Corona ist kein Ponyhof

Was für eine traurige Welt, in der Kinder diese Zeit so in Erinnerung behalten, dass sie ihren Eltern beim Arbeiten zuschauen und leise sein mussten, ständig vor dem Fernseher saßen und sie ihre Mama beim Yoga begleiteten, statt dass diese mit ihnen spielte“. Dieses Zitat las ich kürzlich auf Facebook. Es war ein Statement zum Muttertagsvideo des Bundesgesundheitsministeriums. Doch für mich ist es etwas anderes: Es zeigt die Überhöhung dieser Krisenzeit und die schrägen Ansprüche, die an uns Mütter gestellt werden. Man könnte fast meinen, jemand hätte uns drei Monate Wellness-Natur-Urlaub mit unseren Familien geschenkt und wir wären nicht in der größten weltweiten Krise, die unsere Generation je erlebt hat.

Ich gebe es ja zu – wie die meisten bin auch ich völlig naiv in diese Krise gestolpert. Kaum stand fest, dass unsere Kinder erst einmal zu Hause bleiben würden, da bastelte ich Arbeitspläne. Viel Freizeit stand darin. Projektideen. Gemeinsame Lern- und Arbeitszeiten. Ich bin mit sehr hohen Ansprüchen in die Coronazeit gestartet. Bildung und Arbeiten, so dachte ich, würden wir hier völlig neu erfinden. Zum Glück bin ich in der Lage, mein neun Wochen jüngeres Ich liebevoll-hysterisch auszulachen. Denn die Wahrheit ist, wir sind hier eben nicht in einem wohlig-warmen Familienidyll, in dem wir uns endlich mal richtig Zeit nehmen können und jeder zu seinem Recht kommt. Wir tragen unseren Teil dazu bei, dass diese Pandemie unter Kontrolle bleibt – und das ist vor allem verdammt harte Arbeit.

Damit wir diesen Virus nicht unkontrolliert weitertragen, bleiben wir seit über acht Wochen meistens zu Hause. Wir teilen uns die vorhandenen Arbeitsplätze in diesem Haus irgendwie auf, damit Schulkinder lernen und Erwachsene arbeiten können. Meistens arbeitet ein Elternteil und das andere hilft bei Schulfragen, spielt Motivator und verbringt Zeit mit dem Kindergartenkind. Ach ja – und erledigt Haushaltsdinge, Einkäufe und die Kommunikation mit den Schulen. Die Kinder wissen, dass ein Elternteil in einer Telefonkonferenz nur gestört werden darf, wenn es brennt oder jemand blutet (oder der Kater eine Maus gefangen hat, was die Interviewpartner meines Mannes ziemlich witzig fanden). Wir verbringen natürlich mehr Zeit alle zusammen hier in diesem Haus und ein paar Aspekte sind wirklich toll – dass wir jeden Tag vier Mahlzeiten miteinander einnehmen zum Beispiel. Aber mehr qualitativ hochwertige Zeit verbringen wir nicht miteinander. Oder nur selten.

Laut einiger Meinungen in sozialen Medien müsste ich deshalb nun auch noch ein schlechtes Gewissen haben. Ich werde die Gewissensbisse zu den anderen packen, die ich auch haben sollte: Zu denen wegen der drei Kilo mehr, die ich mir in diesen Wochen auf die Rippen gefuttert habe. Vielleicht direkt neben die, wegen des Chaos um mich herum, dass leider so gar nicht nach supi-dupi-schöner-Wohnen-Corona-Zuhause aussieht. Oder doch zu denen, die ich aufgrund des wenigen Sex haben sollte, den mein Mann und ich in Pandemiezeiten haben? Dann lägen sie direkt unter denen, die ich habe, weil ich meine Freundinnen zu selten anrufe. Ach und natürlich über denen, die sich täglich auftürmen, wenn ich mal wieder nicht so zugewandt zu meinen Kindern war, wie ich es gerade in diesen schweren Zeiten gern wäre.

Aber ehrlich gesagt habe ich keine Lust dazu, mir einen solch düsteren Stapel aus Schuld und Scham aufzuladen. Er ist nämlich völlig unnötig. In Krisenzeiten und auch in allen anderen. Ich schwinge also doch mal den Besen und kehre ihn vor die Tür, dort kann ihn die Müllabfuhr abholen. Ich konzentriere mich derweil lieber auf meine Aufgabe im Hier und Jetzt. Und die ist nicht, meinen Kindern eine unvergessliche romantische Coronazeit zu schaffen, sondern uns alle hier heil durchzubringen. Heil bedeutet in diesem Fall nicht auf rosa Zuckerwattewolken schwebend. Heil bedeutet, dass wir am Ende sagen können, wir haben es gewuppt. Gemeinsam. Ruppig. Unperfekt. In Liebe. Mit Chaos. Als echte Menschen.

Ich frage mich ernsthaft, warum überhaupt Menschen glauben, unsere Kinder müssten diese Zeit als besonders bereichernd empfinden? Warum um alles in der Welt haben wir den Anspruch, dass sie eine so große Krise, die weltweit jetzt schon fast 300.000 Menschen das Leben gekostet hat, von der wir nicht wissen, ob sie bleibende Schäden hinterlässt und die nicht wenige in den wirtschaftlichen Ruin stürzen wird, als tolle Zeit in Erinnerung haben werden? Reicht es nicht, wenn sie dadurch lernen, dass man gemeinsam ganz viel schaffen kann? Ist es nicht genug, dass wir ihnen unperfektes Krisenmanagement vorleben? Dürfen sie nicht merken, dass wir gerade eine enorme Kraftanstrengung meistern?

Vielleicht sollten wir mal unsere Ansprüche überdenken: Zusammenhalt und Authentizität in schweren Zeiten ist ja vielleicht manchmal wertvoller als Bullerbü um jeden Preis.

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