Maschenprobe – oder wie Kinder den Umgang mit Frust und Enttäuschungen lernen

Ist das richtig so? Das Kind hält mir stolz sein Häkelstück hin. Irgendwas stimmt nicht, das sehe ich auf den ersten Blick. Ich schaue genauer hin und dann sehe ich, wo das Problem liegt. Ich zeige es dem Kind. Nur wenige Sekunden später halte ich ein schluchzendes Häufchen Elend im Arm. Ich verstehe das Kind. Seit Stunden übt es an einem Häkelstück. Seit Stunden fängt es etwas an – nur um es dann wieder aufzurippeln. Aller Anfang ist schwer – und manchmal echt frustrierend. Ich lerne das nie, schluchzt sie. Ich tröste sie. Äußere Verständnis für ihren Frust. Rippele ihr Häkelstück für sie auf, mache ihr die Anfangsluftmasche und gebe es ihr. Sie wird noch manches Mal zu mir kommen. Ich werde innerlich noch oft mit den Augen rollen und feststellen, dass aus mir niemals eine Handarbeitslehrerin geworden wäre. Doch viel wichtiger als das Häkelstück ist etwas anderes, das mein Kind hier mit mir lernt: Den Umgang mit Frust und Enttäuschungen.

Frustrationstoleranz ist eine oft verlangte Fähigkeit. Nicht nur in Bewerbungsverfahren setzen wir sie voraus, auch von Kindern erwarten wir sie. Die Erwartungen, die wir da an kleine Menschen stellen, sind jedoch nicht selten sehr hoch. Sie sollen lernen, auch mal zu verlieren. Soll heißen, sie sollen es möglichst ohne Emotionsregung hinnehmen, dass sie beim Mensch ärger dich nicht rausgeworfen wurden. Kann ein Kind weniger gut mit Frust umgehen, suchen Erwachsene schnell nach Erklärungen. Oft heißt es, sie hätten es einfach nicht gelernt. Schnell wird den Kindern (und ihren Eltern) dann unterstellt, sie hätten bisher einfach nie Frust aushalten müssen. Schnell bekommt man das Bild von Eltern, die ihre Kinder immer gewinnen lassen und ihnen alles abnehmen, was schwierig werden könnte. Alternativ versuchen Erwachsene, mit besonderer Absicht grausam zu sein, damit Kinder Frust lernen.

Dabei ist Frust nichts, was gelernt oder künstlich erzeugt werden muss. Eines der ersten Erlebnisse, die kleine menschliche Lebewesen machen, ist Frust. Frust, weil es draußen in der Welt kalt und laut ist. Frust, weil der blöde Erwachsene vor ihm erst lernen muss, was es gerade zu artikulieren versucht. Frust, weil es einfach nicht mit dem Gabel in die Steckdose darf. Frust, weil die Freundin im Kindergarten heute mit jemandem anders spielt. Frust, weil es Lust auf Pommes hat, da aber Nudeln auf dem Tisch stehen. Frust weil die Eltern es heute so spät abholen. Frust, weil sie zu früh da sind. Ich könnte seitenweise weiterschreiben. Kindern, die in den Augen von Erwachsenen nicht gut mit Frust und Enttäuschungen umgehen können, fehlt es mit Sicherheit nicht an frustrierenden Erfahrungen. Viel mehr fehlt es ihnen an einfühlsamer Begleitung.

Ein Kind einfühlsam durch Frust zu begleiten bedeutet nicht, es davor zu bewahren. Es bedeutet auch nicht, den Frust kleinzureden. Es bedeutet, ihn mit unseren Kindern auszuhalten. Denn manchmal versuchen wir vor allem deshalb, Frust und Enttäuschungen bei Kindern zu vermeiden, weil wir sie einfach selbst nicht aushalten. Starke Emotionen unserer Kinder können uns selbst mit altem Schmerz und eigenen schwierigen Gefühlen in Kontakt bringen. Das ist für uns Erwachsene schwer auszuhalten. Wir neigen dazu, den Kindern ihren Frust entweder zu verbieten, ihn kleinzureden oder ihn ganz zu vermeiden. Nichts davon ist hilfreich wenn es darum geht, den Umgang mit solchen Gefühlen zu lernen.

Wirklich hilfreich ist es, wenn unsere Kinder sich in solch einer Situation angenommen und gesehen fühlen. Vielleicht braucht es jemanden, der es einfach nur in dem Arm nimmt und eine Weile aushält. Vielleicht müssen seine Gefühle einmal von den Eltern benannt werden, damit das Kind sie selbst versteht. Vielleicht braucht es auch nur jemanden, der in so einem Moment daneben steht und aufpasst, dass nichts zu Bruch geht und sich niemand wehtut. Machen wir uns keine Illusionen, egal was es ist – wir werden es zehntausend Mal tun müssen. Mindestens. Pro Kind. Der Umgang mit Emotionen braucht Zeit. Ihn zu erlernen, das braucht geduldige, einfühlsame Erwachsene. Und natürlich auch Erwachsene, die nicht jeden Frust vermeiden, sondern gemeinsam aushalten. Die bleiben und trösten. Aufpassen, dass kleine Köpfchen nicht zu fest auf harten Fußboden knallen. Die das Kind ein paar Meter vom Fußballplatz wegführen, damit es sich in gebührendem Abstand von den anderen Kindern ausschreien kann.

Nur, wer lernt, dass Frust, Trauer, Angst oder Wut prinzipiell in Ordnung sind und da sein dürfen, hat überhaupt eine Chance, den Umgang damit zu lernen. Nehmen Kinder sich in solchen Situationen als falsch war, führt das nur dazu, dass negative Gefühle weggedrückt werden – und sich auf irgendeine schwierige Art irgendwann Bahn brechen.

Einen schönen Beitrag über Trösten und Begleiten hat übrigens Sandra von 7geisslein mal geschrieben: Heile heile Gänsje.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.