Mama sein

Durchgeschüttelt und neu sortiert – zehn Jahre Mama sein

Na, bereitest du deinen Auszug vor? Mein Mann war von der Arbeit nach Hause gekommen, um mich ins Krankenhaus zu fahren. Eigentlich hatte ich noch gut zwei Wochen Zeit, bis zum errechneten Geburtstermin und nennenswerte Wehen waren auch nicht in Sicht. Nichts deutete daraufhin, dass mein Baby seinen gemütlichen Ort in meinem Bauch verlassen wollte. Und doch musste ich nun ins Krankenhaus – und würde es nicht ohne Kind im Arm verlassen. Wenn ich wieder zurück kam, würde ich Mama sein.

Ich stopfte meine letzten Sachen in die Reisetasche und schloss den Reißverschluss. Nun brauchte ich nur noch etwas Handgepäck. Der Roman, den ich gerade las, wanderte in meine Umhängetasche, genau wie ein paar Zeitschriften, die überall empfohlenen Müsliriegel und mein Handy. Als ich mich umdrehte, lag meine Katze auf der gepackten Reisetasche. Wie immer, wenn ich irgendwo ohne sie hinfahren wollte. Ich setzte mich neben sie und streichelte ihr weiches, schwarzes Fell. Sie drehte mir ihren Kopf zu, damit ich sie unterm Kinn kraulen konnte. Mein Herz war schwer. Eigentlich müsste es voller Vorfreude sein, dachte ich. Doch in diesem Moment überwog die Angst vorm Mama sein.

Wer würde ich sein, wenn ich das Krankenhaus mit Kind in Arm verließ? Wer würde hier in dieses Haus zurückkommen? Würde es so werden, wie meine Freundin sagte, dass ich auf einmal nicht mehr dieselbe wäre?

Ich erhob mich schwerfällig und nahm meinen Geldbeuten und den Mutterpass vom Nachtisch und packte beides in meine Umhängetasche. Wollen wir, fragte ich meinen Mann und er nickte.

Den Roman, den ich mir eingepackt hatte, habe ich nie zu Ende gelesen. Bis heute nicht. Und auch lange keine anderen Bücher, abgesehen von einem Handbuch für stillende Mütter. Als ich unsere Wohnung eineinhalb Wochen später das erste Mal wieder betrat, war ich in der Tat nicht mehr die Frau, die sie verlassen hatte. Mama sein hatte mich von der ersten Sekunde an durch den Fleischwolf gedreht. Hinter mir lagen zehn Tage Krankenhaus. Seit einer Woche war ich Mutter eines kleinen Babys. Gefühlt hatte ich mich bisher allerdings nicht so. In der letzten Woche hatte nicht ich die Entscheidungen für den kleinen Menschen getroffen, den ich geboren hatte, sie waren woanders getroffen wurden. Nach einer traumatischen Geburt hatte man mir meinen kleinen Jungen weggenommen und auf eine Krankenstation gebracht, wo er von Schwestern versorgt wurde. Ich durfte alle paar Stunden Milch bringen und gelegentlich erfolglos versuchen, ihn anzulegen.

Nun waren wir daheim – mein Mann, mein Sohn und ich. Auf einmal sollte ich all die Entscheidungen treffen, die in den letzten Tagen die anderen getroffen hatten. Ich sollte selbst erkennen, wenn es diesem kleinen Menschen nicht gut ginge. Ich sollte ihn mit dem bisschen Muttermilch in meiner Brust ernähren, wo der doch zuvor Ersatznahrung gebraucht hatte. Ich sollte trösten und wickeln, tragen und ihn Tag und Nacht bewachen. Doch wer war ich, dass ich das konnte? Mama sein, so dachte ich, das muss sich irgendwie anders anfühlen. Sicherer. Souveräner. Stärker.

Ich hingegen hatte mich noch nie im Leben so schwach gefühlt und so wenig dem gewachsen, was auf mich zukam. Und doch war es das Einzige, was ich tun wollte. Ich las keine Bücher mehr, wollte nicht ausgehen und Freunde treffen – selbst zum Spielen mit unserer Katze fehlten mir Zeit und Motivation. Stattdessen saß ich tagelang mit dem kleinen Bündel Mensch auf dem Arm auf dem Sofa. Ich versuchte zu stillen, zu trösten und wechselte unzählige Windeln. Das Gefühl, dass sicher bald jemand käme um mir zu sagen, dass ich das alles falsch machte, wich jeden Tag ein kleines Stück. Das kleine Bündel und ich wuchsen zusammen. Wir wurden ein Team, fanden unseren Rhythmus und machten unsere Schritte in dieses neue Leben gemeinsam. Mit ihm im Tragetuch machte ich erste kleine Ausflüge in die Welt, besuchte Freunde und Kollegen und suchte neue Menschen, mit denen ich reden konnte. Frauen in derselben Lage – Mütter aus meinem Geburtsvorbereitungskurs. Ich war Tag und Nacht mit diesem kleinen Menschen beschäftigt und es machte mir Spaß. Doch Mama sein – das musste sich trotzdem irgendwie anders anfühlen. Souveräner. Erwachsener. Gefestigter.

Die Jahre vergingen und Stück für Stück fand ich mich zurecht. Mein Lebe hatte nichts mehr mit dem gemein, was ich an dem Tag hinter mir gelassen hatte, als ich meine Tasche fürs Krankenhaus packte. Und doch bin ich dieselbe Person. Ich habe noch immer dieselben Wünsche und Träume, wie die Frau von damals. Ich habe noch all die Gaben, für die ich vormals alle Zeit der Welt hatte. Ich fühle und denke in vielen Bereichen noch immer, wie sie gedacht hat. Allerdings nicht in allen. Denn ich hatte damals keine Ahnung, was es bedeutet, Mama zu sein. Ich hatte keine Ahnung, was diese Verantwortung für ein kleines Wesen mit einem macht. Ich wusste nicht, dass es eine solche Art von Liebe gibt – und auch nicht, dass man so verzweifelt, so traurig oder so wütend sein kann.

Mama sein, das ist heute ein Grundpfeiler meines Lebens. Ich bin es mit jedem Atemzug und ich fühle mich stark dabei, souverän und gefestigt. Doch Mama sein ist nicht das Einzige, was mich ausmacht. Denn so, wie ich als Mutter in den letzten zehn Jahren wachsen durfte, so durfte auch all das nach und nach zurückkommen, was ich sonst bin. Meine Leidenschaft für Fantasy, meine Bücher, meine Serien und Filme. Meine Liebe zur Natur, zum Kochen und zu gutem Wein. Ich kann noch immer stundenlang über Fußball, Religion oder Politik diskutieren oder die Welt um mich herum vergessen, wenn ich schreibe. Mama sein hat einige meiner Überzeugungen verändert, aber nicht meinen Glauben. Mama sein hat die Frau von damals durchgeschüttelt, aber nicht verschwinden lassen.

 

 

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