Entwicklungskurven – wenn dein Kind hinterher ist

Kommentare 1
Die Krux mit den Entwicklungskurven

Das muss er jetzt aber eigentlich schon können. Kaum ein Satz triggert Eltern mehr, als dieser. Wenn in pädagogischen Gesprächen oder bei der U-Untersuchung dieser Satz fällt, gehen meistens alle Alarmglocken an. Oft folgt darauf ein Rattenschwanz an Folgeuntersuchungen, an Diagnostik und vor allem aber an Unsicherheit und Selbstzweifeln der Eltern. Dieser Weg bringt oft mehr Probleme mit sich, als er löst. Aber was kommen Eltern tun, wenn ihre Kinder scheinbar aus Entwicklungskurven rausfallen?

Warum gibt es Normkurven?

Da es für Familien oft eine große Belastung darstellt, wenn Kinder sich scheinbar nicht altersgerecht entwickeln, hört man immer wieder die Forderung, Entwicklungskurven weniger Beachtung zu schenken. Doch eigentlich hat das Beobachten und Protokollieren der kindlichen Entwicklung einmal als gute Sache begonnen. So schreibt die Professorin für Erziehungswissenschaft, Margit Stamm, dass wir heute über zum Glück über zahlreiche Forschungsergebnisse verfügen, die die Wichtigkeit von Diagnostik und Förderung in frühen Lebensjahren für den Lebenslauf von Kindern unterstreichen. Denn es ist gut, dass wir heute über Instrumente verfügen, die uns früh zeigen, wenn Kinder in einem Bereich mehr Unterstützung brauchen. Denn so fallen hinterher weniger durchs Raster.

Entwicklungskurve hinterfragen

Das Problem ist jedoch, auch das führt Stamm in ihrem Artikel aus, dass wir es dabei übertreiben. Es werden oft nicht zielsicher die Kinder rausgefiltert, die tatsächlich von früher Förderung profitieren, sondern es werden eine Menge Kinder in weitere Diagnostik oder gar Fördermaßnahmen gesteckt, die dort gar nicht hingehören. Der Bereich, den wir heute als “normal” etikettieren, ist schlicht zu eng. Dazu kommen häufig Fehldeutungen von kindlichem Verhalten, das zu unrecht pathologisiert wird. Oft spielen da auch Überforderung und Überlastung des Bildungssystems mit rein. Wer sich einfach um zu viele Kinder kümmern muss, empfindet störendes Verhalten einzelner oft als problematisch, auch dann, wenn es nur eine Nuance von “normal” ist.

Mut zum Zögern

Nicht jede Abweichung von der Entwicklungskurve muss deshalb sofort weiterführend diagnostiziert werden. Manchmal ist es einfach gut, sich eine zweite Meinung einzuholen oder auch die Umstände zu hinterfragen, unter denen die Einschätzung, dass “etwas nicht stimme” zustande kam. Ich unterstütze Eltern in meinen Beratungen dabei, Zugang zur eigenen Intuition zu bekommen – denn letztlich halte ich sie tatsächlich für die Expertinnen und Experten für ihre Kinder. Manchmal kommen die Eltern auf diesem Weg zurück in ein Grundvertrauen und entscheiden sich, erst einmal weiter zu beobachten und zu warten. Sehr oft erledigen sich vermeintliche Probleme dann tatsächlich von allein.

Unterstützung annehmen

Doch manchmal lohnt es sich tatsächlich, genauer hinzuschauen. Auch hier haben die Eltern nicht selten selbst schon ein Gefühl in diese Richtung gehabt. Dann finde ich es wichtig, diesen Weg auch zu gehen. Viele Mütter und Väter haben das Gefühl, dass ihnen fortan ein Stigma anhaftet, wenn ihre Kinder Unterstützung brauchen. Erwachsene sprechen oft nicht besonders wertschätzend über Kinder, die nicht den Entwicklungskurven entsprechen. Oft suchen sie zudem nach Schuldigen, nicht selten sollen das die Eltern sein. Viele schämen sich daher, wenn sich herausstellt, dass es irgendwo einen Förderbedarf gibt. Dabei sollte man allerdings nicht vergessen, dass es heute darum geht, Kinder für bestimmte Formen von Gesellschaft und Zusammenleben fit zu machen, die es so nicht zu allen Zeiten gegeben hätte. Manche Kinder bringen auf einem bestimmten Gebiet nicht alles mit, was sie dazu brauchen. Dafür haben sie ganz andere Stärken, die bei uns nur zur Zeit weniger gefragt sind. Dies als Stempel oder Manko anzusehen, ist engstirnig und wenig reflektiert. Letztlich erleichtern Eltern ihren Kindern die Anpassung in einer für sie schwierigen Umgebung, wenn sie sich Unterstützung holen. Das ist eine gute Sache

Förderung mit Augenmaß

Und doch gilt, dass man hier immer die Verhältnismäßigkeit wahren sollte. Wir müssen uns als Eltern davon verabschieden, dass unsere Kinder in allen Bereichen in den Entwicklungskurven bleiben. Förderung sollte da ansetzen, wo es wirklich dringlich und sinnvoll ist. Daneben ist es sehr wichtig, dass genug Zeit fürs Kind sein bleibt. Durchgetaktete Wochen, mit Therapien und Förderprogrammen können schnell das Gegenteil bewirken. An dieser Stelle wird oft der positive Effekt einer stinknormalen Wald-und-Wiesen Kindheit unterschätzt. Wenn Kinder keine Zeit mehr haben, mit Gleichaltrigen ohne pädagogischen Mehrwert die Gegend unsicher zu machen, dann nehmen wir ihnen wichtige Entwicklungserfahrungen.

KategorieDie kleinen Jahre Eltern sein

von

Eltern- und Familienberaterin, Autorin, Christin. Ehrenamtlich in der Familienarbeit meiner Gemeinde unterwegs und vor allem dreifache Mutter und Ehefrau.

Kommentar 1

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.