Mit leeren Händen

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Letztes Jahr um diese Zeit war ich voller Ideen, Ziele und Träume. Endlich durchstarten. Endlich mein Kleinunternehmen auf die nächste Stufe heben. Ich hatte Anfragen für wirklich spannende Vorträge. Tolle Kontakte geknüpft. Plante seit Wochen ein riesiges Onlineprojekt. Ich hatte schon richtig viel Zeit dort hineininvestiert und vor fast genau einem Jahr sollte der entscheidende Schritt zur Umsetzung folgen. Doch dann kam Corona.

Wir mussten unsere Pläne verschieben. Schlimmer noch – das Projekt komplett aufgeben. Die Kooperation von mir und meiner damaligen Partnerin platzte. Eine Menge Arbeit lag unverwertet auf meinem Schreibtisch. Parallel wurde ein Vortrag nach dem anderen abgesagt. Andere Anfragen kamen erst gar nicht mehr zustande. Eine langjährige Zusammenarbeit wurde aufgekündigt, weil man sich durch die Krise meine Dienste nicht mehr leisten konnte. Da stand ich. Mit nichts in den Händen.

Doch wenn ich heute auf dieses Jahr zurückschaue, stelle ich etwas ganz Erstaunliches fest: Dieses Nichts war genau das, was die Welt (zumindest meine kleine Welt) in diesem Moment gebraucht hat. Ich konnte in den letzten 12 Monaten keine vollen Hände haben. Sie mussten leer sein. Sie wurden gebraucht. Sie wurden gebraucht, um drei Kinder zu versorgen, die die Mehrheit dieser Zeit zu Hause verbracht haben. Meine leeren Hände mussten den Drucker bedienen und Arbeitsblätter hochladen. Sie mussten unzählige Mahlzeiten zubereiten und genauso viele Tränen trocknen. Sie mussten ein volles Haus halbwegs in Schuss halten und Sauerteig ansetzen, weil plötzlich die Hefe ausverkauft war. Sie wurden für Hochbeete und Kräutergärten gebraucht. Zum Obst pflücken und Katzen streicheln. Zum Kater beerdigen und Kinder umarmen. Sie hielten die Hände meines Mannes nach manchem stressigen Tag und sie streichelten ein letztes Mal die Wangen meiner sterbenden Oma.

Mit meinen Händen tippte ich Nachrichten an müde, traurige oder verzweifelte Freundinnen und bastelte zu jeder Jahreszeit passenden Fensterschmuck. Ich öffnete damit unzählige Zoomfenster und gab mir Mühe, unseren Hauskreis beisammen zu halten. Ich buk Kuchen und servierte ihn Menschen, die ich mag, auf Abstand auf meiner Terrasse. Ich flocht zu lang gewordene Kinderhaare zu Zöpfen und klebte Pflaster auf Knie – und manchmal auf blutende Seelenfleckchen.

Ich organisierte mit meinen Händen genügend Masken für alle, die ich liebe und geschützt wissen möchte und rieb sie mir selbst rau am Desinfektionsspray. Ich hatte trotz allem noch eine Hand und einen Platz am Tisch übrig für das Kind meiner Freundin und zeigte manchmal mit drohendem Zeigefinger auf zu viel quatschende Homeschülerinnen. Ich knetete Pizzateig und servierte ihn meiner Heldenfamilie jeden Freitag. Ich winkte Menschen zu, die ich sonst umarmt hätte und half Kindern, ihre Masken richtig aufzuziehen. Ich faltete meine leeren Hände an jedem einzelnen Abend zum Gebet und schief darüber ein, bevor ich Amen sagen konnte.

Meine Finger, durch die mir meine Projekte zuvor wie Sand gerieselt waren, hauten im letzten Sommer wie wild in die Tasten, um meine Gedanken in ein Buch zu packen, statt sie in Vorträgen und Onlinekursen weiterzugeben. Aber ich tippte sie mir auch fast Wund, als ich versuchte, meinen Vater fürs Impfen zu registrieren. Eben diese Finger umgriffen das Lenkrad unseres Autos, als ich meine kranke Freundin ins Impfzentrum fuhr. Und während sie ihren heiß ersehnten Spritzer Hoffnung bekam, wischten meine Finger Rührungstränchen aus meinen müden Augen, so überwältigt war ich von diesem Ort. Ein Ort voller fröhlicher und hilfsbereiter Menschen, Verwaltungsangestellten, Soldaten und medizinischem Personal, das Hand in Hand arbeitete. Und dazwischen? Menschen die geimpft wurden. Viele Alte, die von Kindern und Enkelkindern gebracht wurden, die sich liebevoll kümmerten. Und Junge – wie meine Freundin, deren Job es ebenfalls ist, sich zu kümmern und die das auch schon vorher, ohne Schutz verlässlich getan haben.

Carework – sich kümmern – das ist und bleibt nämlich unsere Geheimwaffe in dieser Krise. Etwas, dass das Virus versucht hat, auszunutzen – und was es letztlich trotzdem zu Fall bringen wird. Denn die Kümmerer und Kümmererinnen werden die sein, die uns am Ende aus dem Schlammassel wieder rausbringen und vor allem die, die uns geholfen haben, durchzuhalten.

Und deshalb bin ich heute dankbar für meine leeren Hände. Dankbar dafür, dass ich ein klitzekleiner Teil des großen Ganzen sein darf. Eine Kümmererin. Von Gott an einen kleinen Platz gestellt, um klitzekleine, unbedeutenden und ungesehene Dinge zu tun, die zusammen mit vielen anderen Millionen klitzekleinen Kümmerdingen von anderen den Unterschied machen werden.

KategorieFamilie leben

von

Eltern- und Familienberaterin, Autorin, Christin. Ehrenamtlich in der Familienarbeit meiner Gemeinde unterwegs und vor allem dreifache Mutter und Ehefrau.

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