Konflikte_im_Familienleben

Harmonie als Ziel? Warum Konflikte im Familienleben wichtig sind.

Diesen Sommer habe ich viel gestöhnt. Das lag zum einen an der Hitze. Zum anderen aber daran, dass viele ungeplante Dinge den Ferienalltag anstrengend gemacht haben. Die Tatsache, dass ich kurz vorher einen Artikel für das Magazin Family geschrieben habe, in dem ich für unverplante und freie Sommerferien eintrete, hat mir deshalb viele Lacher eingebracht. Das würdest du nicht nochmal so schreiben, oder? fragte ein Bekannter kürzlich. Doch natürlich, antwortete ich. Ich finde nämlich nicht, dass fehlende Harmonie ein Gradmesser für falsche oder richtige Entscheidungen sein kann. Im Gegenteil – ich denke, das Konflikte im Familienleben dazu gehören.

Konflikte im Familienleben sind kein Makel

Familien sind die kleinsten, gesellschaftlichen Einheiten. Hier lernen kleine Menschen einen großen Teil dessen, was sie an sozialen Fähigkeiten brauchen. Und natürlich müssen sie hier auch lernen, sich richtig zu streiten. Wo sonst sollen sie merken, dass Konflikte zum Leben dazu gehören? Und noch wichtiger, wo, wenn nicht in der Familie sollen sie lernen, dass man Konflikte auch lösen kann? Dass man sich nach einem Streit wieder verträgt? Dass man sich, wenn man aneinander gerät, trotzdem noch liebt? Sie lernen das durch uns. Dadurch, dass wir uns gegenseitig auch mal um Vergebung bitten. Dadurch, dass wir uns hinterher in den Arm nehmen. Dadurch, dass wir so mit ihnen streiten, dass sie sich dadurch nicht abgewertet fühlen.

Es geht also im Familienleben nicht darum, sich nicht zu streiten. Das kann nicht unser Ziel sein. Vielmehr geht es darum, Konflikte so zu lösen, dass sie für Kinder im späteren Leben nicht mit Angst verbunden sind. Denken wir an uns selbst. Warum können wir Streit und Konflikte mit anderen Menschen oft schlecht ertragen? Höchstwahrscheinlich, weil wir selbst sie oft in Verbindung mit einem Abbruch oder zumindest einer Unterbrechung von Beziehungen erlebt haben. Vielleicht gehören auch emotionale oder körperliche Gewalt zu den Erfahrungen, die wir mit Streit im Familienleben verbinden. Kein Wunder also, dass wir Konflikte gern meiden. Das Problem: Es ist nicht gesund und auch nicht hilfreich, jeder Meinungsverschiedenheit aus dem Weg zu gehen oder sich nie bei anderen für eine Weile unbeliebt zu machen. Es ist nicht einmal förderlich für unsere Beziehungen. Wenn wir also wollen, dass unsere Kinder etwas anderes lernen, müssen wir es ihnen vorleben. Wir müssen ihnen eine andere Art des Streitens und des Probleme Lösens beibringen. Das geht aber nur, wenn wir streiten, nicht, wenn wir Konflikten aus dem Weg gehen.

Kinder konfliktfähig machen

Jemand, der nicht konfliktfähig ist, ist es häufig deshalb nicht, weil er Konflikte als Bedrohung erlebt hat. Eventuell haben Sätze wie dann sind wir keine Freunde mehr oder dann habe ich dich nicht mehr lieb unser aufwachsen geprägt. Denn in der Zeit, in der wir aufwuchsen, war es nicht ungewöhnlich, dass Bezugspersonen so etwas zu ihren Kindern sagten, um sie zum Gehorchen zu bewegen. Auf solche Drohungen folgte nicht selten die spürbare Umsetzung. Erwachsene, die sich zurückzogen. Nicht mehr mit ihren Kindern sprachen. Körperliche Nähe verwehrten. Ihre Kinder scheinbar allein ließen, indem sie sich aus einer Situation entfernten. Solche Erfahrungen prägen uns – und sie lassen unser inneres Alarmsystem rot aufleuchten, wenn Konflikte im Raum stehen. Bis ins Erwachsenenleben sind wir daher eher zu faulen Kompromissen bereit, als zum Aushalten einer Meinungsverschiedenheit. Oder wir beginnen, unsere Konflikte selbst so zu lösen – uns aus Beziehungen zurückzuziehen – uns im wahrsten Sinne des Wortes einzuigeln.

Konstruktiv Streiten lernen

Wenn wir wollen, dass unsere Kinder konfliktfähig sind und wir es auch selbst wieder werden, dann müssen wir zunächst eins tun: Konflikte erlauben. Wir müssen Streit, Meinungsverschiedenheiten und Gefühlsausbrüchen ihren negativen Beigeschmack nehmen. Wenn unsere Kinder (oder auch Partner oder Freunde) feststellen, dass man mit uns streiten kann, ohne dass man hinterher allein und verletzt zurückbleibt, finden sie Sicherheit in der Beziehung mit uns. Ähnlich kann es uns selbst ergehen, wenn wir es bei anderen spüren dürfen.

Das funktioniert natürlich besonders gut, wenn wir konstruktiv streiten. Wenn wir unsere Worte so wählen, dass sie niemanden verletzten. Doch sind wir ehrlich – das gelingt uns nicht immer. Und deshalb ist es viel wichtiger, wie wir mit unseren Emotionen danach umgehen. Entscheidend ist, dass wir unseren Kindern so schnell wie möglich signalisieren, dass wir noch immer da sind. Es ist dann an uns, schnell wieder Nähe herzustellen. Wir dürfen zu unseren Schwächen stehen – aber auch zu unseren persönlichen Grenzen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade aus eskalierten Situationen große Nähe entstehen kann, wenn man als Erwachsene die Verantwortung dafür übernimmt.

Nestwärme als Grundgefühl

Doch natürlich gibt es auch, was Konflikte im Familienleben angeht, ein Zuviel. Wenn wir das Gefühl haben, dass wir “nur noch” streiten, dann ist es an der Zeit, dahinter zu schauen. Denn um Streit und Konflikte als etwas wahrzunehmen, was nicht beängstigend ist, braucht es eben auch gute Erfahrungen. Nestwärme und ein Grundgefühl von Geborgenheit sollten vorhanden sein. Die gelegentlichen Plüschmomente brauchen wir alle, um aufzutanken. Wir sollten nur nicht erwarten, dass sie die Mehrzahl unserer gemeinsamen Stunden ausmachen, denn so funktioniert zusammenleben nun einmal einfach nicht.

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