Familienleben ist nicht immer rosarot – was trägt in schwierigen Phasen

Wir haben unseren Alltag. Wir haben eine Struktur, die uns Halt und Sicherheit gibt. Jeder Tag, jede Woche, das Jahr, alles läuft nach einer bestimmten Logik. Wir haben Grundhaltungen und Werte, die wir in unseren Alltag einfließen lassen. All das bietet uns Verlässlichkeit und die brauchen sowohl die Kinder, als auch wir. Doch es gibt immer mal wieder Zeiten, da wackelt diese Sicherheit. Da schwankt der Boden unter unseren Füßen oder bebt gar. Da katapultiert uns ein Telefonanruf aus der Logik unserer festen Struktur. Dann liegt auf einmal ein großes Paket Sorgen da, wo normalerweise unsere Tischkerze steht. Da drücken mir Ängste meinen Rücken krumm oder wir pendeln zwischen Krankenbetten und Familientisch hin und her. Für uns Erwachsene sind solche Phasen, in denen die Logik des Alltags durcheinander gerät, oft sehr anstrengend. Doch für Kinder sind sie mehr als das. Sie machen Angst.

Wenn Oma auf einmal im Krankenhaus liegt, ein lieber Mensch gar seine letzte Reise antritt oder Mama und Papa selbst von Krankheit und anderen Nöten betroffen sind, nehmen Kinder viel mehr wahr, als wir manchmal denken. Oft ist die Verheißung groß, dass Leid der Erwachsenen auch nur unter Erwachsenen zu lassen und den Kindern ihren sorglosen Alltag nicht zu nehmen. Doch so wie wir erkennen, ob das Lächeln eines guten Freundes aufgesetzt ist, so durchschauen unsere Kinder uns. Ein alles in Ordnung aus unserem Mund, während unsere Körpersprache was anderes sagt, hält die Kinder nicht in Sicherheit und Vertrauen, sondern schürt viel mehr Angst und Misstrauen.

Kinder brauchen Halt und Ehrlichkeit

Ich bin daher eine große Freundin von ehrlichen Worten. Ich erkläre kindgerecht so gut es geht, was gerade los ist, warum Mama und Papa traurig sind oder nervös. Unsere Kinder wissen, dass sie uns alles fragen dürfen und sie wissen, dass wir Dinge, die Menschen betreffen, die auch ihnen lieb und teuer sind, nicht vor ihnen verschweigen. So haben sie zumindest die Sicherheit, dass sich hinter ihrem Rücken nichts Schlimmes zusammenbraut.

Doch mit sprechen allein ist es nicht getan, wenn über das Familienleben dunkle Wolken hereinbrechen. Denn als viel größere Herausforderung empfinde ich es, die Eckpfeiler unseres Alltags zu erhalten. Um ehrlich zu sein, hatten wir in unserem Familienleben schon Zeiten, die ich persönlich als so düster empfunden habe, dass ich mir am liebsten die Decke über den Kopf gezogen hätte und im Bett geblieben wäre. Doch leider – oder besser zum Glück – bin nun einmal ich eine der Verantwortlichen für all die Grundpfeiler, auf denen unser Alltag steht. Und ich habe es jedes Mal als sehr tröstlich erlebt, wenn ich sie aufrecht erhalten konnte.

Die eigene Kraft realistisch einschätzen und Hilfe annehmen

Wichtig finde ich dabei allerdings, dass wir die eigene Kraft realistisch einschätzen. Denn einen geregelten Ablauf auch dann einzuhalten, wenn man vielleicht zwischen Familientisch und Intensivstation pendelt oder aufgrund von anderen Sorgen sehr aufgewühlt ist, strengt doppelt an. In solchen Zeiten sollte man sich daher gut überlegen, wie viel Prozent dessen, was man normalerweise aufbietet, wirklich wichtig ist. Bei täglichen Ritualen geht es um Halt und Sicherheit und nicht darum, eine Medaille für pädagogisch und ökologisch wertvolles Handeln zu bekommen. Es ist gut, wenn die gemeinsamen Mahlzeiten erhalten bleiben können – aber vielleicht dürfen sie auch aus Fertiggerichten bestehen oder vom Lieferdienst kommen. Dieselben Abläufe am Abend, was Waschen, Zähneputzen und ins Bett gehen angeht, sind wichtig und allein schon aus hygienischen Gründen notwendig. Anderseits stirbt auch keiner, wenn das mal kürzer ausfällt, weil die Nerven aller Beteiligten schon ziemlich blank liegen. Man braucht ausgerechnet jetzt, wo alles um einem rum im Chaos versinkt, einen Kuchen für die Schulveranstaltung? Dann ab zum nächsten Bäcker. Und das alles ohne schlechtes Gewissen – denn wer in Not und Anstrengung das Lagerfeuer daheim am Brennen hält, ist auch so ein Superheld.

Und manchmal ist es so, dass man selbst die Struktur nicht mehr aufrecht erhalten kann. Weil man nicht wegkommt, von der blöden Intensivstation. Weil man selbst im Bett liegt und so platt ist, dass der Weg bis ins Wohnzimmer unüberwindbar scheint. Weil man tausend Wege erledigen muss oder weil man woanders gerade noch dringender gebraucht wird, als Zuhause. Dann ist es gut, wenn andere einen ersetzen. Ich bin ja sowieso ein großer Fan des Dorfes, in dem wir einander helfen oder besser eines großen Clans. Gerade in solchen Zeiten finde ich es überlebenswichtig, sich nicht allein abstrampeln zu müssen. Freunde, die Essen vor die Tür stellen, Omas, die den Alltag für einen schmeißen oder Nachbarn, die ihre Tür einfach offen halten und ein paar zusätzliche Stühle an den Tisch stellen. All das hilft, um Familien in schweren Zeiten den Halt zu geben, den sie brauchen, wenn das Leben mit ihnen Achterbahn fährt.

Kennt ihr selbst solche Zeiten? Was hat euch geholfen? Vielleicht können wir voneinander lernen.

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