Überforderte Eltern – wenn alles zu viel ist

Überforderte Eltern – das klingt nach Jugendamt. Nach einer Doku im Privatfernsehen und nach Familien in Stadtteilen, durch die wir ganz schnell durchfahren – wenn überhaupt. Überforderte Eltern – sind das wirklich nur die, die von unserer eigenen Realität ganz weit weg sind? Oder sind wir selbst es manchmal? Sind wir nicht alle mal mit unserem ganz normalen Alltag überfordert? Wird uns allen nicht ab und zu mal alles zuviel? Sitzen wir selbst nicht ab und zu mal da und wissen weder ein, noch aus? Haben wir an manchen Tagen unser maximales Kontingent an friedvoller Elternschaft schon zum Frühstück aufgebraucht? Liegen wir manchmal abends heulend im Bett, weil wir viel zu viel geschimpft und geschrien haben? Weil unser Handeln alles mögliche war, nur nicht so, wie wir als Eltern sein wollen? Wachen wir nicht manchmal auf und fragen uns schon vor dem Aufstehen, wie wir diesen Tag nur wieder schaffen sollen? Lasst uns darüber reden.

Überforderte Eltern in der Scham-Spirale

Ich gestehe – all das, was ich oben geschrieben habe, trifft an manchen Tagen auf mich zu. Ich kann nicht immer friedvoll sein, weil es viel zu oft in mir brodelt. Ich kann mich an manchen Tagen selbst nicht leiden, weil mein Verhalten so weit weg ist von dem, wie ich sein will. Dann liege ich abends im Bett und heule in mein Kissen. Ich hatte schon Tage – gerade als mein jüngstes Kind noch sehr klein war und ich mich an das neue Leben als dreifache Mutter gewöhnen musste, da wusste ich morgens tatsächlich nicht, wie ich den kommenden Tag schaffen sollte. Das alles ist schon schlimm genug. Doch es gibt noch etwas, das viel schlimmer ist – und das ist die Scham darüber, dass es so ist. Denn viel zu oft schäme ich mich dafür so zu sein, wie ich nun einmal ganz oft bin. Und da ich tagtäglich online und offline mit vielen anderen Müttern zutun habe, weiß ich, dass ich damit nicht allein bin. Weder mit der Scham, noch mit dem Scheitern an eigenen Ansprüchen und der realen Überforderung mit manchen Situationen.

Überfordert sein bedeutet, einer Aufgabe temporär oder dauerhaft nicht gewachsen zu sein. Wir kennen dieses Gefühl in fast allen Situationen unseres Lebens. Die meisten von uns haben an einem stressigen Arbeitstag schon mal den Satz gesagt: Ich bin damit gerade überfordert. Oder auf dem Supermarktparkplatz, wenn gerade nur noch eine Parklücke frei ist, für die unsere Parkkünste nicht reichen. Doch wenn es um unsere Kinder geht, tun wir oft so, als dürfe es dieses Gefühl nicht geben. In unseren Rollen als Väter und Mütter wollen wir immer perfekt funktionieren. Jede Situation im Griff haben. Nie daneben liegen. Wenn es um unsere Kinder geht, leisten wir uns keine Schwächen. Und das ist fatal.

Eltern leisten viel mehr, als sie selbst sehen

Dabei gibt es so viele Situationen im Elternalltag, die mehr von uns abverlangen, als wir in der Lage sind, zu geben. Jeder, der Kinder ins Leben begleitet, hat auf der einen oder anderen Ebene seine persönlichen Grenzen erweitert. Sei es die Müdigkeitsgrenze, die Geduldsgrenze, die Chaosgrenze, die Lärmgrenze oder die Ruhegrenze. Das ist Teil des inneren Wachstums, den uns unsere Kinder schenken. Doch dieses Wachstum hat Grenzen. Wir sind nicht unendlich dehnbar, biegbar oder leidensfähig und wir können nicht jeden Tag in gleichem Maß über uns hinauswachsen. Manche Tage sind einfach anders. Anstrengender. Bedrückender. Da fällt es uns schwerer, Geschwisterstreit zu moderieren, endlose Diskussionen zu führen, Wutanfälle auszuhalten und zu begleiten. Weil all das total schwer ist. Dass wir es an vielen Tagen überhaupt einigermaßen schaffen, ist bereits eine Höchstleistung, die wir viel zu selten anerkennen.

Außerdem haben wir alle Dinge, die uns beim Eltern sein dauerhaft an den Rand bringen. Themen, die wir einfach nicht gelöst kriegen. Muster, in die wir immer wieder fallen. Verhalten unserer Kinder, das uns immer wieder antriggert und aggressiv macht. Immer und immer wieder geraten wir in dieselbe Schleife und viel zu selten kommt jemand, legt uns die Hand auf die Schulter und sagt: Kenn ich. Ich tue das jetzt, denn ich kenne das. Ich kenne das als Mutter, weil es mir schon öfter so gegangen ist. Ich kenne es auch als Familienberaterin, weil das genau die Fälle sind, in denen ich oft helfen darf. Denn ganz oft braucht es in solchen Situationen, die sich verfestigen und uns das Leben schwer machen, wirklich nur jemanden, der einmal von oben drüber schaut. Ich bin froh, Kolleginnen zu haben, die das gern für mich übernehmen und in deren Gegenwart ich offen sein darf und zu meiner Überforderung stehen.

Sprecht über eure Schwierigkeiten

Und das ist auch schon mein wichtigster Rat an überforderte Eltern: Öffnet euch. Erzählt irgendjemandem von eurer Überforderung. Sprecht darüber, dass ihr manchmal morgens aufwacht und nicht wisst, wie ihr den Tag schaffen sollt. Erzählt von den Situationen, die euch an den Rand bringen. Reden allein macht es oft schon besser – oder wirklich ein Blick von außen. Manchmal hilft allein schon zu wissen, dass man damit nicht allein ist. Ein anderes Mal kommt vom Gegenüber dieser eine Satz, oft beiläufig dahin gesagt, der den Fokus verschiebt und alles ändert. Und noch einen Rat habe ich an euch: Seid gnädig mit euch. Ihr gebt jeden einzelnen, verdammten Tag euer bestes. Ihr steht auf, auch wenn ihr denkt, dass ihr dem, was vor euch liegt, nicht gewachsen seid. Ihr bringt den Tag zu Ende – und die Kinder wohlbehalten ins Bett. Vielleicht hat es mal ein paar mehr Tränen und Wut gegeben – aber sie sind sicher, sauber, satt und werden mit allem, was ist, geliebt. Euer Lagerfeuer brennt, ein paar schrill gebrüllte Worte können es nicht auspusten. Ihr seid wundervoll – mit all euren Fehlern, eurer Überforderung, euren Brüchen und euren Aussetzern. Echte Menschen aus Fleisch und Blut. Superhelden mit Ecken und Kanten.

3 Kommentare

  1. Jetzt habe ich geheult wie ein Schlosshund, weil der Text wie Balsam auf meiner Seele wirkt und es wirklich erleichtert mal den Gesamtblick zu wagen! Derzeit sind viele Tage viel zu stürmisch, die beiden Kinder (6+4) verhaken sich all zu oft in übelstem Geschwisterstreit, alle hochsensibel und ganz oft an unsere jeweilige Grenze geführt. Durch die eigene harte Kindheit und der 180Grad Wendung, es anders machen wollen als meine Eltern, denke ich immer wieder nur: du musst es besser machen – und ich schäme mich dafür, dass ich es heute WIEDER nicht geschafft habe. Keine gute Dynamik. Auch wenn es immer besser wird (in der Gesamtsicht), sind manche Tage echt schwer. Besonders weil es keine Familienhilfe gibt und ein Mensch, der einfach mal kurz auf die Schulter klopft.
    Und dann gibt es diese Tage voll Sonnenschein oder gemütlicher Regenzeit, wo alle stimmig ist und ich einfach nur dankbar für diese Menschen in meinem Leben bin, trotz Überforderung an machen Tagen, die viel Kraft rauben. Es geht immer weiter, es wird immer leichter. Nur ab und zu auch die eigene Seele streicheln, Gleichgesinnte haben und die Akkus wieder aufladen ist richtig wichtig. Danke für den Klecks Balsam ;o))

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