Auch du darfst mal rot sehen

Während ich das schreibe, sitzt ein Kind neben mir und arbeitet an einem Projekt für die Schule. Ich möchte eigentlich sowas wie eine Notfallansprechpartnerin sein. So eine dieser coolen Mamas, die ihre eigenen Projekte bearbeiten und ab und zu mal lächelnd eine Frage beantwortet. Stattdessen bin ich gleich ein Fall für den Kieferorthopäden, vom vielen Zähne zusammenbeißen. Es fällt mir schwer, mich rauszuhalten und wenn ich mich einmische, dann wird es ganz sicher nicht besser. Das Kind und ich harmonieren nicht, wenn es darum geht, dass es etwas machen muss, was ich ganz anders tun würde. In mir verkrampft sich alles, während ich versuche zu ignorieren, dass das Kind sich gerade selbst im Weg steht, wahlweise rumalbert oder frustriert vor sich hin flucht. Meine Schultern sind so verspannt, dass ich dringend eine Verordnung für Physiotherapie bräuchte. Und die Chancen stehen 50:50, das ich in den nächsten zehn Minuten laut schreie.

Eigentlich müsste ich mich jetzt mal wieder selbst ein bisschen optimieren. Ich müsste an meiner Ungeduld arbeiten und lernen, mich zurückzunehmen. Doch ich bin mittlerweile über 40 und ich habe etwas interessantes gelernt: Manche Dinge an sich selbst lassen sich nicht so einfach ändern. Aus einem impulsiven Gemüt wie mir wird keine Zen-Buddhistin mehr. Und ich werde es wohl auch in Jahren nicht gut ertragen können, wenn ein geliebter Mensch neben mir sitzt und die Dinge anders tut, als ich es machen würde. Und ich kann das jetzt auch einfach mal akzeptieren. Denn wenn ich neben dem Stress, den mir die Art macht, wie das Kind sein Projekt bearbeitet, auch noch Druck mache, mich selbst verbessern zu müssen, ist das doppelt anstrengend und die Wahrscheinlichkeit doppelt so hoch, dass ich gleich explodiere.

Wir wollen es als Eltern heute unbedingt gut machen. Nein, nicht gut. So richtig super. Perfekt, wenn es irgendwie geht. Wir haben Idealbilder im Kopf, nach denen wir handeln könnten. Wenn wir doch nur könnten. Denn ehrlich gesagt ist das gar nicht so leicht. Es gibt Situationen, in denen können wir unser Verhalten verändern. Wir können das, was an uns vielleicht etwas zu schroff, zu laut, vielleicht sogar verletzend werden könnte, regulieren. Das geht. Es funktioniert mit viel Übung und damit, dass wir alte Glaubenssätze hinterfragen, durch neue Leitwerte ersetzen und lernen rechtzeitig zu erkennen, wann eine Situation sich für uns schwierig entwickeln wird. In dieser Art an sich zu arbeiten und zu wachsen, das ist etwas Gutes.

Von uns selbst erwarten, dass es immer klappt und in jeder Situation irgendwann funktionieren muss, das ist hingegen überfordernd. Wir setzen dann Maßstäbe an uns an, die wir an keinen anderen Menschen hätten. Es ist okay, wenn uns als Eltern Dinge schwer fallen. Wenn es immer wieder Situationen gibt, in denen sich uns die Zehennägel einrollen und in denen wir schier aus der Haut fahren. Es ist okay, die Nerven zu verlieren oder sich machen Triggern erst gar nicht auszusetzen. Ich zum Beispiel habe mittlerweile meinen Arbeitsplatz verlegt – außer Sicht- und Hörweite des projektenden Kindes. Ich muss das nicht lösen – nicht für ihn, nicht für mich. Ich darf so sein und das Kind auch.

Ich glaube, in diesem ganzen modernen Elternding geht es nicht um Perfektionismus. Es geht auch nicht darum, auf Knopfdruck alles anders zu machen, liebevoller und friedfertiger zu sein. Es geht hauptsächlich darum die eigene Haltung zu Autorität zu hinterfragen. Es geht darum, einen inneren Kompass zu finden, der uns Wege zeigt, die sich gut und richtig anfühlen. Es geht viel darum, mit der Liebe im eigenen Herzen in Kontakt zu kommen. Mit ihr und nicht mit strengen Leitsätzen, die uns vielleicht selbst einst geprägt haben (Was das Projekt-Hänschen neben mir nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr…). Doch bei all dem sind wir die Menschen, die wir nun einmal sind. Leidenschaftlich Liebende und Impulsive, gute Zuhörer und extrem ungeduldige Hauslehrer. Fürsorgliche Eltern und Menschen, die am Abend verdammt gern ihre Ruhe haben. So sind wir – und es tut gut das zu spüren und anzunehmen.

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