Auf einmal sind wir ganz schön allein

Als gestern endlich alle geschlafen haben, habe ich erstmal geheult. Ich kann es noch immer an der Stimme meiner Freundin hören, obwohl inzwischen zwölf Stunden vergangen sein müssen. Der Verein fängt wieder an und alle Kinder dürfen gehen, erzählt sie weiter. Doch ihre Kinder dürfen nicht. Meine Freundin arbeitet mit Menschen, die zu den allerschwächsten unserer Gesellschaft gehören. Jeder einzelne von ihnen muss besonders geschützt werden und meine Freundin nimmt diese Verantwortung sehr ernst. Und dazu gehört, dass auch ihr restlicher Haushalt sich an strenge Regeln halten muss. Während der ersten Phase des Lockdowns war das kein Problem. Denn alle um sie herum beachteten die Regeln. Kein Kind klingelte an der Tür und wollte mit ihren Mädchen spielen. Stattdessen entdeckten sie Videotelefonie und Liebe aus der Ferne.

Doch jetzt scheint das Leben weiterzugehen. Wir haben zwar noch immer keinen Impfstoff, kein Heilmittel und täglich infizieren sich noch über 400 Menschen neu mit dem Virus – aber das Gefahrenbewusstsein der Menschen ist heruntergefahren. Die leichten Lockerungen, die seit einiger Zeit gelten, nehmen viele zum Anlass, um sämtliche Coronaregeln außer Kraft zu setzen.

Mein Sohn stand Rotz und Wasser heulend am Fenster und ich wusste gar nicht, was ich machen soll. Ich möchte meine andere Freundin, die ich zufällig in Supermarkt treffe, am liebsten in den Arm nehmen. Doch das geht natürlich nicht. Und so hoffe ich, dass meine Augen über der Maske verraten, dass ich mit ihr fühle. Denn sie musste eine harte Entscheidung treffen. Während der Nachbarsjunge seinen Kindergeburtstag mit zehn Kindern im Garten feierte, musste ihr Sohn drin bleiben. Meine Freundin musste die Einladung für ihr Kind ausschlagen. Sie tat das nicht nur, weil die Feier ein kackdreister Verstoß gegen die Kontaktbeschränkung war. Sondern auch, weil sie mit ihrem Mann und den Kindern in einem Viergenerationenhaushalt lebt. Neben ihren nicht mehr ganz fitten Eltern ist da noch die hochbetagte Oma. Du weißt schon, dass sie nicht ewig leben wird, hatte die Nachbarin ihr gesagt, als sie den Kindergeburtstag absagte. Will sie wirklich, dass ihr Urenkel wegen ihr leidet?

Meine Freundin ist zu sanft, um zu entgegnen, was ich entgegnet hätte. Stattdessen kämpft sie nun im Supermarkt mit den Tränen. Und ich mit der Wut, die aufgrund von so wenig Respekt vor dem gealterten Leben in mir aufsteigt. Doch dann blitzt ein Glanz in ihren Augen auf und sie streichelt sich über ihren runden Bauch. Aber es ist nicht egal, ob sie jetzt stirbt oder in einem Jahr, sagt sie dann. Nein – es ist nicht egal. Und davon ab steht es keinem anderen Menschen zu, das für sie zu entscheiden. Wer bitte bestimmt denn, ab wann Leben nicht mehr genug Wert besitzt, um sich selbst für seinen Erhalt etwas zurückzunehmen?

Und dann ist da noch Katrin. Vor ungefähr neun Wochen haben sie und ich uns sehr emotionale Sprachnachrichten geschickt. Wir standen an einem Freitagnachmittag in unseren Küchen, werkelten herum und warteten auf die Pressekonferenz des Ministerpräsidenten. Ich wartete, weil es mich interessierte, wie ich die nächsten Wochen verbringen würde und weil ich wusste, dass für Menschen wie Katrin viel davon abhängt, wie es nun weitergeht. Katrin wartete, weil sie seit Wochen in Angst lebte. Schon als ich sie kennenlernte, war sie oft krank. Irgendwann erklärte sie mir, dass ihre Lunge nicht gesund sei. Ein verschleppter Infekt in jungen Jahren, ein ungesunder Lebenswandel und ein paar Jugendsünden hatten dafür gesorgt, dass ihr oft die Luft fehlt. In den letzten Jahren ist es schlimmer geworden. In der Pollensaison geht sie fast gar nicht mehr aus dem Haus und im Winter muss sie sehr auf sich aufpassen. Ich kann meinem Kind oft nicht die Mutter sein, die ich gern wäre, hat sie mir einmal gestanden. Ich finde, sie ist eine gute Mutter – und gleichzeitig beeinträchtigen chronische Erkrankungen die ganze Familie. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.

Doch Corona hat das Leben von Katrin, ihrem Mann und ihren Kindern völlig auf den Kopf gestellt. Schon als ich noch dachte, das sei doch nur eine harmlose Erkältung, ging sie nur noch mit Mundschutz einkaufen. Wenn überhaupt. Ihr Chef hat ihr Homeoffice gewährt, lange bevor alle anderen nach Hause geschickt wurden. Blieb nur noch die Frage, was sie mit den Kindern machen soll. Ihre Kinderärztin reagierte prompt und schrieb das Schulkind einfach schon eine Woche vor dem Lockdown krank. Doch sowas ist natürlich kein Dauerzustand. Und so wartete sie an diesem Tag. Und weinte, als endlich klar war, dass unsere Kinder nun erstmal zu Hause bleiben. Ich weinte mit.

Nun ist Katrin wieder nervös. Während für die Freundinnen ihrer Tochter am Montag alles weitergeht, wird ihr Kind weiter zu Hause beschult. Diesmal war das kein Thema – zumindest theoretisch. Praktisch fühlt sich Katrin allein. Sie hatte sich nach den ersten Lockerungen gefreut, ihre beste Freundin auf Entfernung zu treffen – und deren Kinder ein bisschen mit ihren spielen zu lassen. Doch ihre beste Freundin hat sich früh entschieden, wieder andere Menschen zu treffen. Zu viele – mit zu wenig Vorsichtsmaßnahmen. Und so fällt ein Treffen aus. Alle Kinder in Katrins Umgebung spielen mit anderen. Doch ihre müssen drin bleiben. Alles ist zu gefährlich. Wenn es doch nur jemanden in meiner Umgebung gäbe, den wir sicher treffen könnten, sagt sie, der nicht so viel unterwegs war.

Doch die Solidarität der anderen ist irgendwann nach Ostern den Bach runtergegangen. Man kann es überall beobachten. Menschen treffen sich. Sie grillen miteinander. Sie halten keinen Abstand mehr. Sie sind in großen Gruppen unterwegs, besuchen über die Feiertage Freunde in ganz Deutschland, feiern Geburtstage und planen Sommerurlaube. Life goes on. Zumindest wenn man nicht alt ist. Oder mit alten Menschen zusammenwohnt. Oder mit sehr anfälligen Menschen arbeitet. Oder chronisch krank ist. Zurück bleiben die Katrins, die Kinder mit Lungenkrankheiten, die alten Menschen, die, die mit den Schwächsten arbeiten.

Ist das unsere neue Normalität? Werden zukünftig die Jungen und Gesunden Vorfahrt haben und die, die mit Einschränkungen leben müssen, isoliert sein? Ich hoffe nicht. Ich hoffe viel mehr, das die Eindrücke der letzten Wochen ein Zerrbild der Realität waren. Vielleicht sind sie nur das, was man sieht, wenn man gezielt sucht. Die Partygänger und Rudelumarmer, diejenigen, die gealtertes Leben abwerten und ihre angeschlagenen Freunde vergessen – sie können nicht die Mehrheit in unserer Gesellschaft sein. Das kann nicht sein, weil sonst alles, was davor war, nur eine Farce gewesen wäre. Sie können nicht für uns alle stehen, weil wir sonst nicht erreicht hätten, was wir erreicht haben. Ich glaube, das die meisten Menschen solidarischer sind, als es gerade scheint. Und ich glaube, dass wir das hinbekommen können und alle mitnehmen. Die Katrins. Die Uromas. Die Kinder von Pflegekräften. Und diejenigen, denen nach neun Wochen Lockdown die Decke auf den Kopf gefallen ist und die es mal kurz ein bisschen übertrieben haben. Denn irgendwie ist das ja auch menschlich, oder?

3 Kommentare

  1. Danke!Danke ! Danke ! Ihr Beitrag spricht mir aus der Seele ! Niemand sonst scheint sich momentan sonst noch Gedanken um die “Zurückgebliebenen” im vernunft-freiwilligen Langzeitlockdown zu machen…Aufbruch scheint angesagt und die euphorische Anfangssolidarität fließt still den Bach hinunter. Meine Pflegetochter,Downsyndrom ,24 J.,und zwei weitere chronisch-progrediente Krankheiten, und ich selbst,62 J. mit vorgeschädigter Lunge, hocken seit 1.März drinnen. Meine Tochter ,beizeiten krankgeschrieben und später mit Werkstattschließung und Heimarbeit organisiert. Ich : einmal pro Woche einkaufen mit Mundschutz und Handschuhen und allen erforderlichen Maßnahmen bei der Heimkehr. Hinterher völlig erledigt…Außerdem : nachmittags mit meiner Tochter für Bewegung sorgen,um die Gesundheit zu unterstützen.Fußballspielen ,Wurfscheibe, Reifenrollen, Diabolo, manchmal spätabends bei dann relativ leerer Strecke Fahrradfahren , Spielplatzrunde.Alles mit Arthrosebeschwerden, Lungenproblem…wie in meinen mittleren Jahren lange als Tagesmutter.Ergebnis: Tochter leicht bewegt- ich völlig erledigt…Ganz zu schweigen von sonstigen Beschäftigungen, ständigem Kochen usw.Sonst ißt meine Tochter in der Werkstatt und besucht nachmittags selbstständig Hobbygruppen.”Alles “auf Null bedeutet, viele Tränen zu trocknen,Geburtstagseinladungen abzusagen,den festen Freund nicht küssen( nur telefonisch) ,kein Sport, kein Chor, keine Partys…und alles erstmal auf lange Sicht nicht. Wie soll man das Leben nun erklären ?? Ein Segen,daß wir Gott haben ! Viel beten und singen! Und seine Hand hält uns !( Aber sonst fast niemand…)

    1. Danke für ihre bewegende Schilderung ihrer Situation. Ich wünsche Ihnen viel Durchhaltevermögen und ein gutes Vertrauen in das Gehalten sein in Gottes Hand. Wie gut, das in dieser Herausforderung zu haben.

    2. Liebe Frau Kiel, von Ihrer Situation zu lesen, hat mich sehr berührt. Es tut mir leid, dass Sie auf diese besonders einschneidende Weise unter der Krise leiden müssen. Ihre Geschichte zu lesen, hilft zu verstehen, wie viel schwieriger manches ist, als wir oft so ahnen. Danke für Ihren Mut, das hier zu schildern. Ich wünsche Ihnen für jeden Tag neue Kraft, ganz viel Geduld und immer wieder das Wissen, dass Gott an Ihrer Seite ist und Sie nie allein lässt. Mit einem Gebet für Sie und Ihre Tochter sende ich Ihnen einen herzlichen Gruß!

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