Deine Wirklichkeit – meine Wirklichkeit. Jede Familie hat ein Recht gesehen zu werden

Mein Beitrag über die Sommerferien hat euch erhitzt. Ich verstehe das. Manche stimmen mir laut und überschwänglich zu. Andere sind wütend, weil sie sich in diesem Artikel so gar nicht gesehen fühlen. In ihm nicht und auch nicht in der restlichen Welt, die sich gerade so irre dreht. Und in all diese Emotionen mischt sich immer wieder der Gedanke, dass der eigene Weg doch der ist, der eigentlich richtig ist. Wie kann das sein, dass es meinen Kindern besser gehen würde, wenn sie lange Sommerferien hätten – während du daheim am Rad drehst, fragst du dich gerade. Wie kann das sein, dass meine Kinder sensibel auf die derzeitige Lage reagieren, während deine total gechilled sind, fragst du dich. Nun weil das ihre Wirklichkeit ist. So wie die Entspannung die Wirklichkeit deiner Kinder ist. Wir sind zusammen unterwegs – und doch läuft jeder eine etwas andere Strecke. Jede Familie hat ihren eigenen Weg und möchte auf diesen gesehen werden.

Und manchmal wäre es so viel leichter, wenn wir alle in einem Boot sitzen würden, oder? Wenn ich genauso sehr dafür wäre, die Sommerferien zu kürzen, wie du. Dann könnte ich meinen Tatendrang und meine Wortgewandtheit nämlich für deine Sache nutzen. Dann könnten wir unsere Energie bündeln und gemeinsam so viel erreichen. Jetzt, so findest du, rudere ich unser Schiff mit viel Anstrengung in eine andere Richtung und du, du musst dich noch mehr abstrampeln, um gegen den Strom zu schwimmen. Das fühlt sich falsch für dich an. Das macht dich traurig – und wütend. Denn niemand sieht dich. Deine Not. Deine Wirklichkeit.

Wir haben von klein auf gelernt, dass es ein Richtig und ein Falsch gibt. Es wurde uns eingetrichtert, mit der Muttermilch. Und deshalb muss es das auch hier geben. Wenn es für mich richtig ist, die Sommerferien lang zu lassen, darf das für dich nicht falsch sein. Denn sonst, so hast du es all die Jahre gelernt, bist du falsch. Und falsch, das bedeutet weniger wertvoll. Wir leben in einer Gesellschaft, in der man in Falsch und Richtig denkt – und der, der richtig ist, der ist auch wertvoller. Zumindest haben wir es so gelernt. Also darf mein Weg nicht richtig sein. Sonst wäre deiner ja falsch. Wenn meine Kinder anders auf den Lockdown reagieren, als deine, dann muss eine Familie es falsch machen. Und das darf auf keinen Fall deine sein, sonst hättest du ja als Mutter versagt. Und du hast schon so oft versagt. Zumindest haben sie dich das glauben lassen. Von klein auf.

Wenn ich den Spagat zwischen Schule zu Hause, Homeoffice und Familienleben gut organisieren kann, während du kein Land mehr siehst, dann muss ich es ja richtig machen und du falsch. Aber du kannst doch nicht noch mehr falsch machen. Und deshalb bist du wütend. Weil keiner sieht, dass du das mit deinen Voraussetzungen gar nicht schaffen kannst. Denn deine sind anders als meine. Und deshalb wäre es für dich schöner, ich würde nicht mitreden, denn solange ich nicht in deinem Boot sitze, kann ich auch nicht mit dir rudern. Eins muss richtig sein – und eins falsch. Denn so haben sie es uns beigebracht.

Aber was wäre, wenn das alles Blödsinn wäre? Was wäre, wenn sie uns belogen hätten? Von Anfang an? Was, wenn es nie ein Richtig und ein Falsch gegeben hätte? Nie ein Wertvoller? Nie ein Wertloser? Was wenn es nur deine Wirklichkeit und meine gibt? Was, wenn deine genauso wichtig, richtig, wertvoll und sehenswert wäre, wie meine? Obwohl es zwei verschiedene Wirklichkeiten sind? Was, wenn du gar nichts falsch gemacht hast, nur weil bei dir zu Hause gerade jeder Tag höllisch anstrengend ist und dir alles über den Kopf wächst? Was, wenn du keine schlechte Mutter wärst, nur weil dir deine Kinder gerade tierisch auf den Keks gehen und du schon morgens beim Gedanken an weitere 24 Stunden mit ihnen heulen könntest? Was, wenn ich nichts falsch gemacht hätte, nur weil meine Kinder von der Situation gestresst sind und deine entspannt?

Was wenn die Erfüllung meiner Bedürfnisse nicht das Übertrampeln deiner bedeuten müsste? Was, wenn wir nach Wegen suchen könnten, wie ich Ferien haben könnte und du Entlastung? Was wäre wenn beides total okay und genau richtig wäre? Was, wenn wir darüber nicht streiten müssten? Was, wenn wir aufhören dürften, falsch und richtig zu denken? Was, wenn wir anfangen würden, die Situation des anderen nicht durch unsere Schablone zu sehen? Was wenn wir die Schablone wegnehmen könnten und neugierig schauen, wie es drüben ist? Was, wenn wir interessant so machen die das denken könnten, statt boah ist das blöd?

Weißt du was dann wäre? Wir hätten auf einmal verdammt viel Energie. All der Stress, das Strampeln, das Vergleichen würde von uns Abfallen. All die Mühe, die wir in die Verteidigung unserer Wirklichkeit stecken, wäre nicht mehr nötig. All das zwanghafte Schauen nach links und rechts. All die Versuche, bloß nicht aufzufallen und es ja nicht falsch zu machen. All die Abwertungen, die wir anderen entgegen schleudern müssen, um ja nicht falsch zu sein, könnten Komplimente werden. All die sinnlose Kraft, die uns das Gegeneinander kostet, könnten wir miteinander gebrauchen, um dafür zu sorgen, dass jede Wirklichkeit gesehen, mitgedacht und unterstützt wird.

Hast du Lust es zu versuchen?

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