Wenn der Wechsel auf die weiterführende Schule ansteht

In Hessen stehen wir schon wieder kurz vor den Herbstferien und wer ein Kind in der 4. Klasse hat, wird vielleicht langsam ein bisschen kribbelig. Denn die Frage, welche weiterführende Schule für das eigene Kind in Frage kommt, wird nun jeden Tag präsenter. Gerade wenn man zum ersten Mal mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule konfrontiert ist, hat man vielleicht viele Fragezeichen im Kopf. Ich möchte euch daher heute ein paar Punkte mitgeben, die ich als Erziehungswissenschaftlerin, die lange im Bereich Schule und Lehrerbildung wissenschaftlich gearbeitet hat, als Familienberaterin, aber vor allem auch als Mutter, die schon einen Wechsel auf die weiterführende Schule begleitet hat, wichtig finde. Vielleicht könnt ihr ja etwas damit anfangen.

Nicht zu weit in die Zukunft schauen

Viele Eltern fühlen sich in dieser Phase enorm unter Stress und haben Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Wichtig finde ich hierbei, das ihr nicht zu weit in die Zukunft schaut, wenn ihr über weiterführende Schulen nachdenkt. Konkret heißt das: Ihr sucht eine Schule aus, die im Hier und Heute zu eurem Kind passt. Diese Schulwahl sagt noch nicht viel darüber aus, was einmal aus eurem Kind wird. Bei uns in Hessen (und in vielen anderen Bundesländern) führen viele Wege nach Rom bzw. zum Abitur, das muss nicht das klassische Gymnasium sein. Abgesehen davon, dass überhaupt nicht jeder nach Rom muss, aus verschiedenen Gründen, ist unser Schulsystem bei all seinen Schwächen, durchlässig genug, um auch Menschen mit einer Hauptschulempfehlung über Umwege an eine Universität zu führen, wenn sich im Laufe der Entwicklung herausstellt, dass Potential und Wunsch vorhanden sind.

Die weiterführende Schule ist ein Weg, kein Ziel

Wichtiger als die Zielfrage ist daher die Frage nach dem Weg. Was braucht euer Kind im Moment gerade? Welche Atmosphäre sollte an einer weiterführenden Schule herrschen, damit euer Kind gut dort ankommt? Braucht es Freunde, die mitgehen? Ist es bereit für längere Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln? Ist euer Kind sehr leistungsbereit oder braucht es erstmal eine druckfreiere Atmosphäre? Welche besonderen Interessen sollten vielleicht an der weiterführenden Schule abgedeckt werden können? Vor allem aber: Was will eigentlich das Kind selbst?

Das Kind mitentscheiden lassen

Ich denke nicht, dass Kinder in der vierten Klasse diese Entscheidung allein treffen sollten. Dazu ist sie dann doch, wenn auch für das Hier und Jetzt und nicht für die Zukunft getroffen, eine von zu großer Tragweite. Kinder können nicht überblicken, was solch eine Entscheidung für ihre nächsten Lebensjahre bedeutet. Ernst nehmen sollten wir sie aber trotzdem. Denn unsere Kinder schauen sich mögliche Schulen sehr intensiv an. Sie nehmen dort vielleicht am Probeunterricht teil, treffen Lehrpersonen oder andere Schüler. Sie sehen den Schulhof, die Pausenhalle, die Cafeteria und den Weg, der sie dorthin führt. So bekommen sie ein Gespür für die Atmosphäre, die an einer Schule herrscht. Vieles, was sie aufnehmen, entgeht uns mit unserer Außenperspektive. Abgesehen davon bringt es mit unter viele Probleme mit sich, ein Kind auf eine Schule zu zwingen, auf die es unter keinen Umständen gehen möchte.

Rat von anderen mit Vorsicht genießen

Wenn eine Entscheidung dieser Tragweite ansteht, versuchen wir uns gern Rat von Außen zu holen. Natürlich kann es hilfreich sein, andere zu fragen, wie zufrieden deren Kinder auf ihren jeweiligen Schulen sind. Nur wissen wir, dass die Einschätzung von Schulen durch Eltern eine höchst individuelle Sache ist – und eine schrecklich emotionale dazu. Zwei Kinder können auf dieselbe Schule gehen, denselben Unterricht besuchen und gemeinsam ihre Pausen verbringen und doch so unterschiedliche Schulzeiten haben. Und nur weil eine Schule wunderbar zu Janine von nebenan passt, heißt das nicht, dass sie zu eurem Kind ebenso wunderbar passen würde – und umgekehrt. Oft ist es außerdem so, dass wir dazu neigen, schlechte Erfahrungen mit Personen auf Institutionen als solche zu übertragen. So kann ein Lehrer ausreichen, um eine ganze Schule in Verruf zu bringen, wenn es blöd läuft. Umgekehrt ist es häufig schwerer – sehr engagierte Lehrkräfte gelten dann eher als “Einzelfälle”.

Das Restrisiko aushalten

Letztlich lebt man bei der Schulwahl also mit einem Restrisiko. Es kann sein, dass eure Kinder und ihr nächsten Sommer mit dem besten Bauchgefühl, das es geben kann, an einer neuen Schule anfangt – und im Herbst nur noch den Kopf auf den Esstisch haut, weil es so furchtbar ist. Vielleicht merkt ihr auch erst in zwei Jahren, dass es nicht gut passt oder aber es passt einfach in vier Jahren auf einmal nicht mehr, weil euer Kind sich verändert hat. Das ist okay und darf passieren. Solche Entscheidungen sind korrigierbar. Eine weiterführende Schule zu wechseln ist weder furchtbar schwierig, noch ein Mangelpunkt im Lebenslauf, sondern manchmal einfach nur Teil eines Entwicklungsprozesses. Ein Teil, der von uns Eltern dann oft intensiv begleitet werden muss, weil er natürlich nicht leicht und locker daher kommt. Aber das können wir bewältigen.

Es geht in der 4. Klasse nicht nur um die weiterführende Schule

Und letztlich solltet ihr bedenken, dass die vierte Klasse nicht nur den Wechsel auf die weiterführende Schule ebnet, sondern auch das letzte Grundschuljahr ist. Hier geht es um so viel mehr, als den Stress darum, wie es weitergeht. Hier geht es um die letzten richtig echten Kinderfreundschaften. Es geht um den letzten Wandertag in Zweiergruppen und Händchen haltend. Die Klassenlehrerin liest das letzte Buch vor und sie spielen das letzte Mal Eckenfangen auf dem Schulhof. Kurzum – hier geht es um einen Übergang, der so viel mehr ist als ein Eckpfeiler im Bildungsweg. Bitte haltet diesen frei von zu viel Ehrgeiz und lasst eure Kinder noch ein paar Monate einfach nur ein Grundschulkind sein.

Ein Kommentar

  1. Richtig gute Tipps, ich hab nur genickt beim Lesen… Danke! Wie das vierte Schuljahr so läuft und der Wechsel, das hängt meiner Meinung nach auch
    noch vom Bundesland ab. Ich bin sehr glücklich (in Niedersachsen) mit der integrierten Gesamtschule, die das Ziel einfach noch ein bisschen länger offen lässt in Klasse 5 und auch in den Jahren danach (Noten gibt es ab Klasse 9). In Bayern gab es dieses Modell gar nicht… LG Martha

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