Mein Kind hat schlechte Noten

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Morgen ist es soweit – das Schuljahr endet und wir freuen uns wie verrückt. Wie jeden Sommer bin ich voller kribbeliger Vorfreude. Wir haben bereits ein paar Kleinigkeiten geplant, um die Kinder in den Ferien willkommen zu heißen und mit ihnen zu feiern, dass wieder ein Schuljahr geschafft wurde. Und was für eins das wieder war! Die Kinder und wir freuen uns gleichermaßen. Ich würde behaupten, der Freitag, an dem es Sommerferien gibt, zählt zu den schönsten im Jahr, denn wir starten in unsere Lieblingszeit.
Doch ich weiß, dass das nicht überall so ist. Manche Kinder laufen morgen mit hängendem Kopf über den Schulhof und manche Eltern stehen mit schwerem Herzen vor den Toren und warten. Denn so sehr wir alle immer wieder betonen, dass wir den Tag feiern, nicht die Noten, wenn ein Kind in der Schule Probleme hat, belastet es den Familienalltag doch oft.

Das Gefühl versagt zu haben

Zum einen suchen wir Eltern den Grund für schlechte Noten oft bei uns selbst. Dieser Punkt hat sich während der Coronakrise noch zugespitzt. Immerhin sind wir es doch, die in den letzten eineinhalb Jahren für vieles verantwortlich waren, was unsere Kinder gelernt oder nicht gelernt haben. Und wenn dann viele Kinder so viel besser durch diese Zeit gekommen sind, als unsere, dann muss doch bei uns etwas falsch sein, oder? Die Mutter von dem Kind zu sein, das Vieren und Fünfen schreibt, das fühlt sich oft nach einem fetten Stempel auf der Stirn an. “Dann hat die doch nicht mit ihr geübt” hörte ich mal zwei Frauen vor der Schule über eine dritte Mutter tratschen, deren Kind im Diktat eine Sechs hatte. Klar – wenn es nicht läuft, dann sind wir Mütter schuld. Wer auch sonst? (Wenn es hingegen gut läuft, dann ist es meistens Zufall oder Glück). Es scheint in unserer Gesellschaft vielen schwerzufallen zu sehen, dass an Familien, deren Kinder nicht gut im Schulsystem zurechtkommen, nicht unbedingt etwas falsch sein muss.

Bei schlechten Noten nicht schimpfen

Oft fällt es uns auch selbst schwer, dies zu akzeptieren. Wenn unser Kind vorübergehend oder dauerhaft nicht gut in der Schule klarkommt, glauben wir häufig, wir müssten nur die richtigen Hebel ziehen, dann würde das wieder laufen. Der richtige Hebel – das ist in manchen Köpfen immer noch der der Strenge und Härte. Auch heute haben manche Schülerinnen und Schüler noch Angst, dass sie “richtig Ärger” bekommen, wenn ihr Zeugnis zu schlecht ist. Doch das ist nicht hilfreich. Zum einen sind Kinder, die in der Schule Misserfolge erleben, sowieso schon belastet. Auch wenn es gerade bei älteren Kids oft nicht so aussieht – schlechte Noten sind ihnen nicht egal. Was sie brauchen ist jemand, der sie auffängt. Einen sicheren Ort, an dem ihre Wertigkeit nicht von ein paar Zahlen auf einem Stück Papier abhängt. Ist dieser sichere Rahmen gegeben und das Kind gut gehalten, können wir schauen: Was braucht es? Bei vorübergehenden Schulproblemen sind es oft Kleinigkeiten. Eine neue Struktur, vielleicht Unterstützung von außerhalb in einem Fach, das besonders Probleme bereitet. Vielleicht aber auch den Wechsel auf eine anderen Schulform.

Hobbys fördern

Oft gibt es unter Eltern auch den Impuls, bei schulischen Misserfolgen die außerschulischen Aktivitäten zu begrenzen. Doch oft führt dies zu zusätzlichem Schmerz und Druck. Dazu kommt, dass viele Kinder Stärken und Talente haben, die unser Schulsystem nicht abbilden kann – die aber im Freizeitbereich gefördert werden können. Diese Art von Erfolgserlebnissen sind wichtig, gerade wenn es in der Schule nicht läuft. Wir wissen sogar, dass sich erfüllende Freizeitgestaltung dauerhaft positiv auf das Lernen auswirken kann.

Ängste hinterfragen und Erwartungen anpassen

Wenn uns schulischer Misserfolg von Kindern gar zu sehr belastet, ist es ein Grund, unseren eigenen Gefühlen nachzuspüren. Was fürchten wir, wenn unser Kind sich nicht so leicht mit den Anforderungen in der Schule tut? Welche Zukunftsvorstellungen haben wir gehabt und was müssen wir vielleicht loslassen? Wie definieren wir selbst Erfolg und Lebenszufriedenheit? Welche Erwartungen verknüpfen wir mit guten Noten? Und dann ist natürlich ein ehrlicher Blick auf das eigene Kind wichtig. Was kann es? Wie weit kann es nach momentanem Stand in diesem System kommen? Ist unsere ursprüngliche Vorstellung – zum Beispiel das Abitur – realistisch für dieses Kind schaffbar? Welcher Weg könnte es stattdessen werden und wieso bewerten wir ihn in unserem Kopf als “schlechter”?

Das Gelernte feiern, nicht die Noten

Und letztlich sollte der Freitag vor den Sommerferien auch für die Schülerinnen und Schüler ein Grund zu feiern sein, deren Zeugnisse nicht voller Einsen und Zweien sind. Denn auch sie haben wieder ein Schuljahr geschafft. Auch sie haben sich wieder durchgebissen und sich angestrengt. Und vor allen Dingen haben auch sie eine Menge neuer Dinge gelernt. Statt auf die Noten können Eltern auf den Lernzuwachs schauen. Was können die Kinder jetzt, von dem sie vor einem Jahr noch keine Ahnung hatten? Die ersten Wörter in einer neuen Fremdsprache? Eine neue Rechenart? Haben sie als Klasse einen dicken Wälzer gelesen oder in Sport zum ersten Mal ein neues Mannschaftsspiel gespielt? Konnten Schwimmabzeichen gemacht werden oder im Kunstunterricht eine neue Maltechnik ausprobiert? Haben sie eine Tonleiter gelernt oder wissen sie auf einmal eine ganze Menge über die Antike? All das ist ihr Lernzuwachs – und der ist es, auf den es wirklich ankommt. Egal welche Zahl im entsprechenden Fach auf einem Stück Papier steht.

Der Freitag, an dem die Sommerferien beginnen, der ist immer ein Tag zum Feiern. Geht in die Eisdiele oder baut euch zu Hause selbst eine. Reserviert einen Tisch in der örtlichen Pizzeria oder lasst eine Familienpizza nach Hause liefern. Fahrt ausnahmsweise einen widerlichen Fast-Food Tempel an und bestellt das volle Programm. Plant einen Kurztrip fürs Wochenende oder einen Filmabend mit Popcorn und Cola. Zündet ein Feuer im Garten an oder picknickt auf dem Spielplatz. Egal wie – feiert diesen Tag!

KategorieEltern sein

von

Eltern- und Familienberaterin, Autorin, Christin. Ehrenamtlich in der Familienarbeit meiner Gemeinde unterwegs und vor allem dreifache Mutter und Ehefrau.

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