Liebevolle Zuwendung

Und die Schriftgelehrten und Pharisäer murrten wider seine Jünger und sprachen: Warum esset und trinket ihr mit den Zöllnern und Sündern? Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen zu rufen die Sünder zur Buße, und nicht die Gerechten.
(Lukas 5, 30-32)

Ein Grundgedanke meiner Arbeit ist, dass kindliches Verhalten immer Sinn macht. Gerade dann, wenn es schwierig ist. Wenn unsere Kinder für uns anstregend sind, ist es oft für sie anstregend. Meiner Meinung nach kommt es dann darauf an, die Beziehung zwischen Eltern und Kindern zu stärken. Mit Strafen, Konsequenzen, neuen Grenzen und Strenge erreichen wir in manchen Situationen zwar eine kurzfristige Besserung – aber nie eine langfristige Veränderung. Um diese zu erreichen, müssen wir unseren Kindern auf der Beziehungsebene begegnen. Wir müssen genau hinschauen, was sie brauchen und welche Bedürfnisse in Schieflage geraten sind. Kinder brauchen liebevolle Zuwendung – gerade wenn sie schwierig sind.

Manchmal habe ich das Gefühl, in zwei verschiedenen Parallelwelten unterwegs zu sein. Als bindungs- und beziehungsorientierte Eltern- und Familienberaterin bewege ich mich viel im Bereich des Attatchment Parentings oder von Unerzogen. Und auch wenn ich mich dort nicht so richtig Zuhause fühle, prägen einige Grundhaltungen und Annahmen dieser Bereiche doch auch meine Arbeit und meinen Blick auf die Kinder. Doch auf der anderen Seite möchte ich mich als Christin nicht von irgendwelchen Trends und Strömungen leiten lassen, sondern von Gottes Geist.

Doch mit Gottes Geist in uns ist das ja manchmal ein bisschen trügerisch. Was genau ist denn jetzt göttliche Begleitung und was kommt eigentlich aus uns selbst, aus dem, wie wir die Welt gern sehen würden? Habe ich meine pädagogischen Ansichten, weil sie mir gut in den Kram passen oder weil sie dem entsprechen, was auch Jesus tun würde? Die Bibel ist für vieles hilfreich und es gibt auch immer mal wieder Versuche von Bloggerkolleginnen, sie zum Thema Erziehung ranzuziehen. Leider gibt es diese Versuche auch von ganz anderen Menschen. Menschen, die sich einzelne Bibelstellen rauspicken, um Härte gegen Kinder zu rechtfertigen – ja sogar Schläge. Menschen, die sich nicht die Mühe machen, die Botschaft hinter einzelnen Bibelstellen zu verstehen oder den historischen Zusammenhang hinzuzuziehen. Menschen, die meinen, nur weil es in der Antike in Ordnung war, kleine (und übrigens auch große) Menschen zu schlagen, sei es auch heute noch von Gott so gewollt.

Doch wo finde ich in der Bibel dann wirklich etwas über Kindererziehung? Ich bin der Meinung, über Erziehung im Sinne von Methoden und Handlungsanweisungen kann man dort gar nichts finden. Wohl aber über Grundhaltungen. Durch Jesus wendet sich Gott uns nämlich liebevoll und ohne weitere Vorbedingungen zu. Jesus umgab sich nicht nur mit den braven Kindern, da hätte er unter den Kindern Gottes auch kaum welche gefunden. Jesus wendete sich liebevoll denen zu, die Probleme hatten. Im Umgang mit ihnen ließ er sich nicht von Regeln und Strafen leiten. Er ging nicht rum, tadelte und verteilte Konsequenzen. Er tat das Gegenteil. Er schenkte denen seine Aufmerksamkeit und seine Zuwendung, die es aus Sicht der damaligen Gesellschaft am wenigsten verdient hatten. Er aß mit Zöllnern und Nutten, berührte Menschen mit ansteckenden Krankheiten und die, die laut vor Besessenheit schrien. Er strafte die Ehebrecherin nicht, sondern wendete sich ihr liebevoll zu.

Doch Jesus war noch etwas anderes. Jesus ist kein Vorbild für einen laissez fairen Führungsstil. Er ist ein Vorbild für Klarheit. Er rettete die Ehebrecherin vor der Steinigung und stellt klar, dass er sich ihr zuwendet, ohne ihr Verhalten gut zu heißen. Gott vertraut darauf, dass seine Liebe, die durch Jesus erlebbar wurde, den Menschen hilft, ihr Verhalten zu ändern. Er setzt darauf, dass nicht Strafe und Ausgrenzung dafür sorgen, dass jemand sich anders verhält als zuvor, sondern dass er die Leere in den Herzen der Menschen mit Liebe füllen muss, damit eine Anpassung an seine Wünsche möglich ist. Er sah Zerbrochenheit und Zerrissenheit und setzte zuerst auf Heilung und danach gab er seinen Kindern die Möglichkeit, seinem Weg zu folgen, aus freien Stücken und Liebe.

Ich glaube, diese liebevolle Zuwendung ist es, die den Leitgedanken meiner Arbeit ausmacht. Es geht mir nicht darum, dass alles gehen kann und nichts muss, wenn ich mit Familien arbeite oder wenn ich Kinder und ihre Probleme anschaue. Auch bei meinen eigenen Kindern ist mir diese Einstellung übrigens fern. Natürlich habe ich einen Wertekompass. Ich habe Dinge, die mir wichtig sind und die ich meinen Kindern mitgeben möchte. Ich habe meine persönlichen Grenzen und habe im Laufe der Jahre gelernt, dass sie wirklich und ehrlich schützenswert sind und es gibt gesellschaftliche Konventionen, die ich durchaus so sinnvoll finde, dass ich auch möchte, dass meine Kinder sie erlernen. Anderseits finde ich aber auch nicht alles, was unsere Gesellschaft von Familien verlangt, erstrebenswert und nicht jeder Maßstab, der an meine Kinder angelegt wird, ist auch meiner. Ich finde, sich von Jesus leiten zu lassen, heißt auch, nicht alles als gegeben hinzunehmen, was einem Trends oder jahrzehntelang eingeschliffene Denkmuster vorgeben.

Sich liebevoll anderen zuwenden – und zwar gerade denen, die am Rand stehen, finde ich ebenso herausfordernd, wie wundervoll. Nicht nur unsere Kinder haben es verdient, dass wir sie auf diese Art durchs Leben begleiten, auch viele andere Menschen sehnen sich danach, von uns gesehen und nicht verurteilt zu werden – und schon habe ich eine weitere Brücke, die meine Lebenswelten zusammenbringt, nämlich dass die pädagogische Grundhaltung, nach der ich arbeite, nie nur auf Kinder beschränkt ist, sondern alle mit einlädt.

(Foto: Inka Englisch)

7 Kommentare

  1. Gute Gedanken! Bei mir kreisen sie auch oft, wenn es um Erziehung geht. Hatte mich auf meinem Blog ja auch schon mal an das Thema herangewagt.
    Es ist schwierig… aber, mit Gottes Hilfe und Liebe schaffen wir das!

    Glg Anni

  2. Danke für deinen tollen Beitrag Daniela! Ich bin auch der Überzeugung, dass wir am Umgang Jesu mit anderen Menschen das meiste für unser Leben lernen können. Und vor allem im Hinblick auf die “Erziehung” der Kinder. Ich bin sehr froh über deine Arbeit!

  3. Ich glaube das Schlüsselwort ist die Liebe – sie ist bedingungslos. Genau wie die Liebe Gottes zu uns. Jesus liebte alle Menschen, nicht nur die, die groß und erwachsen waren. Er lies die Kinder zu sich kommen, füllte ihre Herzen mit Liebe und wendete sich nicht von ihnen ab.

    Lieben Gruß
    JesS

  4. Pingback: Artikel der Woche

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.