Demut unter Eltern

Da sitze ich, umklammere meine Tasse Tee und grinse zufrieden in mich hinein. Das Entwicklungsgespräch im Kindergarten war Balsam für meine Mutterseele. Mir gegenüber sitzt er, der Papa des anderen Kindes. Bei uns ist es nicht so gut gelaufen, flüstert er mir über seine Kaffeetasse hinweg traurig zu. Tja, ich bins halt, wäre mir vor zehn Jahren vielleicht durch den Kopf geschossen. Ich mache es halt richtig, weil ich es kann. Ich mache a und b, während du immer noch c und d machst, obwohl ich dir schon so oft gesagt habe, dass das Mist ist.

Doch zum Glück sitze ich diesem Vater heute gegenüber. Nach zehn Jahren Mutterschaft, nach zehn Jahren Erfahrung. Nach zehn Jahren Überforderung und Unzulänglichkeit. Zum Glück waren da schon diese beiden anderen Kinder und genug Situationen, um demütig zu werden. Ach Mist, flüstere ich deshalb nur zurück.

Ich werde sie nie vergessen, die kalten, triumphierenden Augen der anderen Mutter. Ich kann nicht verstehen, dass ihr ständig bei der Lehrerin anruft und Probleme habt, rief sie in der Umkleidekabine des Schwimmkurses aus. Meine Tochter weiß, was ich von ihr erwarte und wie es zu laufen hat und dann läuft es auch. Manche Eltern nickten eifrig und bekundeten Zustimmung. Einige sahen betreten zu Boden. Ich war eine von ihnen. Bei meinem Kind lief es nicht. Es brauchte hier und dort Unterstützung, hatte ein kleines Handicap mit in die Schule gebracht, dass das Lernen mancher Dinge zunächst erschwerte. Wir konnten nicht anders, als den Dialog mit der Lehrerin zu suchen – und wir wussten ja nicht mal selbst, was wir erwarten konnten.

Es ist doch so – eigentlich brauchen wir einander. In meinem Arbeitsalltag und auch um mich herum sehe ich so viele Familien, die sich allein abstrampeln. Da ist gerade mal eine Mutter und mit etwas Glück ein Vater und sie kümmern sich um Kinder, um eins, zwei, drei, manchmal ganz viele. Sie tun das vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, ohne, dass je jemand kommt und fragt, ob er helfen kann. In vielen Familien gibt es heute keine Großeltern mehr, keine Nachbarn, die nah genug dran sind, um eine Hand zu reichen. Nicht mal Freunde mit genügend Verständnis und Zeit. Viele Eltern stehen mit allem allein da. Mit dem Alltag. Den Sorgen. Der Überforderung. Dem schlechten Gewissen. Unterstützer könnten sie in uns anderen finden, die wir alle im gleichen Boot sitzen. In Eltern, denen es ähnlich geht. Die ihr Ding nach bestem Wissen machen und die manchmal nicht erreichen, was sie gern schaffen würden.

Doch statt einander diese Gefährten zu sein, machen wir uns das Leben schwer. Wir steigen in eine steife Ritterrüstung und reiten mit Fanfaren an den Orten ein, an denen unsere Kinder Erfolg haben. Mit unseren Lanzen stoßen wir barsch die zur Seite, die weniger glücklich sind. Wir setzen uns schamlos über sie und ihren Kummer hinweg. Statt Mitgefühl schleudern wir ihnen ein Selbst schuld entgegen und genießen den kurzen Moment des Hochgefühls. Ganz kurz sind sie vergessen, all die Momente in unserem Leben, in denen wir uns klein und ungenügend fühlen. All die Stunden, in denen wir in Zweifel ziehen, dass wir wertvoll sind, so wie wir sind. Wir belügen uns und die anderen, indem wir so tun, als sei es unser Verdienst, dass unsere Kinder problemlos durch Systeme laufen. Wir geben vor, wir könnten es allein durch unsere Kompetenz steuern. Wir hätten alles im Griff. Bis eine Lanze unseren Brustpanzer durchstößt und wir vom Pferd fallen. Dann liegen wir da, im Dreck, vor aller Augen. Neben uns liegt die Fünf in Mathe, der gelbe Hausaufgabentadel, der Brief vom Kindergarten, dass es dringend ein vorgezogenes Elterngespräch geben muss und die Mahnung vom Finanzamt. Die Menge tobt.

Die Augen der anderen Mutter sind heute nicht kalt und triumphierend, sondern traurig. Ich verstehe das nicht, sagt sie leise. Ich versuche doch alles, dass das nicht passiert. Und doch ist etwas passiert. Es hat ein Problem gegeben und ihr Kind steckt mittendrin. Knietief. Wir sitzen zusammen um einen Tisch und versuchen, es zu klären. In mir toben Rachegelüste, die ich kaum unterdrücken kann. Diesmal bin ich diejenige, die es im Griff hatte. Ich dachte, dein Kind weiß, was du von ihm erwartest, möchte ich ihr bissig entgegen zischen. Verletzte Menschen verletzen andere Menschen, das war schon immer so. Nur mein Anstand lässt mich schweigen. Dabei würde mir ein bisschen Demut in dieser Situation gut stehen, denn was ihr gerade passiert, hätte mir selbstverständlich auch passieren können. Eine Millisekunde, eine göttliche Eingebung, eine zufällig getroffene Entscheidung und ein Quäntchen Glück stehen zwischen uns – mehr nicht. So wie in fast jeder Situation unseres Elternlebens.

Wir bilden uns so oft ein, alles im Griff zu haben. Den richtigen Weg zu kennen. Kontrollieren zu können, was in Wirklichkeit eben doch nicht wirklich zu steuern ist. Jeder gelungene Tag bestätigt uns darin. Jeder Fehler macht uns unsicher. Wir alle, die wir heute Kinder ins Leben begleiten, sind auf eine bisher unbekannte Art einsam. Uns fehlt der sichere Rahmen, der nur ein paar Generationen vor uns noch selbstverständlich war. Wir sind nicht mehr eingebettet in Traditionen, Großfamilien und Dörfer. Wir haben kein “das macht man so” mehr, an dem wir uns entlang hangeln können.

Das ist in vielerlei Hinsicht eine wichtige Entwicklung. Sie macht uns frei – und leider oft verdammt einsam. Unsere Entscheidungen treffen wir allein und nach bestem Wissen und Gewissen. Doch wir treffen sie auch vor den Augen aller da draußen, die uns ständig einsortieren und bewerten. Ich kenne kaum Eltern, die nicht schon mit Spott, Kritik und Abwertung konfrontiert waren. Die eine Mama, weil sie zuviel arbeitet. Die nächste Mutter, weil sie zu lange stillt – oder gar nicht. Der Vater, der seine Kinder zu viel zocken lässt, wird kritisiert, genau wie der Nachbar, dessen missratener Sohn einfach nicht hören kann. Mal offen – und meistens hinterm Rücken und doch bemerkt. Jede einzelne Abwertung ist ein kleiner Nadelstich in unsere Elternseele. Sie bilden Narben in unseren verletzlichen Herzen, die doch nur das Allerbeste wollen. Und irgendwann halten wir sie nicht mehr aus, die Verletzungen – und so ziehen wir unsere Rüstung an und werden noch einsamer.

Ich verstehe nicht, dass die Hälfte der Klasse noch immer so schlecht in Rechtschreibung ist. Üben die Eltern nicht mit ihren Kindern? Da sind sie wieder, die kalten und triumphierenden Augen der anderen Mutter. Ach bitte, will ich ihr zuraunen, hast du schon vergessen? Doch ich lasse es. Denn eigentlich weiß ich, dass mich von ihr nur ein Wimpernschlag mehr Erfahrung und eine Tasse Tee mit einem Freund trennen. Und wer weiß, vielleicht trinke ich den Tee irgendwann mit ihr. Vielleicht ziehen wir unsere schweren Rüstungen dann aus und schicken die Fanfarenbläser beschämt nach Hause. Nur noch in Unterkleidern teilen wir dann die Einsicht, dass wir nicht mehr als unser Bestes geben können – und das es mal reicht und mal nicht. Vielleicht reichen wir uns die Hände und lassen Luft an unsere Wunden kommen, damit sie heilen können.

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