Raus aus der Überlastung – Du bist nicht für alles zuständig

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Wir können nicht mehr – ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz in letzter Zeit gehört habe. Und wenn ich ehrlich bin, am liebsten würde ich manchmal antworten: Ich weiß, ich auch nicht und mich danebensetzen und mit heulen. Ich habe noch nie mit so vielen erschöpften Eltern gesprochen, wie in letzter Zeit.

Und dabei habe ich mir als Familienberaterin in den letzten Jahren den Ruf erarbeitet, ganz hilfreich zu sein, wenn es darum geht, die eigene Selbstfürsorge wiederzuentdecken, was dazu führt, dass erschöpfte Eltern gern in meine Praxis kommen. Doch das, was ich im Moment beruflich und privat erlebe, ist eine neue Dimension. Nun will ich das gar nicht groß skandalisieren. Ich glaube, es ist nun einmal eine Begleiterscheinung einer extremen Ausnahmesituation, mit der wir leben müssen. Und das Gute -sie geht vorbei. Trotzdem lohnt es sich genauer auf die Belastungen zu schauen und sich einmal generell die Frage zu stellen, wofür wir als Eltern eigentlich zuständig sind und was nicht unser Job ist.

Ich wollte Kinder, jetzt muss ich mich auch kümmern, höre ich im Moment oft von Müttern am Anschlag. Nun ist es nicht so, dass es darum gehen würde, dass diese Mütter überlegen, stattdessen die nächsten sechs Monate in einer Strandbar in Lloret de mar zu verbringen und die Kinder sich selbst zu überlassen. Sie sind vielmehr überfordert mit der ständigen Organisation von Videounterricht, dem parallelen Abfragen von Vokabeln, dem Erklären des achsensymmetrischen Überkopfspiegelns abstrakter Kunstfiguren, dem pünktlichen Hochladen von Arbeitsblättern und dem unterstützen der ersten Schwungübungen. Dass sie damit überfordert sind hat einen Grund: ES IST NICHT IHR JOB! Wir glauben nur, dass wir zuständig sind, weil man es uns vor fast genau einem Jahr auf den Schreibtisch geknallt hat.

Natürlich wollen wir irgendwie auch zuständig sein. Das ist der nächste Punkt. Wir wollen es, weil wir unsere Kinder vor den negativen Konsequenzen bewahren wollen, die folgen, wenn wir diesen Job nicht annehmen. Wir möchten nicht, dass unsere Kinder die sind, die das Spiegeln nicht verstanden haben, während Clara schon achsenunsymmetrische 180 Grad Dreifachspiegelungen auf Millimeterpapier vornimmt. Wir wollen nicht, dass unsere Kinder sich schwertun, wieder in den gewohnten Alltag zu finden und wir wollen nicht, dass sie Nachteile haben, weil wir uns diesen Schuh nicht angezogen haben. Ich kann das alles sehr gut verstehen.

Und ich glaube es ist falsch! Ich glaube nämlich, dass unser Job ist, mit unseren Kindern durch diese schwierige Phase zu gehen. Ich glaube, es ist unser Job, sie in allen Konsequenzen, die vielleicht entstehen, aufzufangen, zu halten und anzunehmen. Ich glaube, es ist unser Job, mit ihnen auszuhalten. Und ich glaube es ist nicht unser Job, sie vor allem Negativen zu bewahren.

Versteht mich nicht falsch. Diese Haltung darf nicht mit “das Kind muss jetzt mit den Konsequenzen leben” verwechselt werden. Es geht nicht darum, es ins offene Messer laufen zu lassen und dann muss es alles allein ausbaden. Es geht darum präsent zu sein – und gleichzeitig die eigenen Grenzen zu kennen. Es geht darum, Jobs zurückzuweisen, die nicht unsere sind und Schuhe stehen zu lassen, in denen wir nicht laufen können.

Denn die Lösung des Problems liegt nicht in unserer Hand. Wenn es ums Distanzlernen geht, liegt sie zum Beispiel nämlich bei der Schule. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass man dort ganz gut um unsere Grenzen als Eltern weiß und um die eigenen Aufgaben. Anders als von denen prognostiziert, die uns vor einer “Bildungskatastrophe” warnen, hat man dort durchaus Ideen, wie man unsere Kinder irgendwann wieder auf denselben Stand bringt. Natürlich schaut man dort, wer nun etwas mehr Unterstützung braucht und bei wem es gut läuft.

Ich habe letztens zum Beispiel eine sehr schöne Erfahrung gemacht. Eines der Kinder und ich bekommen uns über die Matheaufgaben regelmäßig in die Haare. Ich kann und möchte da nicht mehr helfen. Also bat ich das Kind, in der Schule anzurufen. Dort nahm eine nette Lehrkraft den Hörer ab, ließ sich von ihr das Problem mit ihren Aufgaben schildern, gab Tipps zur Lösung und hörte sich dann an, zu welchem Ergebnis das Kind kam. Zufrieden beendeten sie irgendwann das Gespräch und ich war fortan aus der Nummer raus. Und genau so sollte es laufen, denn ich muss kein halbschriftliches Dividieren erklären können. Es ist nicht mein Job. Und deiner auch nicht (es sei denn, du arbeitest in einer Grundschule…). Unser Job ist es allenfalls den Rahmen dafür zu schaffen, dass Lernen stattfinden kann. Alles darüber hinaus dürfen wir wieder abgeben.

Ich weiß, dass es sich für viele Eltern seltsam anfühlt, hier aus der Verantwortung zu gehen. Vielleicht sogar wie eine Niederlage. Immerhin sind das doch unsere Kinder und andere schaffen es doch auch. Nun glaubt mir, ich kenne die Preise, zu denen viele Familien es gerade “schaffen” und kann dir flüstern, dass es nicht erstrebenswert ist. Vielmehr möchte ich dir Mut machen, wieder nur Mutter oder nur Vater zu sein und alles andere vertrauensvoll in die Hände derer zu legen, deren Job es wirklich ist. Das ist keine Niederlage, keine Schwäche, kein Versagen, sondern ein wichtiger Schritt raus aus der Überlastung.

KategorieEltern sein

von

Eltern- und Familienberaterin, Autorin, Christin. Ehrenamtlich in der Familienarbeit meiner Gemeinde unterwegs und vor allem dreifache Mutter und Ehefrau.

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