haben etwas nicht gut geplant und sind verantwortlich (und das kann passieren, wir müssen uns dafür dann auch nicht selbst zerlegen). Unser Kind ist wahrscheinlich völlig überrumpelt und wurde überraschend aus etwas rausgerissen, das Spaß gemacht hatte. Orientierung und Eckpfeiler fehlen und es ist einfach wütend. Hier finde ich wichtig, dass diese Wut sein darf und dass wir sie begleiten. Wenn wir nun glauben, dass unser Kind uns auf der Nase rumtanzen möchte, böse ist oder dass wir es bisher falsch erzogen haben, machen wir alles nur noch schlimmer. Vielleicht müssen wir ein kleines Kind nun auf den Arm nehmen und wegtragen und das fühlt sich wahrscheinlich für keinen gut an. Was wir hier tun können: Nicht noch zusätzlich schimpfen, sondern signalisieren, dass man das Kind sieht und den Ärger versteht.

Wichtig ist, dass wir uns klarmachen, dass wir nicht gegen unsere Kinder arbeiten müssen, sondern mit ihnen zusammen. Sie sind keine geborenen Störenfriedas und Störenfriede, sondern gleichwürdiger Teil unserer Familie und ihre Bedürfnisse sind genauso wichtig, wie unsere. Wenn wir – und das müssen wir Großen manchmal – uns über ihre Bedürfnisse hinwegsetzen, dann verdienen sie wenigstens unsere Begleitung und das Recht auf Wut und Schmerz.

Und was, wenn ich mein Kind gestern in genau dieser Situation doch angeschrien habe? Dann komm in meine weit ausgebreiteten Arme, wenn du magst. Ich drücke dich mal ganz fest, weil ich weiß, dass es manchmal einfach schwierig ist, mit all der Überforderung, mit all den 1000 Bällen in der Luft und all der Verantwortung. Da geht was schief und da schleifen wir einander ab und es entsteht der eine oder andere Kratzer. Wenn dein Grundgerüst stimmt (und weil du gerade so traurig über die doofe Situation bist, gehe ich davon aus, dass du ein tolles Grundgerüst hast), dann hält das auch den einen oder anderen Sturmschaden aus. Morgen probierst du es wieder.

KategorieEltern sein

von

Eltern- und Familienberaterin, Autorin, Christin. Ehrenamtlich in der Familienarbeit meiner Gemeinde unterwegs und vor allem dreifache Mutter und Ehefrau.

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