Latte Macchiato Mütter, Tyrannenkinder und Rasenmäher-Eltern? Von wegen!

Moderne Familien sind besser als ihr Ruf

Früher war alles besser! Ich habe diesen Satz schon in vielen Varianten gehört, besonders wenn es um Kindererziehung geht. Die Eltern konnten früher noch besser erziehen, die Kinder hatten mehr Respekt. Das Eltern sein war leichter und die Erziehungsfehler, die Eltern heute machen, wären der früheren Generation nicht passiert. Sie waren keine Rasenmäher-Eltern, die Tyrannenkinder heranzogen.

Früher war nicht alles besser

Vor einiger Zeit stand ich an einer Supermarktkasse in Berlin und lauschte genau so einer Konversation, als ein alter Herr sich einmischte. Welches Früher meinen sie eigentlich, fragte er die junge Mutter und die Dame mittleren Alters, die sich gerade darauf geeinigt hatten, das früher eben alles besser war. Das Früher, das ich erlebt habe, war auf jeden Fall nicht besser. Er führte aus, was ich nur hätte aus dem theoretischen Topf der historischen Pädagogik ziehen können. Wir hörten nicht, weil wir Respekt hatten, sondern aus Angst verprügelt zu werden. Wir haben nicht weniger Mist gebaut, wir konnten nur besser lügen. Unsere Eltern waren nicht streng, sondern gewalttätig. Sie hatten nicht mehr Zeit für uns, sondern weniger. Wir haben nicht gelernt, unsere Meinung zu sagen und nicht, wie wir Probleme lösen. Den Großteil von dem Chaos da draußen haben wir verbockt, nicht die jungen Leute. Hör mir uff damit. Die Kleene is in Ordnung und ihre Mutter sowieso.

Nun hat der Herr aus seiner Sicht und seinem Erfahrungskontext geredet. Und genauso wie früher nicht alles besser war, hat natürlich nicht jeder eine Kindheit erlebt, wie er sie beschreibt. Und doch hat er einen wichtigen Punkt getroffen. Besonders was den Begriff des Respekts angeht, bin ich mit ihm einer Meinung. Oft wird der mangelnde Respekt der heutigen Kinder und Jugendlichen beklagt, ohne jedoch, dass wir uns wirklich damit auseinandersetzen, was Respekt bedeutet. Respektiert uns jemand, weil er unsere Anweisungen unhinterfragt ausführt? Respektiert ein Kind uns nicht, wenn es unsere Abläufe (bewusst) stört oder liegt der Grund dafür tiefer? Ist manches, was wir gern Respekt nennen, nicht doch viel eher Angst gewesen, so wie der alte Herr an der Supermarktkasse es beschrieben hat?

Erziehungsaufgaben sind komplexer geworden

Können wir überhaupt pauschal sagen, dass heute viel mehr schief läuft, als zu anderen Zeiten? Ich denke, was wir sagen können ist, dass Kinder ins Leben begleiten komplexer geworden ist. Es wäre auch komisch, wenn nicht, denn die Welt ist komplexer geworden. Wir stehen vor völlig anderen Herausforderungen, als unsere Eltern mit uns. Unsere Eltern taten gut daran, uns zu gegebener Zeit auszuklären. Doch sie mussten nicht fürchten, dass unser Bild von Sexualität verschoben wird, bevor wir überhaupt in ein Alter kommen, eine eigene zu entwickeln. Von dem einen Pornoheft, das heimlich auf dem Schulhof von Ranzen zu Ranzen wanderte, ging keine nachhaltige Gefahr aus. Von dem, was schon Grundschüler heute im Netz finden, schon. Die lustigen Bilder, die wir von unserem stockbesoffenen Klassenkameraden auf Abschlussfahrt gemacht hatten, haben wir entwickelt und uns ein bis zweimal angeschaut. Sie landeten jedoch nicht im Netz und wurden nicht für die ganze Welt zugänglich. Mit unseren Eltern diskutierten wir, welche Vorabendserie wir schauen dürfen und ob wir den Film um 20:15 Uhr mitgucken oder ins Bett müssen. Wenn wir den Game Boy nicht rechtzeitig weglegten, konnten sie sich darauf verlassen, dass die Batterien bald alle waren und die paar Open World Spiele für Konsolen waren nicht wirklich fesselnd.

Die Themen, die wir heute haben, sind andere. Kein Wunder, denn unsere Welt ändert sich rasant. Wir stehen vor Fragen, für die noch keine Elterngeneration vor uns Antworten finden musste. Und ehrlicherweise finde ich, wir machen das gar nicht schlecht. Ich habe genug mit Familien zutun, um das hier einmal sagen zu können: Nein, es läuft nicht rosarot. Ja, es gibt Sorgen und Probleme – ich muss es wissen, ich verdiene mein Geld damit, bei der Lösungsfindung anwesend zu sein. Doch schlecht machen die heutigen Eltern das nicht. Im Gegenteil. Ich bin immer wieder berührt und überrascht, wie viele Gedanken sie sich gemacht haben und wie viel Kraft und Zeit sie in ihre Aufgabe investieren. Ich bewundere ganz oft die Lösungen, die sie bereits gefunden haben und mag ihre kreativen, neuen Wege, Familie zu leben. Und manchmal sind sie irgendwo falsch abgebogen. Na und? Wer hat sich noch nie verlaufen?

Herausforderungen werden sichtbarer

Doch woher kommt es dann, das gefühlt alles schlimmer geworden ist? Dass wir es oft so wahrnehmen, hat unterschiedliche Gründe. Zum einen verkaufen sich schlechte Nachrichten von jeher besser, als gute. Wer sich gerade über etwas geärgert hat, kann gezielt im Internet nach Gleichgesinnten suchen, die sich auch ärgern – und wird immer fündig, egal ob es um die Müllabfuhr, die Bahn oder die heutige Jugend geht. Schnell verfestigt sich dadurch die Wahrnehmung, das alles immer schlimmer wird. Da hilft es dann auch nichts mehr, das Zahlen das Gegenteil belegen könnten. Dazu kommt erschwerend, dass zwar die meisten Eltern sich alle Mühe geben, an den neuen Herausforderungen dran zu bleiben, andere Systeme aber schlechter hinterher kommen. Wenn wir als Lehrkraft in Schulen, als Erzieherinnen, als Haupt- oder Ehrenamtliche in Gemeinden oder Vereinen mit Kindern zutun haben, müssen wir das in einem vorhandenen Rahmen tun. Das dieser oft nicht mehr in die Logiken unserer Zeit passt, können wir nicht so leicht ändern – und das macht es wirklich anstrengend.

Auch ich bin da gespalten. Während ich beruflich und privat von mir behaupten würde, dass ich mich den Herausforderungen meiner Zeit ohne Angst stelle, sieht es im Ehrenamt oft anders aus. Wenn ich in der Eltern-Kind Arbeit meiner Gemeinde etwas plane, ärgere ich mich, wenn es nicht funktioniert. Natürlich ist es dann leicht, den Grund dafür bei den heutigen Familien zu suchen, die einfach nicht mehr in der Lage sind, sich einzupassen. Allerdings wäre das zu kurz gedacht (und darüber hinaus wenig hilfreich). Deshalb bin ich froh, in einem Team zu arbeiten, das sich gern hinterfragt und die eigene Arbeit immer wieder den Bedarfen von Familien anpasst. Aber ich verstehe durchaus, dass es stark herausfordernd ist, wenn man vor diesen Aufgaben in weniger flexiblen Systemen – beispielsweise dem Bildungssystem – steht. Und auch da muss ich mal eine Lanze für die Akteure brechen: Die meisten Lehrerinnen, Lehrer, Erzieherinnen, Erzieher oder Sozialpädagogen, die ich kenne, tun, was in ihrer Macht steht, um die Systeme im Sinne der Kinder zu weiten. Dass das oft sau anstrengend ist, liegt nicht an ihnen oder den Kindern, sondern an den praxisfremden Vorgaben, die ihnen das Leben schwer machen.

Auffälliges Verhalten weist auf Fehler im System hin

Doch dann sind da noch die, die wirklich schlimm sind. Ja, es gibt sie. Kinder und Jugendliche, die uns nicht nur herausfordern, sondern die es fast unmöglich machen, etwas mit ihnen zu gestalten. Gefühlt sind es immer mehr. In Wahrheit werden sie nur lauter. Doch sind sie tatsächlich Produkte von “Erziehungsfehlern?” Die Konsequenz aus einer Elterngeneration, die nicht mehr in der Lage ist, ihre Kinder zu erziehen, so wie es mancher postuliert? Ich finde, das ist zu einfach gedacht. Hier macht es sich die Erwachsenenwelt zu leicht. Wenn ein Kind das System sprengt, dann weil es dieses System eben nicht mehr erträgt. Auffällige Kinder sind eigentlich nur ein Seismograph für das, was gründlich schief läuft. Statt Schimpftiraden über sie und ihre Eltern loszulassen, können wir auch genau hinsehen. Denn neben all den guten Sachen, die wir versuchen, der komplexen Welt entgegenzusetzen, laufen natürlich auch Dinge schief.

Auffällige Kinder können ein Indikator für vieles sein: Dafür zum Beispiel, dass es nicht gelungen ist, das größer werdende Zeitbudget in Nestwärme umzuwandeln. Dafür, dass die Grenzen der Systeme, die wir schaffen, zu eng sind. Dafür, dass Erwachsene zwar greifbar, aber nicht berührbar sind. Dafür, dass die Anforderungen, die wir heute an Kinder und Eltern stellen, extrem hoch sein können. Sie zeigen uns, wo sie wahrgenommen und gesehen werden möchten und wo sie übersehen werden. Sie schreien nach unserer echten Aufmerksamkeit und danach, mit ihren Sorgen und Nöten ernst genommen zu werden. Sie wehren sich gegen wachsende Leistungsanforderungen, die sie als Menschen mit Gaben, Bedürfnissen und Träumen nicht mehr im Auge haben. Und bei manchen reicht das als Erklärung nicht aus. Manche haben schon viel zu früh viel zu viel gesehen und erlebt. Der Kummer von manchen Kindern wird übersehen und überhört. Sie stolpern ungetröstet durch diese Welt und suchen nach Halt oder schlimmer noch, haben die Hoffnung danach, noch irgendwo gehalten zu werden, längst verloren.

Diese Kinder sind tatsächlich eine Aufgabe für uns alle. Doch sie stehen nicht für eine ganze Generation. Im Gegenteil, für uns gibt es gute Nachrichten. Während das Zusammenleben mit unseren Kindern sich zwar nicht mehr über Befehl und Gehorsam auf Knopfdruck gestalten lässt, bietet unser Fokus auf Bindung und Beziehung viele Vorteile. Die Erziehungswissenschaftlerin Jutta Ecarius kommt zu dem Schluss, dass das emotionale Band zwischen Kindern und Eltern viel stärker geworden ist – und somit langfristig auch der Einfluss, den wir auf unsere Kinder haben. Es ist also alles gar nicht so schlimm.

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