Eltern sein, Familie leben

Mutterherzgedanken III – I wish I could turn back time

Ich liebe alle Entwicklungsphasen meiner Kinder. Ja wirklich. Ich feiere es, sie beim Großwerden zu beobachten. Je älter sie werden, desto mehr stehe ich einfach nur am Straßenrand und cheerleade sie ins Leben. Vereinfacht gesagt. In Wirklichkeit weiß jedes Elternteil von größer werdenden Kindern, dass die Arbeit nicht weniger wird, nur anders. Und dennoch passt das Bild irgendwie zu der Herausforderung, seine Kinder loszulassen und ihnen Stück für Stück mehr Weite und Eigenständigkeit in ihrem Leben zuzutrauen.

Ich finde es wahnsinnig spannend, was sie tun. Für welche Wege sie sich entscheiden, in welche Sackgassen sie laufen. Ich lausche all ihren Geschichten der Zeiten, die sie ohne mich erleben. Nicht, weil ich mir Überwachung erhoffe, sondern weil es mich einfach interessiert. Ich empfinde es als riesiges Privileg, einen Backstagepass für die große Show der Entwicklung eigenständiger Persönlichkeiten zu haben. Und ja, manchmal verdrehe ich die Augen und dann fühle ich mich plötzlich stark mit meiner eigenen Mutter verbunden, die auch ab und an die Augen verdrehte, ob der kleinen und großen sich ständig wiederholenden Pre-Teen Dramen, die ich mit nach Hause brachte. Gleichzeitig weiß ich, dass sie alle ihre Berechtigung haben und in diesem Moment für diese Menschen die Welt bedeuten.

Also ja – ich liebe es, Mutter von größer werdenden Kindern zu sein.

Und manchmal schaue ich ihnen wehmütig hinterher und möchte die Zeit zurückdrehen. Dann möchte ich sie noch einmal alle drei im Planschbecken im Garten haben, sie anschließend in Kaputzenhandtücher hüllen, sie warmkuscheln und danach zuschauen, wie sie sich von oben bis unten mit Schokoeis vollkleckern. Ich möchte sie an einem Schneemorgen aus dem Kindergarten zu Hause lassen und stattdessen mit ihnen zum Rodelberg gehen und danach drei müde Kinder auf zusammengebundenen Schlitten nach Hause ziehen, wo Kakao und Feuerwehrmann Sam warten. Ich möchte mit ihnen Übernachtungsparties feiern und stundenlang Geschichten von „Käpt’n Stinkstiefel“ erzählen.

Manchmal wünschte ich, ich hätte in einem dieser Momente gewusst, dass es der letzte dieser Art ist. Ab und zu habe ich es wohl geahnt, aber oft bin ich einfach drübergegangen. Denn wir kennen es ja alle, neben all dem, was gerade idyllisch klingt (und oft auch war) wartet im Leben mit kleinen Kindern immer auch ein stinknormaler Alltag. Da sind Vorsorgetermine, die gemacht werden wollen, Essen, das gekocht werden muss, Arbeit, die sich nicht allein macht. Viele dieser kleinen Momente verschwinden zwischen den Logiken des Alltags. Sie wirken erst in der Rückschau auf einmal bezaubernd, weil man sich nur noch an das Bild der drei zusammengebundenen Schlitten erinnert, aber nicht mehr daran, dass man es eigentlich ganz schön eilig hatte, weil ein Kind noch zum Judo musste und man selbst schnell noch für das Abendessen einkaufen. Und bei so mancher Käpt’n Stinkstiefel Geschichte habe ich die Abkürzung gewählt, weil ich eigentlich viel zu müde war und keine Lust hatte, mir immer wieder neue Abenteuer auszudenken.

Vielleicht ist es gerade dieses Wissen, das die Wehmut erklärt, die ich manchmal empfinde, wenn mir bewusst wird, dass die kleinen Jahre hinter mir liegen. Es ist die bohrende Frage, die uns wahrscheinlich alle umtreibt: War ich präsent genug? Habe ich genug gegeben? Was nehmen meine Kinder mit aus diesen kleinen Jahren, aus meinem Alltag, der ihre Kindheit ist?

Und dann kommen sie, mit ihren neuen Geschichten, ihrem Humor, ihren Sorgen und Nöten und bringen all das an unseren Esstisch und ich glaube, ich habe meine Antwort: Ja, es war genug. Nein, es war nie perfekt. Nie nur Bullerbü. Nie diese hundertprozentige Präsens, die alles drumherum ausblendet. Es war Alltag, unser Alltag. Einer, in dem ich in jedem Moment gegeben habe, was ich gerade konnte und der genau deshalb und nicht trotzdem kostbar war. Einer mit lauter Momenten, die genau deshalb in der Rückschau so leicht und warm und wunderschön aussehen, weil sie mitten in unserem Alltag stattfinden durften und nicht künstlich erhöht wurde aus Angst, dass es die letzten ihrer Art sein könnte.

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Fotos: Inka Englisch (Link)

Über mich:

Unternehmerin, Erziehungswissenschaftlerin, Familienberaterin, Autorin, dreifache Mama und vor allem für Sie und ihre Familie da.

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