Mein Kind kann nicht einschlafen.

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Ich erinnere mich noch gut an diesen einen, fürchterlichen Abend. Es war ein kalter Frühling gewesen. Nass und ständig grau. Während wir normalerweise ab Mai abends lange draußen sitzen, war es diesmal selbst im Juni noch zu frisch dazu. Doch dann kam er – der eine erste laue Sommerabend. Der Abend, an dem die sozialen Netzwerke geflutet wurden von Fotos von Menschen, die das erste Glas Wein draußen tranken oder mit einem Buch auf dem Schoß im Liegestuhl saßen. Nur ich konnte nichts dazu beitragen. Ich war nicht draußen. Ich saß im Kinderzimmer – stundenlag am Bett meines Kindes. Die Einschlafbegleitung wollte in dieser Nacht nicht enden. Ich kann nicht einschlafen, nuschelte das Kind im Minutentakt in mein Ohr und immer, wenn es das mal kurz nicht tat und ich vorsichtig versuchte, meine Hand aus seinem Griff zu entwinden und mich langsam rauszuschleichen, wurde der Druck der Kinderhand wieder stärker. Ich verzweifelte. Irgendwann schimpfte und brüllte ich. Das Kind weinte und ich weinte mit. Was für ein schrecklicher erster warmer Sommerabend!

Ich wünschte, ich hätte damals so viel über Kinderschlaf gewusst, wie ich heute weiß. Dann hätte ich auch draußen sitzen können. Vielleicht mit einem Glas Wein oder einem Buch auf dem Schoß. Und das Kind hätte irgendwo auf der Wiese gespielt, bis ihm die Augen zugefallen wären oder mir. Doch damals dachte ich noch, dass Kinder zu einer bestimmten Zeit im Bett liegen müssen und dass es nicht möglich ist, selbst vorher zur Ruhe zu kommen. Dabei ist der Weg zu gutem Kinderschlaf wie alles eine Frage der Perspektive und des genauen Beobachtens. Damit Kinder gut einschlafen, müssen nämlich verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein. Zunächst einmal die wichtigste:

Das Kind muss müde sein

Ein Kind, das nicht müde ist, wird auch nicht einschlafen. Es ist in etwa so, als ob wir uns hellwach ins Bett legen und fest versuchen, einzuschlafen. Vielleicht auch noch mit einem Gedanken im Hinterkopf, der Druck macht. Ich muss aber schlafen, weil ja morgen dieser frühe Termin ist. Sind wir ehrlich – diese Kombination aus zu frühem Hinlegen und Druck ist ein Garant dafür, dass wir Erwachsenen die halbe Nacht wachliegen. Nicht viel anders ist es bei unseren Kindern. Wenn diese aus irgendeinem Grund noch nicht müde sind, dann werden sie auch nicht einschlafen. Es ist für uns also zuerst einmal wichtig herauszufinden, wann unsere Kinder ihren “Müdepunkt” erreicht haben. Wenn wir eine sehr regelmäßige Struktur haben, wird dieser Punkt meistens in etwa zur selben Zeit kommen und wir können unseren Alltag darauf ausrichten und das Abendritual rechtzeitig beginnen. Wichtig ist hier, dass wir nicht zu spät anfangen – denn ein zu übermüdetes Kind kann nicht mehr gut mit uns kooperieren und Stress beim Bettfertig machen ist vorprogrammiert.

Wenn der Müdepunkt überschritten ist, kann man nicht schlafen

Dazu kommt, dass Kinder (ähnlich wie Erwachsene) auch nicht automatisch immer müder werden. Wir selbst kennen sicher den Satz “Ich bin über meinen kritischen Punkt drüber”, wenn wir zum Beispiel abends schon einmal sehr müde waren und uns auf einmal wieder hellwach fühlen. Auch bei Kindern gibt es solche “kritischen Punkte”. Sind diese einmal darüber hinweg, dauert es eine ganze Weile, bis sie da wieder hinkommen. Dazwischen sind sie tatsächlich wieder viel zu wach, um einschlafen zu können. Wenn uns also wichtig ist, dass unsere Kinder zu einer bestimmten Zeit einschlafen, müssen wir unser Einschlafritual auf den Müdepunkt ausrichten.

Besonderheiten beim Einschlafen beachten

Doch auch bei einer regelmäßigen Struktur kann es vorkommen, dass unsere Kinder nicht zur gewohnten Zeit einschlafen können. Dafür kann es verschiedene Gründe geben. Besonders viele Reize sind denkbar oder dass das Kind mit etwas seelisch beschäftigt ist. Aber auch ungewöhnlich hohe Temperaturen und Abende, die auf einmal lange hell sind, wirken sich bei manchen Kindern auf das Schlafverhalten aus. Auch hier ist es wichtig zu verstehen, dass man das Einschlafen der Kinder nicht erzwingen kann. Stattdessen ist es wichtig zu schauen, um was es eigentlich geht.

Kinder müssen nicht schlafen, damit wir entspannen können

Oft geht es nämlich bei dem Wunsch, dass das Kind früh ins Bett geht, gar nicht so sehr um unsere Angst, dass unser Kind tatsächlich zu wenig Schlaf bekommt. Viel mehr steckt unser eigener Wunsch nach Entspannung und Erholung und vielleicht ein bisschen Paarzeit dahinter. Das ist auch nur allzu verständlich. Tage mit Kindern sind oft lang und die Zeit für uns selbst bleibt dabei nicht selten auf der Strecke. Auch viele To-Dos verschienen wir gern auf den Abend, wenn die Kinder “endlich” ins Bett gehen. Kein Wunder, dass wir in Stress geraten, wenn ausgerechnet dann das Einschlafen nicht funktioniert. Doch manchmal – gerade an schönen, hellen und warmen Sommerabenden kann man genau diesen Moment eben nicht erzwingen (auch wenn einem Ratgeber bis heute etwas anderes suggerieren). Daher empfiehlt sich die Frage danach, wie wir entspannen können, wenn die Kinder noch wach sind.
Was brauchen wir, um trotzdem abschalten zu können? Können wir es uns zusammen mit den Kindern schön machen? Kann es eine Abmachung geben? Bei einige Familien funktioniert zum Beispiel der Kompromiss, dass die Kinder sich mit irgendetwas leise beschäftigen können (Buch anschauen, Puzzle machen, kneten, malen, usw.) und die Eltern schauen dabei auf dem Handy einen Film, lesen ein eigenes Buch oder gehen ihren Hobbys nach. Oder ihr geht alle zusammen noch einmal nach draußen und schaut den Sternenhimmel an.

Schlafen muss mit schönen Dingen assoziiert sein

Es gibt einen weiteren Grund, warum allabendliche Einschlafkämpfe oder gar Schlafprogramme, die auf Trennung beruhen, keinen Sinn machen. Damit Kinder ein gesundes Schlafverhalten entwickeln, muss das abendliche ins Bett gehen etwas sein, das sie mögen. Ein schöner Moment am Tag. Ein gemütlicher, geborgener und sicherer Abschluss. Niemand schläft, wenn er sich fürchtet, sich ärgert oder traurig ist. Wir müssen darauf achten, dass die letzte Zeit des Tages für unsere Kinder eine schöne Zeit ist. Druck und Schimpfen führen zum gegenteiligen Effekt und sind daher kontraproduktiv, wenn ein Kind gut einschlafen soll.

Kraftoasen in den Tag einbauen

Damit wir Eltern lange Abende und schwierige Übergänge gut aushalten, ist es wichtig, dass wir für uns gut sorgen. Wenn die Erholung für einen gewissen Zeitraum nicht abends stattfinden kann, brauchen wir andere Zeitfenster am Tag dafür. Wir dürfen uns überlegen, wie das gehen kann. Manchen Familien hilft es, das Kind eine Stunde länger in der Kita anzumelden und nach der Arbeit noch in Ruhe einen Kaffee zu trinken, bevor es ans Abholen geht. Andere spannen regelmäßig Großeltern, Babysitter oder andere Eltern in Form von Spielverabredungen ein, um ein bisschen Zeit für sich selbst zu bekommen. Ähnlich wie am Abend können aber auch im Laufe des Tages mit dem Kind kleine Zeitfenster verabredet werden, in denen Mama oder Papa etwas alleine machen und die Kinder ruhig spielen.

Paarzeit planen

Ähnlich wie die eigene Erholungszeit sollte man in solchen Phasen die Paarzeit planen. Denn wenn so gar kein Raum am Tag mehr bleibt, weil die Kinder bis 22 Uhr mit uns im Garten sind, ist das für Eltern manchmal echt frustrierend. Auch hier lohnt es sich, genau hinzuschauen, wie das abgefedert werden kann. Nicht alle Eltern arbeiten in einem nine-to-five Rhythmus und haben nur abends Zeit. Manchmal ergibt sich bei genauerem Hinsehen ein Zeitfenster am Vormittag oder zu einem gemeinsamen Mittagessen, das schon einmal ein Anker sein kann. Gerade die Pandemie hat hier ja auch Chancen eröffnet, wenn zum Beispiel beide Partner viel im Homeoffice sind. Darüber hinaus lohnt es sich immer, egal wie gut gerade welches Kind schläft, eine Person zu finden, die unser Kind abends auch mal betreuen und ins Bett bringen (oder mit ihm unterm Sternenzelt sitzen kann). Solche Babysitter sind echt Gold wert. Nutzt sie und geht von Zeit zu Zeit miteinander aus – und wenn es nur mit der Picknickdecke in den Park ist.

Wenn ihr mit diesen Ideen ein bisschen Druck aus der Frage genommen habt, wann und wie euer Kind einschläft, werden die Abende automatisch etwas entspannter werden und das Einschlafen weniger stressbelastet. Das hilft am Ende allen.

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von

Eltern- und Familienberaterin, Autorin, Christin. Ehrenamtlich in der Familienarbeit meiner Gemeinde unterwegs und vor allem dreifache Mutter und Ehefrau.

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