Eisheilige – Familienleben zwischen drin und draußen

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Jörg Kachelmann hat mir eine der wichtigsten Illusionen meines bisherigen Erwachsenenlebens geklaut: Die Eisheiligen. Sind denn die Eisheiligen schon durch, frage meine Oma uns in ihren letzten, von Demenz geprägten Lebensjahren immer mal wieder. Dahinter stand die Erinnerung an das, was ihr ganzes Leben getragen hatte: Ein Leben in und mit der Natur und den Jahreszeiten. Sie war auf einem Bauernhof großgeworden und später bewirtschaftete sie zusammen mit meinem Opa einen Selbstversorgergarten, der sie und ihre drei Söhne ernährte. Zu wissen, ob die Eisheilgen durch waren, war für sie wichtig. Denn frostempfindliche Pflanzen dürfen erst danach nach draußen.

Nun musste ich in den letzten Jahren dank Twitter lernen, dass es sowas wie die Eisheiligen nicht gibt. Es ist wohl keineswegs so, dass die letzten Frostnächte des Frühlings jedes Jahr in etwa auf bestimmte Namenstage christlicher Heiliger fallen. Eigentlich hätte ich es mir fast denken können, dass der Frost nicht auf den Kalender schaut und sich denkt oh, morgen hat Mamertus Namenstag, das heißt, ich muss ran, jetzt aber noch schnell ein Geschenk besorgen. Und obwohl dies geradezu offensichtlich auf der Hand liegt, halte ich am Konzept der Eisheiligen fest. Veronika Smoor – meine große Garten- und Bloggerinspieration schrieb letztes Jahr: Vor Nachtfrost bist du nie sicher, bis Sofie vorbüber ist. Und mit dieser Weisheit bin ich bisher auch gut gefahren.

Die Eisheiligen – es mag sie geben oder auch nicht – sind für uns ein wichtiger Anker im Leben mit der Natur. Dank unserer Terrasse mit beinahe Südlage verlagern wir zwar Teile unseres Familienlebens am liebsten schon im Februar nach draußen und unsere Kinder laufen Barfuß und in T-Shirts, während die Nachbarskinder noch Schals und Mützen tragen. Und doch lehnen wir ihre Bitte nach dem Planschbecken und anderen Wasserspielsachen um diese Zeit noch ab. Unser Garten befindet sich im Übergang und die Kälte lauert hinter jeder Ecke. Gerade in Zeiten des Klimawandels feiere ich diese Zeiten, in denen ich den Kindern zeigen kann, was für unsere Gegend eigentlich normal ist: Schnee im Februar und März – ein paar Schauern sogar im April. Frostnächte im Mai. Einbrüche und Rückschläge, wenn man eigentlich dachte, man hätte den Sommer schon für sich gewonnen. Auf einen T-Shirt Tag kann Anfang Mai jederzeit noch einmal einer im dicken Pulli folgen.

Eisheilige als meterologische Singualität mag es nicht geben. Aber wie die meisten Bauernregeln hat auch die mit der Kalten Sofie einen tieferen Sinn: Die warmen Tage, die wir manchmal Anfang Mai oder sogar schon im April genießen dürfen, sind trügerisch. Wenn wir uns zu sicher fühlen und unsere empfindlichen Pflanzen vor die Tür stellen, kann das schnell nach hinten losgehen. Je weiter wir in die zweite Maihälfte kommen, desto unwahrscheinlicher werden hingegen Nachtfröste.

Und um dieses Gespür für die Natur und ihre Jahreszeiten geht es mir. Unsere Kinder lernen etwas Wertvolles, wenn sie verstehen, dass alte Bauernregeln zwar nicht immer wissenschaftlich haltbar sind, aber man aus manchen Dingen nützliches Wissen ableiten kann. Außerdem hilft das Wissen um die Normalität von frostig kalten Nächten und weniger schönen Tagen im Mai auch, wenn sie dann da sind. Denn wer sehnt sich nicht ab spätestens Mitte April nach Wärme und Sonne und wer vergisst nicht an so manchem heißen Tag, dass wir eben noch keinen Sommer haben? Wissen wir jedoch, dass dem so ist, können wir es annehmen und die kleine Frühlingsunterbrechung (oder wie in diesem Jahr die große Verzögerung) kuschelnd vorm Kamin aussitzen.

KategorieFamilie leben

von

Eltern- und Familienberaterin, Autorin, Christin. Ehrenamtlich in der Familienarbeit meiner Gemeinde unterwegs und vor allem dreifache Mutter und Ehefrau.

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