Fridays For Future – Eltern zwischen Verständnis und Rollenkonflikt

Seit einigen Monaten geht die Generation unserer Kinder freitags auf die Straße. In manchen Wochen bringen sie so über eine Million Menschen dazu, laut für Klimaschutz einzutreten. Mittlerweile sind neben den Schülern selbst auch einige andere Organisationen hinzugekommen. So gibt es eine Elternorganisation, eine Organisation von Künstlern, eine von Wissenschaftlern und Unternehmern. Doch viele Eltern sind im Konflikt, was die Teilnahme der eigenen Kinder an den Protesten angeht und noch viel schwieriger – was ihre Rolle dabei ist.

Den angemessenen Umgang finden

Nun ist es so, dass Kinder zum Schule schwänzen eigentlich nicht wirklich die Erlaubnis ihrer Eltern brauchen. Denn Schule schwänzen ist eigentlich klassisch ein Teil einer Rebellion, die sich gegen die Erwachsenenwelt stellt. Letztlich landen die Fehlzeiten, die während der Teilnahme an Demos gesammelt wurden, ja auch sowieso als unentschuldigte Stunden im Zeugnis. Nun ist es aber so, dass auch die Erwachsenengeneration diesmal eine Menge Sympatien für das Anliegen der jungen Menschen hegt und das Schule schwänzen somit direkt oder indirekt unterstützt. Ich – die ich die Schulpflicht sowieso nicht für das allzu sinnvollste Konzept halte, finde das in Ordnung.

Doch viele Eltern fragen sich dieser Tage, wie sie einen angemessenen Umgang mit dieser neuen Bewegung finden können. Kürzlich machte im Netz der Bericht eines Vaters die Runde, der das Engagement seiner elfjährigen Tochter ins Lächerliche zog, diese mit albernen Strafen und Drohungen demütigte (wie zum Beispiel all ihre Klamotten zu verkaufen und ihr nur noch Dinge aus Hanf und Jute zu besorgen) und der Meinung war, seine Tochter sei einer Bewegung von Extremisten aufgesessen. Ganz egal, ob man generell Sympatien für das Anliegen der jungen Menschen hegt oder nicht, das ist kein Weg, sich mit seinen Kindern auseinanderzusetzen. Zumindest nicht in meiner Welt.

Die Beziehung stärken und Erwachsen bleiben

Klimaschutz ist ein Thema, für das große Teile der jungen Generation heiß entbrannt sind. Das ist auch nicht allzu verwunderlich. Schließlich sind sie es, die ausbaden müssen, was wir und unsere Eltern und Großeltern teilweise wider besserem Wissens versäumt haben. Während wir unser Leben halbwegs privilegiert zu Ende leben werden, werden unsere Kinder sich mit ungeahnten Problemen rumschlagen. Zumindest wenn wir die gesteckten Klimaziele nicht erreichen. Ihre Sorgen und Nöte herunterzuspielen und lächerlich zu machen, ist der falsche Weg. Dieser Weg schlägt Gräben in das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, wo eigentlich Nähe sein sollte. Unsere Aufgabe ist es, zuzuhören verstehen zu wollen und ernst zu nehmen.

Doch wir haben noch eine weitere Aufgabe: Erwachsene bleiben! Unsere Kinder brauchen auch keine Eltern, die sich mit ihnen tief emotional verrennen. Sie dürfen das tun. Das ist etwas, worauf sie als Teil einer großen Bewegung und als junge Menschen mit Träumen und Idealen ein unbedingtes Recht haben. Sie dürfen emotional werden, sie dürfen weinen, sie dürfen schreien und sie dürfen Forderungen stellen, von denen wir wissen, dass sie absurd sind. Unsere Aufgabe ist, sie zu begleiten. Unsere Aufgabe ist aber auch, die Geschehnisse für sie zu versachlichen. Wir müssen uns weiterhin mit dem auseinandersetzen, was machbar, was notwendig und was unrealistisch ist. Wir müssen den Überblick behalten.

In letzter Zeit lese ich immer wieder von erwachsenen Menschen meiner Generation, dass sie gerade heulen, schreien, sich jetzt radikalisieren oder gar, dass sie in diese Welt lieber keine weiteren Kinder mehr setzen wollen. Und ich möchte ganz offen sein – mit einem solchen Verhalten werden wir unserer Rolle als Eltern nicht gerecht. Wir verlassen die Ebene der Erwachsenen und tauchen in die der jungen, ungestümen, heiß für etwas brennenden Generation ein. Doch die braucht uns da nicht. Die Kinder sind genug. Sie haben ihre Ebene gefunden. Sie haben ihren Protest. Sie haben ihre Bewegung, die so viel mehr ist, als eine Protestbewegung für Klimaziele. Sie ist für junge Menschen ein Ort, an dem sie sich ausprobieren können. Verlieren und ganz anders wiederfinden. Wo sie eine neue Art der Selbstwirksamkeit erleben – und auf ganz neue Weise an ihre Grenzen kommen. Teil einer großen Bewegung zu sein, prägt Kinder, verändert sie und wirkt im späteren Leben nach – und ganz nebenbei macht es oft verdammt großen Spaß. Dank Roland Koch und seiner Operation sichere Zukunft 2003 weiß ich, wovon ich spreche.

Doch wir Erwachsenen sind hoffentlich schon gefestigt. Natürlich dürfen wir uns trotzdem laut für Klimaschutz einsetzen, doch wir haben einen anderen Blick auf die Dinge. Viele von uns haben große Sympathie für das Thema, wir unterstützen viele Forderungen, suchen selbst nach Wegen, sie im Kleinen umzusetzen. Und doch ist unser Blick weiter. Unsere Lebenserfahrung eine andere. Wir wissen, dass Politik über Kompromisse funktioniert. Wir wissen, dass es manchmal besser ist, mit einem ganz kleinen Wurf irgendwo anzufangen, als gar nicht loszulegen oder sich in zu großem Aktionismus zu verlieren. Wir wissen, dass wir nicht jeden, der einen SUV fährt, als schlimmen Verbrecher beschimpfen müssen, dass Mühlen manchmal langsam mahlen und auch dann nicht schneller werden, wenn man ausflippt. Und wir wissen auch, dass Menschheit bisher immer Wege gefunden hat, um Katastrophen zu überstehen – auch wenn es düster aussah. Unsere Aufgabe ist nicht, uns zusammen mit unseren Kindern in dystopische Fantasien fallen zu lassen, sondern sie gerade in dieser emotional aufwühlenden Zeit zu halten. Und um Halten zu können, darf man selbst nicht den Halt verlieren.

Im Gespräch bleiben

Wie das im Einzelfall aussehen kann, hängt von der eigenen Einstellung ab. Einige Eltern begleiten ihre Kinder auf Demos und dagegen ist nichts einzuwenden. Im Gegenteil es ist eine gute Möglichkeit, sich gemeinsam für eine Sache zu engagieren, aber auch einen kritischen Blick auf Dinge am Rande solcher Bewegungen zu wahren, die nicht in das eigene Weltbild und das eigene Demokratieverständnis passen. Andere Eltern tun sich mit dem Thema schwerer und teilen nur wenige Ansichten der FFF-Kids. In diesem Fall ist es völlig in Ordnung, das auch zu kommunizieren. Allerdings eben ohne tiefe Gräben zu schlagen. Wichtig ist immer wieder sich zu gegenwärtigen, dass das eigene Kind gerade für etwas brennt – und dass es tatsächlich um die Zukunft der nächsten Generation geht. Vielleicht werden solche Gespräche in manchen Familien derzeit etwas hitziger geführt – gut so – Reibung gehört auch zum Entwicklungsprozess. Hauptsache man bleibt im Gespräch und an den Kindern dran. Und auch hier wieder – es geht darum, in der Rolle der Erwachsenen zu verbleiben. Väter und Mütter, die sich F*** You Greta – Aufkleber aufs Auto kleben oder sich in Hasstiraden in sozialen Netzwerken ergehen, haben ihre Rollen ebenfalls verlassen.

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