Laut werden ist nicht gleich anbrüllen

Ich habe viele Nachfragen, Nachrichten und Anmerkungen zu meinem Artikel übers Brüllen bekommen. Neben sehr viel Erleichterung habe ich auch Unsicherheit gelesen. Und immer mal wieder kam die Frage, ob es denn nicht okay sei, auch mal die Stimme zu erheben. Dabei ist mir aufgefallen, dass wir genau hinschauen müssen, wovon wir eigentlich sprechen, wenn es um das Anbrüllen geht. Denn laut werden und anbrüllen sind zwei verschiedene Dinge.

Verschiedene Temperamente sind in Ordnung

Ob und wie wir in manchen Situationen die Stimme erheben, hängt unter anderem auch mit unserem Temperament zusammen. Es gibt Menschen, die wechseln innerhalb einer kurzen Erzählung in fünf verschiedene Tonlagen, werden laut oder leise, je nachdem, wie sie das, was sie erzählen, gerade selbst berührt. Andere bleiben meistens eher gleichförmig. Manche Menschen sind von Natur aus leise. Andere laut. Manche sind schnell sehr emotional – an anderen scheint alles abzuprallen. Nichts davon ist besser oder schlechter. Es ist, wie wir sind. Unser Temperament ist ein Teil von uns.

Und auch in unseren Umgang mit Kindern spielt das rein. In manchen Familien ist es laut. In anderen geht es ruhiger zu und wenn die Stimme erhoben wird, ist das tatsächlich schnell bedrohlich. Ob es sich beim Laut werden um Anbrüllen handelt, das hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Warum wir laut werden ist entscheidend

Zum einen davon, gegen wen oder was wir unsere Lautstärke richten. Wir können über eine Situation richtig wütend sein und manchmal ist es gut, unsere Wut rauszuschreien. Ganz ehrlich – so ein lauter Schrei oder ein Ausruf des Frustes kann so dermaßen erleichternd sein und Knoten lösen. Und er ist auch gar nicht schlimm, solange er sich gegen eine Sache oder eine Situation richtet. Anders ist es, wenn sich unser Ausruf des Frustes gegen einen Menschen richtet. Wenn dies dann auch noch mit einer gewissen Aggressivität verbunden ist, brüllen wir diesen Menschen an. Wir lassen dann nicht mehr einfach nur unseren Frust ab, sondern wir verletzen und schüchtern jemanden anders gleichzeitig ein. Um genau solche Momente ging es in meinem Artikel über das Anbrüllen der eigenen Kinder.

Sinnvolle und weniger sinnvolle Gründe laut zu werden

Und dann gibt es die Situationen, in denen wir die Stimme im Umgang mit unseren Kindern erheben, ohne das Aggressivität mitschwingt. Das kann manchmal sehr nützlich sein. In Gefahrensituationen zum Beispiel ist es gut, wenn wir gehört werden und alarmierend klingen. Es gibt auch andere Momente, in denen wir uns eventuell über eine lautere Stimme Gehör verschaffen müssen. Menschenansammlungen, hektische Situationen, emotional aufgeladene Ereignisse. Die Frage ist immer, mit welcher Intention wir das tun. Geht es uns darum, zu warnen, etwas zu unterstreichen, Gehör zu finden? Gibt unser Laut werden in diesem Fall vielleicht sogar Sicherheit? Oder geht es uns darum, uns durchzusetzen? Sind wir laut, um zu lenken? Geht es unbewusst vielleicht doch darum, Druck auszuüben oder erlebte Verhaltensweisen weiterzugeben? Geht es um die Frage, wer stärker und schwächer ist? In all diesen Fällen dürfen wir das Laut werden noch einmal genauer ansehen.

Wir sehen also: Laut werden ist nicht das Gleiche wie Brüllen. Es kommt auf die Situation an und die Intention, mit der wir unsere Stimme erheben.

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