Und was wenn es gut geht? Warum wir Optimismus brauchen.

Entschuldigung, ich habe gerade nicht aufgepasst, waren das die Sommerferien die da an uns vorbei gelaufen sind? Offensichtlich waren sie es, auch wenn alles diesmal etwas anders lief. Keine Reise ans Mittelmeer. Kein abendlicher Rotwein in den Tarnschluchten. Keine Besuche bei der Schwiegerfamilie in der Schweiz und nicht mal ein richtiger Freibadbesuch so mit allem drum und dran. Dafür viele kleine schöne Dinge – baden in entlegenen Waldseen, wandern in den Wäldern der Region und endlich mal wieder ein Besuch im Bergpark. Und nun steht schon wieder Schule an. Und dieses neue Schuljahr, das da kommt, braucht vor allem eins von uns: Optimismus wider jeder Vernunft.

Wie immer, wenn es endlich wieder losgeht, machen wir noch ein paar Besorgungen. Dies und das wird neu gebraucht: Ein Schulplaner und eine grüne Mappe, Zeichenblöcke, Hefte und gleich ein paar Bleistifte mehr auf Vorrat. Kleber und Buntstifte nicht vergessen. Meine beiden Mädchen wuseln aufgeregt neben mir in der Schreibwarenabteilung herum und reden wild durcheinander. Das eine freut sich, endlich eine Viertklässlerin zu sein und das andere beginnt im Herbst im Kindergarten mit dem Schule spielen (so heißt das Vorschuljahr in ihrer Kita). Dafür möchte sie ein Mäppchen und ein paar Stifte haben und ich steige in ihre Vorfreude ein und kaufe ihr beides.

Ich lasse mich vom Überschwang der Mädels anstecken und kaufe auch ein. Ein paar neue Textmarker und kleine Klebezettelchen. Immerhin steige ich nächste Woche ja auch endlich wieder richtig in meine Projekte ein. Wir schieben einen schockierend vollen Wagen zur Kasse und ich lasse mich unterwegs noch zu ein paar süßen Kleinigkeiten überreden, die wir heimlich in die Brotdosen schmuggeln können. Die Kassiererin schiebt unsere Sachen übers Band. Jetzt kann es wieder losgehen, sagt sie, hoffentlich geht es ne Weile. Damit spricht sie aus, was ich denke. Hoffentlich wird die Freude meiner Mädels nicht allzu schnell wieder ausgebremst. Wenn ich mir die geballte Unvernunft einiger Menschen ansehe, steht genau das zu befürchten.

Zuhause werden die neuen Stifte und Hefte in Ranzen und Rucksächen verstaut und die Mädels spielen Schule. Lachend rennen sie mit alten Zuckertüten durchs Haus und tun so, als würden sie gerade eingeschult. Das große Kind ist ambivalenter. Es sitzt mit einigen Büchern vor sich ausgebreitet am Esstisch und arbeitet an einem Projekt. Er mag, was er tut und gleichzeitig sehe ich Skepsis. Wie wird das funktionieren, an dieser großen Schule? Wann und wie wird er mit seiner Klasse musizieren können und wird das, was er gerade schreibt, jemals präsentiert werden? Darf er die Pausen in seiner geliebten Schulbücherei verbringen oder wird er keinen der wenigen freigegebenen Plätze dort ergattern?

Ich gehe in Gedanken die Lebensmitteleinkaufsliste für morgen durch. Sollte ich etwas mehr kaufen? Vielleicht doch ein Päckchen Mehl auf Vorrat und die Gurken, die ich dieses Jahr so reichlich geerntet habe, könnte ich ja einmachen. Wer weiß, vielleicht sind die Regale ja bald wieder leer? Aus dem Keller höre ich das helle Lachen meiner Mädels und gleich darauf kommen sie hochgerannt. PAUSE! Schreien sie lachend und holen sich ein Eis aus dem Gefrierfach. Das große Kind und ich schauen uns an und müssen auch lachen. Das wird ein tolles Projekt, flüstere ich ihm zu, und du wirst das deiner Klasse auch vorstellen.

Ich greife zu meinem Handy. In meiner Freundinnen-WhatsApp-Gruppe werden Bedenken zum Schulstart geäußert, so ohne Abstand und Masken und direkt nach so mancher Fernreise. Ich entscheide mich, den Chat wegzuklicken, auch wenn ich weiß, dass sie recht haben. Stattdessen schreibe ich unseren Nachbarn. Mögt ihr Gurken, wir haben ganz viele! Ich muss sie nicht einlegen, zumindest nicht aus Angst. Ich möchte mit derselben Euphorie in die zweite Jahreshälfte starten, mit der ich es immer tue. Ich möchte glauben, dass es klappen kann.

Alles in mir schreit nach Alltag. Nach ganz normalem, langweiligem Gedöns. Nach Vormittagen am Schreibtisch, Essensplänen und frühem Aufstehen. Jedes Jahr, wenn die Trauben vor meinem Küchenfenster langsam dunkel werden, lasse ich mich in ihn reinfallen und starte mit neuem Elan. Ich bin beflügelt von der Überschaubarkeit der Monate, die vor mir liegen. Von festen Aufgaben, Planbarkeit und neuem Aufbruch. Doch diesmal scheint es, als stände an allem jetzt schon ein ganz großes Fragezeichen.

Doch sind wir ehrlich – eigentlich ist da immer ein Fragezeichen, oder? Als ich im Januar wirklich ins neue Jahr gestartet bin, hatte ich ebenso viele tausend Pläne, wie ich Ängste hatte. Vor mir lag ein Jahr mit Aufgaben, Projekten und Herausforderungen. Was ich nicht vor mir gesehen habe, war die Pandemie, die alle Pläne und Ängste völlig lächerlich gemacht hat. War es deshalb falsch, Pläne zu machen? Ganz sicher nicht. Vielleicht hätten es weniger Ängste sein dürfen, weil die immer kontraproduktiv sind.

Und deshalb ist es auch heute gut, euphorisch zu planen. Ich möchte mir ein Beispiel am Optimismus meiner Kinder nehmen. An der Vorfreude der Mädchen und an der trotz-allem-Haltung, mit der mein Sohn sich aufs neue Schuljahr vorbereitet. Statt mich zu fragen, was passiert, wenn es schief geht, möchte ich den Ausblick auf das wagen was wäre, wenn alles gut gehen würde. Wenn alles gut geht, sitze ich ab Montag jeden Tat ein paar Stunden ungestört am Schreibtisch und mache endlich wieder Sport. Ich mache alltagstaugliche Essenspläne und koche irgendwann in den nächsten drei Wochen die erste Kürbissuppe. Ich habe einen Tag pro Woche, der mir allein gehört, weil die Kinder bei ihren Großeltern sind und werde mit meinem Mann auswürfeln, wer zu welchem Elternabend geht. Ich werde meinen Hauskreis wiedersehen und mit dem Eltern-Kind Team überlegen, wie Heilig Abend im Zeichen von Corona aussehen könnte.

Ich werde ihn lieben und verfluchen, meinen Alltag. Es wird Morgende geben, an denen ich kaum aus dem Bett komme und mir den Lockdown zurück wünsche und hoffentlich wird mein neuer Alltag aus ganz vielen Momenten bestehen, in denen ich zu schätzen weiß, dass ich ihn leben darf. Denn wie schnell das vorbei sein kann, das haben wir ja alle gelernt.

Was wirst du tun, wenn alles gut geht?

3 Kommentare

  1. Leider gibts bei uns die Option ” Wenn alles klappt” nicht einmal…Meine 24jährige Pflegetochter mit Downsyndrom und seltener,progredienter Erkrankung und ich 62 J.,mit Lungenproblem,müssen uns bei der derzeitigen Lage weiterhin aus allem raushalten . Sind auf Gedeih und Verderb ” zusammengesperrt” – bei null Perspektive,wann es wieder ein Leben mit Werkstattarbeit und Freizeitgruppen geben wird. Und für mich ein paar freie Stunden allein.

    1. Liebe Kerstin, das klingt unglaublich kräftezehrend und herausfordernd. Ich kann nichts tun, außer euch in meine Gebete für gute Lösungen miteinzubeziehen.

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