Wie es wohl da oben ist? Über Kinder und die Idee vom Himmel.

Der Blick der Erzieherin war voller Rührung und Mitgefühl. Leider sind ja Tür- und Angelgespräche in der Kita im Moment verboten. Deshalb konnte sie mir nur schnell das Bild in die Hand drücken, das meine Tochter gemalt hatte. Aber sie hatte hinten auf die Rückseite einen Text geschrieben. Er handelte davon, wie sich mein Kind den Himmel vorstellt. Und all das war auch auf dem Bild zu sehen, das mir die Erzieherin überreicht hatte. Auch ich blinzelte ein paar Tränchen weg. Auf dem Bild waren viele Wolken. Gott saß auf einer, Jesus auf einer anderen, ihr Opa hatte seinen Platz und auch ein paar Dinosaurier waren zu sehen. Die bunteste Wolke von allen teilten sich jedoch unser Kater Pan und meine Oma – ihre Uroma, die am Tag vorher verstorben war. Kinder haben ihre eigenen Vorstellungen vom Himmel und die sind so wertvoll.

Unsere Kinder dürfen in der Hoffnung aufwachsen, dass dieses Leben auf Erden nicht alles ist, was wir haben. Wir vermitteln in unserer Familie auf recht natürliche Weise christliche Werte. Wir machen eher selten eigene Andachten und auch das Kinderbibellesen hat bei uns nicht immer Konjunktur. Glaube ist eher etwas, das in unserem Alltag mitschwinkt, wie atmen. Tisch- und Abendgebete, Gottesdienstbesuche und das Einbeziehen von Gott und Himmel in normale Gespräche sind unsere Art, Glaube zu leben. Und dazu gehört eben auch, dass wir öfter das Leben nach dem Tod besprechen. Jedes Kind entwickelt dabei Vorstellungen davon, wie es da wohl ist – und diese Ideen sind knallbunt und wunderschön und sie teilen sie.

Wann immer ein Kind traurig wird, weil es auf einmal Pani, die Uroma oder den schon vor fünfeinhalb Jahren verstorbenen Opa vermisst, es kann sicher sein, dass eins seiner Geschwister kommt und eine Geschichte erzählt. Die Geschichten handeln von großen Parties. Sie handeln davon, dass die Uroma ihre traditionellen Klöße für Opa und Uropa kocht und Pani die Ahle Wurscht daraus stiehlt. Sie handelt davon, dass Gott genervt ist, weil der Kater ständig Leckerchen will und Jesus doch ein paar rausrückt. Und sie handeln manchmal davon, dass die Zeit da oben wie im Flug vergeht, weil das Leben dort sonst ja vielleicht doch ein bisschen traurig wäre – schließlich vermissen Pani, die Urgroßeltern und der Opa uns ja auch.

Und jetzt höre ich von weitem ein paar Stimmen, die Stopp rufen wollen. Stopp, das ist doch nicht wirklich biblisch. Stopp – sind wir nicht wie die Engel? Stopp, spielt es denn noch eine Rolle, dass sie einst Uroma und Uropa waren? Stopp! Stopp! Stopp! Was macht die Katze da und was soll diese doofe Geschichte mit den Leckerchen? Und seit wann bitte ist Gott genervt (das Jesus trotzdem welche verteilen würde, leugnet wohl nicht mal der frömmste Mahner). Müsste ich jetzt nicht mit meinen Kindern ins Gespräch gehen und ein realeres Bild vom Himmel vermitteln? Eins, das mehr dem wenigen entspricht, was die Bibel uns darüber sagt?

Und an dieser Stelle schreie ich Stopp und zwar laut. Stopp, halt, keinen Schritt weiter. Raus aus den Ewigkeitsvorstellungen meiner Kinder und zwar ganz schnell, ihr Erwachsenen, ihr Wunder- und Träumebefreiten, ihr Adultisten. Ihr habt hier nichts verloren. Ihr habt kein Recht, meinen Kindern Trost und Hoffnung zu nehmen und ihre bunten Fantasien mit dem Einheitsgrau anzustreichen, mit dem ihr euren eigenen Glauben schon lange gefärbt habt. Im Gegenteil. Ich möchte euch stattdessen einladen euch hinzusetzen, zu hören und zu lernen.

Kinder hinterfragen das Reich Gottes nicht. Sie versuchen es nicht in die passende Form zu gießen, damit es in die begrenzten Vorstellungen des eigenen Glaubensgerüsts passt. Für sie zählt nur der eine Grundgedanke – was dann kommt ist gut – und voller Glück. Und selbstverständlich gehört zu diesem Glück ihre verstorbene Katze. Es gehört dazu, dass die Urgroßeltern wieder beisammen sind und dass es Essen gibt. Wie viel vollkommenes Glück birgt deine eigenen Vorstellung vom Reich Gottes noch? Wo siehst du dich selbst? Wie viel Naivität und uneingeschränkte Hoffnung hast du dir erhalten im Laufe deiner Lebensjahre? Hast du die Umwandlung deines naiven Kinderglaubens in einen gelebten Erwachsenenglauben vielleicht am Ende mit einer weniger glückseligen Vorstellung vom Reich Gottes bezahlt? Was, wenn du falsch liegen würdest – und dein Kind genau richtig?

Was, wenn wir dem gütigen Gott im Himmel vertrauen, dass er es perfekt macht? Und was, wenn das wirklich bedeuten würde, dass man seinen Kater treffen oder mit Oma und Opa Klöße essen darf? Und was macht unsere erwachsenen Vorstellungen von der Ewigkeit eigentlich richtiger? Kann es von etwas, von dem wir so gar keine Idee haben, ein Richtig und ein Falsch geben? Ich glaube nicht. Und das bedeutet dann auch, dass wir nicht das Recht haben, in kindliche Vorstellungen vom Himmel hineinzureden. Niemals. Auch dann nicht, wenn diese Vorstellung das eigene christliche Glaubensgerüst durchrüttelt. Auch dann nicht, wenn wir selbst gar nicht an einen Gott oder einen Himmel glauben. Denn es ist der Glaube unseres Kindes. Sein Recht auf Hoffnung und Trost.

Und deshalb möchte ich dich noch einmal einladen. Setz dich hin, hör zu. Lass dir Geschichten vom Himmel erzählen, lass dir den Himmel aufmalen, tauch mit ein und denk einen Moment darüber nach was wäre, wenn dein Kind so viel mehr vom Himmel verstehen würde, als du selbst. Es kann nämlich sein, dass es genau so ist.

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