Liebe ohne Hashtag

Ich gestehe – ich habe danach gesucht. In mir war die Versuchung, uns auch so einen tollen Hashtag zu erschaffen, der unsere Liebe unsterblich macht. Sowas wie #malec, #Roschel oder #brangelina. Okay, bei Letzteren hat es mit der Unsterblichkeit jetzt nicht funktioniert. Doch alle Kombinationen aus unseren Namen sind so hoch peinlich, dass ich sie hier aus Rücksicht auf meine Angehörigen gar nicht aufschreiben kann. Inspiriert von #captainswan und #outlawqueen aus Once upon a time habe ich dann versucht, die verschiedenen Listennamen, denen wir im Studentenparlament angehörten, zu einem Hashtag zu machen. Das Ergebnis klang nach Beate Uhse Filmverleih. Und so musste ich einsehen, dass wir uns ohne Hashtag weiterlieben müssen.

Was hätte so ein Hashtag denn auch gesollt? Hätte es irgendwen gegeben, der ihn zukünftig in sozialen Netzwerken verwendet hätte? Hätte uns jemand geshippt und Videos mit den schönsten Szenen unseres Lebens mit Christina Perris a thousand years hinterlegt? Hätten sich zwei verschiedene Lager gebildet, die sich miteinander darüber gestritten hätten, ob nun wir das bessere Paar sind oder ob es doch mein Mann und seine Ex waren? Oder ich und der, den ich einmal fast geheiratet hätte?

Was wäre auf diesen Videos denn überhaupt zu sehen gewesen? Unsere Liebesgeschichte, ganz klar. Eine leidenschaftliche politische Debatte in der Asta-Küche, an deren Ende wir nebeneinander in einer Kneipe saßen. Heimliche Küsse in den dunklen Straßen der Nordstadt. Ein Abend im K19. Unsere Hochzeit. Des Dramas wegen natürlich die Szene unseres ersten großen Streits. Vielleicht noch wir, im Kreißsaal, mit unserem ersten Baby im Arm?

Unsere spektakulären Szenen würden wohl nicht mal die erste Strophe des Liedes komplett ausfüllen. Denn so rasant unsere Geschichte auch begann, so gewöhnlich geht sie seither weiter. Die letzten vierzehneinhalb Jahre waren keine Ansammlung von romantischen Höhepunkten. Und selbst die, die da waren, sind viel zu gewöhnlich, um von Christina Perri besungen zu werden. Vielleicht hätte noch der Moment eine Chance, in dem ich mich nach zehn Jahren wieder in mein Hochzeitskleid quetschte, um meinen Mann in Prag damit zu überraschen?

Die Romantik, die uns ausmacht, ist eine andere. Ich finde sie in den Wegen, die mein Mann mir einfach mal abnimmt. In einem Witz, über den wir beide – und nur wir beide – herzlich lachen können. Sie wird spürbar, wenn wir beim Lieblingsitaliener sitzen, den immer gleichen Wein bestellen und die immer gleiche Vorspeise essen. Und ich finde sie, wenn ich merke, dass ich mich nicht verstellen muss. Ich fand nichts romantischer als die Tatsache, dass mein Mann trotz Beförderung erstmal neun Monate in Elternteilzeit gegangen ist. Ja – und ich gebe zu – ich genieße auch die seltenen Momente, in denen eine Rose ihren Weg in mein Haus findet. Doch filmreif ist das alles nicht.

Und dann wären da noch all die Momente, die keiner sehen möchte und die uns auch ausmachen. Krankheiten – kleine und große. Schlaflose Nächte, weil uns Sorgen niederdrücken. Umschlungene Hände, die suggerieren, dass man da ist, auch wenn die Worte gerade fehlen. Und auch die, in denen wir die Hand des anderen nicht ergreifen können, sondern lieber hinter Bildschirmen und Büchern verschwinden, als noch zu reden. Die vielen, vielen Stunden Beziehungsarbeit, die wir immer wieder investieren, damit genau diese Momente bei uns nicht die Oberhand gewinnen. Die vielen Stunden Alltag, in denen es weniger um uns und dafür mehr um Kinder, Haustiere, Rindenmulch oder das Parkplatzproblem vor der Haustür geht.

Das alles sind wir. Wir leben einen bunten Potpourrie der Alltäglichkeiten, in den wir ab und an ein bisschen Glitzer streuen. Unsere Hashtags könnten #Schrammen und #Macken heißen oder #gewöhnlich. #GanznormalesLeben oder manchmal #Alltagswahnsinn. #Elterseinfamilieleben und dabei #Paarbleiben, manchmal sogar #liebende, trifft es wohl nicht schlecht. Glücklicherweise hat Gott sich ausgedacht, dass es besser ist, wenn wir höchstens 120 Jahre alt werden, denn ob unsere Liebe Stoff für #athousandyears bietet, weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist sie die tragende Säule dieser irren, kleinen Großfamilie hier. Sie ächzt und knarzt manchmal darunter, wie altes Fachwerkgebälk, aber sie bricht nicht. #athousandyears brauche ich nicht, aber ich würde gern noch fünfzig bis sechzig nehmen, allein schon, weil ich das Geräusch von knackendem Holz an Winterabenden liebe und weil ich total gespannt bin, was der Herbst uns irgendwann einmal bringt, wenn wir diesen heißen, stürmischen Sommer unseres Lebens hinter uns gebracht haben.

In das persönliche Video meines Lebens haben sie sich sowieso alle eingebrannt, die kleinen Momente, die, deren Zauber nur wir verstehen. Die, die eine ganz gewöhnliche Geschichte erzählen, die dort geschrieben wird, wo die meisten Filme enden und wo keiner mehr ein Hashtag braucht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.