Eltern sein, Familie leben

Mutterherzgedanken IV: How can I safe my little boy from Oppenheimers deadly toy?

Diese eine Strophe aus Stings Song „Russians“ geht mir seit Wochen nicht aus dem Kopf. Ich bin eigentlich gar nicht im Team „Panik vor einem Atomkrieg“. Aber anderseits bin ich nicht so dermaßen abgebrüht und rational, dass Putins Propaganda und seine Drohgebärden nicht auch in einem kleinen Teil von mir verfangen würden. Denn natürlich weiß auch ich, an was uns der Kreml beinah täglich erinnert: Sie haben Atomwaffen.  Ja wirklich, sie haben tatsächlich Atomwaffen! Wir auch. Keine Pointe. Wie alle Kinder meiner Generation habe ich „Die letzten Kinder von Schewenborn“ gelesen und nein, ich bin nicht frei von dieser Angst und leider sehr fantasiebegabt. Ich kann mir die schlimmsten Szenarien ausmalen.

Anderseits bin ich glücklicherweise keine 20 mehr und auch keine junge Mutter mehr in ihren 30ern. Und es hat gute Seiten, über 40 zu sein. Eine ist, dass ich die Antwort auf Stings Frage kenne. Sie ist so simple wie deprimierend und am Ende sogar irgendwie erleichternd. Sie heißt nämlich: GAR NICHT! Ich kann meine Kinder nicht beschützen. Zumindest nicht davor. Nicht vor Entscheidungen von politisch Mächtigen, die völlig außerhalb meiner Reichweite liegen.

Ich kann sie schon vor viel weniger schlimmen Gefahren nicht beschützen. Am letzten Freitag zum Beispiel wollte ich gerade einen Pizzateig ansetzen, als das Telefon klingelte. Wenige Minuten später saß ich im Auto, danach sechs Stunden in der Notaufnahme. Diese verließen mein Kind und ich am Ende mit verschiedenen Brüchen. Sie hatte sich das Handgelenk gebrochen. Ich mir das Herz und die Laune.

Während dieser sechs Stunden in der Kinderambulanz habe ich alles gesehen. Von Kleinigkeiten (Leute – ernsthaft – schafft euch eine Zeckenzange an und lernt, wie man sie benutzt!) über lustige Anekdoten (Junge, egal wie cool du bist, die scharfe Chilli streckt dich nieder) über schlimme Dinge, über die die Beteiligten wohl nie werden lachen können. Wir Eltern saßen an diesem bizarren Ort, an dem die Zeit scheinbar stillstand, sahen uns an, rollten mal mit den Augen, nickten uns mal zu und wir teilten das Wissen um diese eine, simple Tatsache: Wir konnten unsere Kinder nicht beschützen – und wir werden sie auch in Zukunft nicht beschützen können.

Wenn wir unsere Kinder nicht in einem sterilen, ausgepolsterten Raum halten wollen, werden wir sie immer der Gefahr aussetzen, dass ihnen etwas zustößt. Mit etwas Glück sind es die schmerzhaften, kleinen Unglücke, die ein Gipsverband innerhalb von ein paar Wochen regelt. Mit etwas Pech bricht sich eins beim missglückten Sprung vom Klettergerüst nicht nur das Handgelenk…

Doch was ist die Alternative? Ein Leben, dass jede Gefahr eliminiert, dass unsere Kinder in goldene Käfige verbannt und ihnen so zwar die Knochen heil hält, aber auch die Erfahrung des Adrenalins nimmt, wenn ein gewagter Sprung gelingt? Ein Leben, dass ihnen von Anfang an zeigt, dass diese wunderschöne Welt voller Gefahren ist, statt ihnen zu ermöglichen, darin zu leben?

Da draußen lauert alles: Mobbing, Streit, Liebeskummer, Zecken, messerscharfe Mutproben, tödliche Viren und Knochenbrüche. Terroristen und Despoten mit Atombomben. Aber auch Freundschaft, neue Erfahrungen, selbstvergessenes Spiel, der erste Kuss, einzigartige Geschmackserlebnisse und eine Welt, die es zu bereisen und zu entdecken gibt.

Ich hoffe, mein Kind steigt wieder bis nach ganz oben aufs Gerüst und natürlich bete ich darum, dass es nicht noch einmal fällt und sich, wenn doch, auch dann nur irgendeinen Knochen bricht, der unkompliziert zusammenwächst.

Und ich hoffe, Oppenheimers tödliches Spielzeug wird im Laufe der Jahrhunderte irgendwann aus dieser Welt verschwinden. Ich hoffe, dass es einmal Eltern geben wird, die ihre Kinder ins Leben begleiten können, ohne sich Stings Frage zu stellen. Doch solange werde ich mit dem Wissen leben, dass ich meine Kinder nicht davor schützen kann. Zumindest nicht vor dem großen Knall, der alles auslöscht, was wir bis dahin kannten.

Vor einer anderen Sache kann ich sie allerdings sehr wohl beschützen, nämlich vor der eigentlichen Macht von Oppenheimers Erfindung: Der lähmenden Angst, die sie erzeugen soll. Nein, ich werde nicht zulassen, dass diese Angst bei uns einzieht. Ich werde meiner blühenden Fantasie den Kampf ansagen und die Kinder von Schewenborn in die hinterste Ecke des Schrankes verbannen. Stattdessen werde ich meinen Kindern weiter beibringen, das Leben zu feiern, mit viel Eis gegen gebrochene Knochen und Herzen, mit Wasserspielen im Garten, mit Rhabarberkuchen und Lasagne, mit Familientreffen und den vielen Augen, die ich zudrücke, wenn sie bis spät am Abend mit ihren Freunden umherziehen oder viel zu lange mit ihnen zocken.

Für mich ist das der sicherste Weg, um diese Bombe zu entschärfen!

But what might save us, me and you is if the Russians love their children too

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Unternehmerin, Erziehungswissenschaftlerin, Familienberaterin, Autorin, dreifache Mama und vor allem für Sie und ihre Familie da.

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