Übers Mütend sein – Eltern in der Pandemie

Kommentare 1
mütend sein

Neulich hatte ich einen echt schwierigen Abend. Einen von der Sorte, bei der du nicht mal mehr in der Rückschau irgendwas Positives erkennen kannst. Einer, der kein Lerngeschenk war. Keiner, bei dem aus schweren Erziehungssituationen plötzlich Nähe zwischen dir und deinem Kind entsteht. Einer, er einfach zum Kotzen bleibt, egal wie man es dreht und wendet. Ein Abend, der nach Vergebung schrie und einer, der dringend genau unter die Lupe genommen werden wollte. Ein Abend, an dem mir klar wurde, wie mütend ich eigentlich bin.

Alles begann mit schlechter Planung und nicht gut übernommener elterlicher Führung, ging weiter mit zu hohen Erwartungen, zog traurige Verbissenheit auf beiden Seiten nach sich und endete in Tränen und völliger Erschöpfung.

Eine Mischung aus müde und wütend

Doch was hätte er gebraucht, dieser so schwierige Abend? Absprachen, klar. Klarheit, geschenkt. Eine Portion Realismus kann nie schaden. Loslassen und ein bisschen Hingabe vielleicht. Doch für all das war ich viel zu mütend! Das Wort mütend wurde meines Wissens auf Twitter erfunden. Es ist eine Mischung aus wütend und müde – und beschreibt damit ganz gut den Zustand, in dem sich viele Eltern mittlerweile befinden. Wir sind müde. Unendlich, unsagbar, unfassbar müde. Und wir sind wütend. Unendlich, unsagbar, unfassbar wütend. Wir sind müde davon, immer wieder den Laden zu schmeißen. Wir sind müde davon, immer wieder Job, Kinderbetreuung und Beschulung wuppen zu müssen. Wir sind müde davon, dauernd Entscheidungen treffen zu müssen, für die es von Seiten der Politik keine klare Linie gibt.

Und wir sind wütend. Wütend, weil wir merken, dass wir zwar schreien und jammern können, aber halt nicht gehört werden. Wütend, weil seit 14 Monaten politische Entscheidungen getroffen werden, die uns nicht helfen. Wütend, weil man glaubt, ein paar Kindkranktage zusätzlich würden unsere Situation ausreichend verbessern. Wütend, weil wir sehen, dass unsere Kinder so viel von ihrer eigenen Kultur und Lebensfreude verlieren. Wütend, weil so fürchterlich falsche Werte die Debatten dominieren. Wütend, weil Schule und Lehrplan mit Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen gleichgesetzt werden. Wütend, weil aus allem, was gesagt und getan wird sichtbar wird, wie wenig Kinder in unserer Gesellschaft wert sind. Wütend, weil stattdessen fiktive Einkommensverluste aus den angekrusteten Kaffeetassen von Bildungsökonomen herausgelesen werden – als sei das das Maß aller Dinge. Wütend, weil von uns Eltern so viel abverlangt wird.

Mütende Menschen sind weniger einfühlsam

All das läuft gleichzeitig in uns ab – und verbindet sich miteinander. Heraus kommt Mütigkeit. Wir sind mütend. Mütend sein ist nicht das gleiche, wie wütend sein. Denn der Wut wohnen viele nützliche Funktionen inne. Sie ist eine wertvolle Information über uns selbst, unsere Grenzen und das sie verletzt werden. Sie zeigt uns, das etwas nicht in Ordnung ist und dass wir Grund haben, alarmiert zu sein. Richtig übersetzt kann Wut uns Energie zum Handeln liefern. Wenn wir sie gut regulieren können, dann sogar zum konstruktiven Handeln.

Mütende Menschen haben diese Energie nicht mehr. Die Wut kann nicht mehr in positiver Weise genutzt werden. Mütend sein ist gefährlich. Mütend sein kann uns krank machen. Kürzlich las ich, dass Psychiater mittlerweile davon ausgehen, dass Menschen, die ihren eigenen Zustand während der Pandemie als irgendwie mittelmäßig beschreiben, in einigen Jahren psychische Probleme bekommen könnten. Der Zustand, in dem wir gerade sind, hält uns davon ab, gut zu spüren, was in unseren Körpern und unseren Seelen vor sich geht. Wir merken nicht, dass wir schon jetzt weniger empfinden, uns schwerer tun, positiv nach vorne zu schauen und dass wir unsere Kraftreserven restlos aufbrauchen. Und unsere Selbstwirksamkeitserwartung lässt nach. Wir haben weniger das Gefühl, diese Situation in einer für uns günstigen Weise beeinflussen zu können.

Doch nicht nur für unser zukünftiges Wohlbefinden ist es ein Problem, wenn wir dauer-mütend sind. Wie sich an meinem Beispiel von neulich zeigt, ist es auch für das Hier und Jetzt ein Problem. Wenn wir mütend sind, sind wir automatisch weniger offen und einfühlsam. Wenn wir eine Mischung aus Wut, die wir nicht gut regulieren oder konstruktiv umsetzen können und Erschöpfung in uns tragen, haben wir es gleich in zweifacher Hinsicht schwerer, uns unseren Kindern gegenüber zugewandt zu verhalten. Wir rutschen leichter in ungute Verhaltensmuster und auch in negative Gedanken über sie und ihr Verhalten hinein. Wir können Impulse, uns ihnen gegenüber abwertend und vielleicht sogar gewalttätig, in jedem Fall wenig zugewandt zu verhalten, weniger gut regulieren. Die Folge sind unschöne Szenen, wie sie, wenn wir ehrlich sind, in jedem Familienleben einmal vorkommen.

Die Gefühle wieder trennen

Doch dass sie vorkommen, heißt nicht, dass sie in Ordnung sind. Sie sind schmerzhaft für alle Beteiligten. Doch heißt das jetzt im Umkehrschluss, dass wir Eltern nun eine weitere Anstrengung unternehmen müssen und uns selbst aus diesem Zustand des Mütend seins rausarbeiten müssen, den wir uns selbst nicht eingebrockt haben? Nein – eigentlich würde das heißen, dass Politiker:innen endlich verantwortungsvoll ihren Job tun müssten, Schulämter Schulen dazu anhalten müssten, endlich von der Idee wegzukommen, dies sei ein normal bewertbares Schuljahr und statt Klassenarbeiten Kleingruppentreffen auf der grünen Wiese stattfinden müssten. Wir bräuchten Kleingruppenbetreuung mit Pooltestung für Kitakinder. Und vorgezogene Impftermine für Eltern. Aber darauf werden wir noch lange vergeblich warten.

Also ja – wir müssen selbst aktiv werden. Aber nicht mit Anstrengung und dem Anspruch, endlich nicht mehr mütend zu sein. Vielmehr müssen wir versuchen, diese beiden Zustände wieder voneinander zu trennen. Dafür muss uns bewusst werden, was uns wütend macht und was müde. Wir müssen es aussprechen. Wieder Worte dafür finden. Vielleicht aufschreiben. Und schauen, wo wir zumindest ein bisschen gegensteuern können. Am besten, wir machen das nicht allein, sondern zusammen mit unseren Familien, mit Freunden, am virtuellen Lagerfeuer – oder hier. Wenn ihr mögt, schreibt es mir in die Kommentare. Was macht euch gerade wütend? Was macht euch müde? Was gibt euch Kraft?

KategorieEltern sein

von

Eltern- und Familienberaterin, Autorin, Christin. Ehrenamtlich in der Familienarbeit meiner Gemeinde unterwegs und vor allem dreifache Mutter und Ehefrau.

Kommentar 1

  1. Simone Girrbach 8. Mai 2021

    Hallo Daniela,
    Habe eben über die Suchmaschine deinen Artikel zu den Beleidigungen entdeckt. Ich wurde heute auch als “Blöde Kaka Mama” beschimpft… und nun habe ich auch noch den “Mütend”-Artikel gelesen. Vielen Dank dafür. Beide haben mich sehr angesprochen…
    Liebe Grüße
    Simone, ebenfalls 3fach Mama

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.