Warum jeder ein Dorf haben sollte!

Opa kommt, hurra!

Bei diesen Worten hätte ich um den Esstisch tanzen können. Was für ein Glück, Opa würde kommen und mir unter die Arme greifen. Ich musste den Wahnsinn dieses Tages nicht länger allein bewältigen. Ich würde mindestens einen meiner drei geliebten Oberknaller gleich wohl geborgen bei einem anderen Erwachsenen wissen, bei einer Bindungsperson, auf die sie abfahren wie auf einen Popstar. Das würde mir die Möglichkeit geben, all meinen Aufgaben ein bisschen gerechter zu werden. Nur warum um alles in der Welt war mir das erst so spät eingefallen?

Ich habe das Glück, über einen großen Clan zu verfügen. Mein Dorf besteht aus einer Oma, die nur ein paar Schritte weit entfernt wohnt, mehreren tollen Nachbarn, auf die immer Verlass ist, aus befreundeten Familien unserer Gemeinde und aus meinen Eltern, die etwas mehr als 15 Kilometer von uns entfernt wohnen. Der ganz normale Alltagswahnsinn lässt sich so oft ein kleines bisschen einfacher bewältigen und ganz ehrlich, ich frage mich wirklich, wie Familien zurecht kommen, die nicht über ein solches Netzwerk verfügen – ich wäre komplett verloren.

Ziemlich verloren fühlte ich mich auch an jenem Tag, als Opa spontan sein Superheldenkostüm überstreifte und mit einer prall gefüllten Tüte voller Hefeteilchen zu meiner Rettung eilte. Die fußläufig erreichbare Oma war nämlich im Urlaub, eins der Kinder tierisch krank, ein anderes total zu mit Arbeiten, die für die Schule erledigt werden mussten und ein Drittes grottenunzufrieden, weil es schon seit Tagen zu wenig Beachtung erhielt. Alle drei brauchten mich – und zwar gleichzeitig. Außerdem warteten ein paar Mails im Posteingang, eine Präsentation, die fertig werden mussten, ein versprochener Artikel, ein Geschirrberg und zwei ungeputzte Bäder. Es war mir völlig unklar, wie ich diese Aufgabe bewältigen sollte. Ich strich als erstes sämtliche Haushaltspunkte von der to-Do Liste, danach verschob ich die Arbeit am Artikel auf den Abend und redete mir feste ein, dass ich die Präsentation auch in der Hälfte der Zeit fertig bekommen würde. Und die Mails, die konnten warten. Doch meine Aufgabe erschien mir noch immer nicht zu bewältigen.

Denn um diese zur Zufriedenheit aller zu erledigen, hätte ich mich noch immer dreiteilen müssen. Denn alle drei Kinder brauchten mich dringend – und in meinem Kopf hatten alle drei Gründe oberste Priorität. Doch wie soll man gleichzeitig ein weinerliches Kindergartenkind betreuen, dessen Bedürfnis nach Nähe gerade zu wenig erfüllt wird, ein krankes, weinerliches Schulkind pflegen und einem anderen Schulkind helfen, dass sich gefrustet durch einen großen Stapel schwieriger Lernaufgaben kämpft? Wenn doch bloß mein Mann daheim wäre, schoss es mir durch den Kopf, ich könnte hier wirklich gut einen zweiten Erwachsenen gebrauchen.
Wenn doch bloß der Opa käme, sprach das Kindergartenkind just in diesem Moment in meine Gedanken.

Klar – der Opa! Warum nicht? Vielleicht hatte er schon was vor und meine Anfrage käme zu spontan, aber wer weiß, vielleicht ja auch nicht. Und so klagte ich ihm mein Leid – und hatte Glück, dass alles, was er für diesen Tag noch geplant hatte, problemlos verschiebbar war. Wir waren gerettet! Opa brachte Nervennahrung für alle, spielte mit dem vernachlässigten Kindgartenkind und las dem kranken Kind Geschichten vor, während ich beim Berg voller Schulaufgaben erste Hilfe leistete und später in Ruhe in die Apotheke fahren konnte. Kurz vor dem Abendessen verabschiedete der Opa sich – sein Superheldeneinsatz war erfolgreich beendet.

Wie mein Tag ausgesehen hätte, wenn ich nicht über meinen Schatten gesprungen wäre und nach Hilfe gefragt hätte, habe ich in den Wochen zuvor das eine oder andere Mal sehen müssen. Wenn ich das Gefühl habe, zwischen allen möglichen Bedürfnissen zerrieben zu werden, bin ich nicht mehr gut in dem, was ich tue. Dann bin ich die Mama, die ihren Kindern gemeine Dinge entgegen brüllt. Die Frau, die ihrem Mann nicht zuhören mag und die ihm androht, vier Wochen allein zu verreisen. Dann bin ich die Freundin, die Termine absagt und die Freiberuflerin, die gar keine Aufträge mehr annehmen möchte. Ohne meinen Clan könnte ich das Leben nicht leben, das ich führe. Ohne Menschen um mich herum, die mich stützen, würden hier viele Bedürfnisse übersehen und überhört werden. Dann wäre hier kein Raum für Schwächen und wenig Platz für Empathie. Überforderung wäre Dauergast und auf kurz oder lang würden wir uns alle in eine Lage manövrieren, die für uns ungesund wäre.

Das Traurige daran ist, dass genau das die Lebensrealität sehr vieler Familien da draußen ist. So viele Elternteile sind allein, stemmen ihr Leben ganz ohne Hilfe und haben niemanden, der mal schnell zum Rettungseinsatz geflogen kommt, wenn alle Stricke zu reißen drohen. Das, was oft von Familien abverlangt wird, kann umenschliche Züge erreichen. Der Druck von allen Seiten ist groß und wir stellen immer mehr und immer absurder werdende Ansprüche an Eltern und Kinder – und stehlen uns als Gesellschaft immer weiter aus der Verantwortung, wenn es darum geht, Familien tatkräftig zur Seite zu stehen. Ich finde, so kann es nicht weitergehen. Wir brauchen engere und auf Herzenswärme und Zuneigung beruhende Netzwerke. Wir brauchen ein Verantwortungsgefühl für unsere Nächsten, für unsere Nachbarn, Menschen aus unseren Gemeinden, unsere Verwandten. Wir brauchen offene Augen und Ohren und ein großes Herz für alle, die Hilfe benötigen – und wir brauchen die Einsicht, dass Eltern heute einen wundervollen, kräftezehrenden, beglückenden, extrem fordernden Job machen und dass wir sie damit nicht allein lassen dürfen.

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