Kinder und Pandemie – warum ich mich aufrege!

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Ich finde, über das Thema Kinder und Pandemie wird noch zu wenig diskutiert. Das, was besprochen wird, geht am Thema vorbei und macht mich wütend. Damit ich nicht schon zu Jahresbeginn zur bitteren Trockenpflaume oder Sauren Gurke mutiere, habe ich mich ein bisschen Frust von der Seele geschrieben.

Gestern haben sich die Kultusminister der Länder mal wieder getroffen, um das weitere Vorgehen in deutschen Schulen miteinander abzustimmen. Das Ergebnis besteht wenig überraschend aus einer schwammigen Erklärung, die sich jedes Land nun auslegen kann, wie es das gern möchte. Manche Länder haben bereits angekündigt, die Schulen länger geschlossen zu halten, andere – wie Hessen – möchten zumindest die Klassen 1 bis 6 am liebsten am kommenden Montag zurück in die Schule holen.

Keine Konzepte

Was Freunde von Digitalisierung und Unterrrichtsentwicklung jedoch noch immer vermissen, sind Konzepte, die Schulen mittel- bis langfristig Pandemie tauglich machen. An innovativen Ideen, Räumen und Personal für Beschulung in Kleinstgruppen, hybriden Unterrichtsmodellen und der generellen Auseinandersetzung mit den Faktoren, die unsere Bildungslandschaft so wenig anpassungsfähig machen, mangelt es auch nach zehn Monaten. Und da mit dem Impfstoff im Laufe des Jahres 2021 auf Licht am Ende des Tunnels zu hoffen ist, ist auch davon auszugehen, dass da nichts mehr kommt. Der Tagesspiegel bezeichnet das, was in den letzten Monaten in den Ministerien gelaufen ist, sehr treffend als Arbeitsverweigerung.

Dabei gäbe es gute Gründe, trotz Imfpstoff über alternative Konzepte nachzudenken. Zum einen ganz einfach deshalb, weil die bisher zugelassenen bzw. kurz vor der Zulassung stehenden Impfungen noch nicht für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren zugelassen sind. Zum anderen aber auch, weil es generell gut ist, über andere Formen des Lernens nachzudenken. Es ist gut, weil unser Schulsystem auch vor Corona nicht das war, was es sein könnte und weil man mit anderen Lehrmethoden sehr viel mehr für unsere Kinder – gerade auch diejenigen, die bisher benachteiligt sind – rausholen könnte. Dazu kommt noch etwas anderes: Wir müssen uns mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass dies nicht das letzte Mal war, dass Krisensituationen zur Schließung von Schulen führen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass in den 13 Jahren, die ich in Schulen verbracht habe, diese einmal nicht öffnen konnten. Seit meine Kinder zur Schule gehen (also in den letzten sechs Jahren) habe ich zwei Schulschließungen wegen schwerer Unwetter erlebt und eine Teilschließung, weil mein Wohnort schwer von Hochwasser betroffen war und alle Kinder, die unterhalb unseres kleinen Bächleins leben, nicht kommen konnten. Schaut man sich die weltweite Klimasituation an, können wir davon ausgehen, dass solche Ereignisse eher zunehmen. Zudem rechnet beispielsweise die WHO auch damit, dass Corona nicht die letzte Pandemie gewesen ist die die Welt in Atem hält. Tragfähige Konzepte, die man heute entwickelt, wären daher langfristig hilfreich.

Kinder und Pandemie, das ist mehr als Bildung

Doch die Bildungsfrage ist nicht die einzige Frage, die mich im Bezug auf unsere Kinder heute umtreibt. Denn dies ist keine Debatte, die sich ausschließlich zwischen Infektionsschutz und Bildung bzw. Betreuung bewegt. Genau dazu wird sie aber gemacht. Schaut man sich die Debatten an, dann wird immer wieder vom großen Bildungsnachteil gesprochen, den gerade schwächere Schüler*innen daraus ziehen. Dem entgegen steht die Tatsache, dass sich weltweit Schulschließungen mehr und mehr als Game Changer erweisen, wenn es darum geht, das Virus kleinzuhalten.

Doch was bedeutet es eigentlich wirklich, wenn Schulen und Kitas monatelang geschlossen sind oder nur eingeschränkt laufen? Es bedeutet, dass wir Heranwachsenden den Kontakt zu Gleichaltrigen verwehren. Es bedeutet, wie es die niedersächsische Regionalbischöfin Petra Bahr letzte Woche ganz richtig auf Twitter schrieb:

 „Es ist doch nicht nur das Curriculum, es ist der Lebensort „Schule“, der den Kindern und Jugendlichen fehlt. Das Raufen und Knutschen, Konkurrenz und Freundschaft, Musik, Sport, Projekte, die kleinen GegenweltenY Diesen Lebensort gibt es in der Pandemie nicht.“

Genau – egal ob wir die Schulen öffnen oder geschlossen halten: Wir verwehren Kindern und Jugendlichen seit nun mehr 10 Monaten einen beträchtlichen Teil ihrer eigenen Kultur, die sie zum Wachsen und Lernen dringend brauchen. Viel dringender übrigens als Schulstoff – der keineswegs das große Drama ausmacht, auch wenn einem das mancher Ökonom gerade weis machen möchte. Denn Raum für all die sozialen Erfahrungen, die Schule und Kindergarten normalweise ausmachen, gibt es nicht. Und wer jetzt mit den Schultern zucken möchte, weil es ja nun einmal unabänderlich so ist, der überlege sich doch bitte einmal, wie viel zehn Monate sind – auf eine Lebenszeit von 5, 10 oder 15 Jahren, die diese kleinen Menschen erst auf der Erde sind. Überlegt bitte, was ihr gemacht habt, in dem Jahr zwischen eurem elften und eurem zwölften Geburtstag. Wo wart ihr auf Klassenfahrt, in wen wart ihr heimlich verliebt, mit wem seid ihr auf dem Fahrrad zum Badesee geradelt, mit wem Schlitten gefahren und mit wem habt ihr euch auf dem Schulhof manchmal ordentlich gefetzt? War das Jahr zwischen fünf und sechs – das letzte Kindergartenjahr vor der Einschulung – nicht ein halbes Leben? Und stellt euch vor, ihr hättet als Fünfzehnjährige(r) Silvester mit euren Eltern feiern müssen.

Wo ist das echte Interesse an Heranwachsenden?

Ich sage nicht, dass wir Kindern und Jugendlichen in dieser Pandemie freie Fahrt lassen müssten. Seien wir realistisch. Das geht nicht. Aber ich möchte, dass wir ihre Sorgen und Nöte auf dem Schirm haben und diskutieren. Ich will, dass wir schauen, wo wir sie abfedern können – jenseits von Schulstoff. Ich will, dass wir bei ihnen wirklich als erstes lockern – aber nicht um sie mit dem Nürnberger Trichter zu befüllen, damit auch ja der ganze Stoff reingeht. Ich will, dass wir ihnen ein Stück ihrer Zeit zurückgeben. Sei es durch feste Kleinstgruppen, durch regelmäßige Testungen, durch Spiel- und Spaß statt Schulstoff und vor allem dadurch, dass wir als Erwachsene uns endlich einmal am Riemen reißen, um diese Situation so schnell wie möglich zu entschärfen – für unsere Kinder!

Ja – ich rege mich auf, weil von all dem nichts in Sicht ist. Stattdessen höre ich mir seit Monaten Pseudo-Debatten an, die verschleiern sollen, dass man weder Konzepte, noch überhaupt Interesse am Wohlergehen von Kindern hat. Und das tut weh!

KategorieEltern sein

von

Eltern- und Familienberaterin, Autorin, Christin. Ehrenamtlich in der Familienarbeit meiner Gemeinde unterwegs und vor allem dreifache Mutter und Ehefrau.

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