Mutterherzgedanken I

Schreibe einen Kommentar

Familienresillienz

„Schatz, der Stoff ist an der Luke gerissen“

Wir saßen vor unserem Wohnwagen auf einem Campingplatz an der Mecklenburger Seenplatte und ich beobachtete eine neu angekommene Familie beim Aufbau ihres beneidenswert schönen Zeltes. Die Mutter sortierte gerade ein paar Sachen und der Vater spannte das Zelt ab, während die drei Kinder der Familie mittendrin dies und das erledigten. Es sah gut aus, was sie da taten und routiniert. Bis dieser verhängnisvolle Satz fiel. In meinem Kopf gingen die Alarmleuchten an. Mitgefühl mit den Neuankömmlingen überflutete mich quasi sofort und noch ehe die Mutter von gegenüber sich das Malheur angesehen hatte, überlegte ich, wie ich bestmöglich unterstützen kann. Vielleicht könnte ich die Kinder kurz zu uns einladen, dachte ich. Denn aus eigener Erfahrung weiß ich, wenn man neu irgendwo angekommen ist und etwas wirklich Blödes passiert, können drei erschrockene Kinder die Situation zusätzlich verschärfen. Dann könnte ich ihnen den Hofladen zeigen – der anders als sein Name vermuten lässt, eigentlich ein gut sortiertes Mini-Outdoor Geschäft war. Vielleicht würden sie da eine Notlösung finden, die ihren Urlaub retten könnte. Und darüber hinaus stände bei uns für den ersten Schreck wahlweise Bier oder Kaffee bereit. Doch ich kam nicht dazu, meinen Notfallplan zum Einsatz zu bringen. Stattdessen sah ich mit offenem Mund zu, wie die Camperin von gegenüber das Loch im Zelt besah, nickte, in ihrer Tasche wühlte und einige Minuten später völlig ohne Aufregung, mit Brille auf der Nase und Nähzeug in der Hand, dasaß und den Zeltstoff flickte. Neben ihr saßen zwei ihrer drei Kinder und sahen ihr zu. Keiner weinte. Keiner schrie. Keiner wirkte auch nur sonderlich nervös. Familienresillienz – schoss es mir durch den Kopf – und zwar eine beachtliche Menge davon.

Nun habe ich leider die Angewohnheit, mich in solchen Fällen zu fragen, wie wir wohl in derselben Situation gehandelt hätten. Und leider neige ich dazu, mit uns oft überkritisch ins Gericht zu gehen. Wir hätten uns bestimmt erstmal so richtig gestritten, schoss es mir durch den Kopf. Irgendeiner von uns mit Nerven oft unterausgestatteten Erwachsenen hätte das böse Wort Heimfahren in den Mund genommen. Daraufhin hätten drei Kinder heftigst zu weinen angefangen und wir wären eine Weile hilflos gewesen. Bis wir schließlich doch eine Lösung für das Problem gefunden hätten. Es hätte dann Entschuldigungen und Umarmungen gehagelt und Kaffee und Süßigkeiten (und je nach Uhrzeit Bier) für alle.

Dass ich zu streng mit uns war, dämmerte mir bereits einige Tage später, als an unserem Wohnwagen der Spülkasten vom Campingklo kaputt ging, wir Erwachsenen es leicht genervt zur Kenntnis nahmen, drei volle Wasserflaschen in unser Mini-Bad stellten und weiterurlaubten.

Stärker wurde unsere Familienresillienz einige Tage später auf die Probe gestellt. Die Wanderung, die wir machten, war eigentlich wunderschön. Entlang der Müritz und ihren Kanälen, deren Wasser so klar war, dass man bis auf den Grund gucken konnte. Wir waren bis zu einer Mühle gelaufen und wollten langsam den Rückweg antreten, als wir es merkten: Ein Kind hatte seinen Beutel verloren. In diesem Beutel war nicht nur die Trinkflasche, sondern auch das Handy, der Geldbeutel und das Lieblingsbuch. Wir überlegten fieberhaft. Wann hatten wir den Beutel das letzte Mal gesehen? Wo hatte das Kind ihn abgelegt? Ja, ein paar Tränen flossen. Doch vor allen Dingen setzten drei Geschwister, die sich sonst nicht immer grasgrün sind, gemeinsam zum Spurt an, denn nach sorgfältiger Prüfung der vielen Fotos, die wir so unterwegs voneinander schießen, war klar, dass der Beutel seit unserem Picknick am Müritzstrand verschwunden war. Und das war weit. Doch die Kinder rannten los und wir Erwachsenen gaben uns Mühe, Schritt zu halten. Keiner klagte. Keiner machte dem anderen Vorwürfe oder stellte komische Fragen. Der große Junge hatte am meisten Kondition und überreichte seiner Schwester schließlich am Rande des Spielplatzes, an dem wir vor über einer Stunde unsere belegten Brötchen gegessen hatten, ihren Beutel. Wir anderen ließen uns völlig kaputt auf die nächste Bank plumpsen. Ich war erleichtert und ziemlich sentimental stolz auf uns alle. Zum Glück sind wir noch nicht am Süßigkeitenwagen vorbeigerannt, flüsterte das kleine Kind. Denn der befand sich kurz vor unserem Parkplatz und wir hatten ihr versprochen, da am Ende der Wanderung noch einmal vorbeizuschauen. Und dort gab es dann Riesenlollies und Crêpes für alle und 10 wachsame Augen passten auf, dass auch ja alles wieder mitkam.

Mutterherzgedanken ist eine neue Rubrik auf meinem Blog. Hier ist zukünftig mein Ort für die gute, alte Tagebuchbloggerei, die ich zwischen all den Redaktionsplänen und Fachartikeln sehr vermisst habe. Einfach über das, was mich umtreibt und ich gern mit euch teilen würde.

KategorieMutterherzgedanken

von

Eltern- und Familienberaterin, Autorin, Christin. Ehrenamtlich in der Familienarbeit meiner Gemeinde unterwegs und vor allem dreifache Mutter und Ehefrau.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.