Eltern sein – Familie leben

Als Eltern Verantwortung tragen

Eine weiße Eisschicht bedeckt unseren Rasen und die ersten Sonnenstrahlen schenken diesem klirrend kalten Januarmorgen ein freundliches Licht. Eigentlich liebe ich solche Tage. Ich habe die Kinder warm eingepackt in eine neue Woche geschickt, dem Mann eine Weile vom Fenster aus hinterher geschaut und bin dann durchs Haus gelaufen, um alle Fenster wieder zu schließen und die Heizungen hochzudrehen. Schließlich sollen später alle in ein warmes, gemütliches Zuhause zurückkehren können. Danach wäre eigentlich meine Zeit gekommen. Ein bisschen Haushalt, ein bisschen Schreiben, einen neuen Vortrag konzipieren und die Sichtbarkeit der Homepage verbessern – diese Woche habe ich viele Pläne. Doch ich komme nicht so recht aus dem Klee. Der Schatten eines irgendwie verkorksten Wochenendes liegt über mir und ich beschäftige ich damit. Eigentlich nicht so sehr mit dem Vergangenen, sondern mit dem Thema, das uns überhaupt dahin geführt hat. Ich beschäftige mich mit der Frage nach Verantwortung.

Wenn Kleinigkeiten zu Elefanten werden

Es waren eigentlich nur Kleinigkeiten, die am Ende den Ausschlag gaben. Ein paar unbedachte Worte, gleich in mehreren Situationen ein Ja, obwohl ich eigentlich hätte Nein sagen wollen und eine ungünstige Tagesplanung. Schon waren wir völlig falsch abgebogen und befanden uns auf der Schnellspur in Richtung Katastrophe – ohne Abfahrt in Sicht. Nach unzähligen Tränen, viel Gebrüll und einigen laut geknallten Türen saßen wir Eltern uns am Sonntagabend sprachlos gegenüber und sannen darüber nach, wie wir dahin gekommen waren. Was würdest du Klienten sagen, die dir so eine Geschichte erzählen, wollte mein Mann wissen. Ich liebe ihn dafür, dass er mich solche Dinge fragt, denn er hat mich so schon mehrmals aus Sackgassen geholt. Diese Frage hilft mir, die Perspektive zu wechseln und von der emotional aufgewühlten Mutter mittendrin in den Überflugmodus zu wechseln. Ich würde sagen, dass es um Verantwortung geht, antwortete ich nach einigem Nachdenken.

Wenn unser Familienleben turbulent ist und Konflikte unsere Tage schwer und anstrengend machen, sind wir schnell dabei, den Grund bei den Kindern zu suchen. Sie sind frech, provozieren uns, hören nicht auf uns und sprengen alles – haben gerade irgendwie eine komische Phase. Ich glaube, diese Gedanken kennen wir alle nur zu gut. Doch wenn wir uns Situationen im Nachhinein anschauen, wird oft deutlich, dass wir durchaus die Möglichkeit gehabt hätten, die Weichen anders zu stellen. Oft tun wir das jedoch aus sehr schönen Gründen nicht. Wir wollen unseren Kindern manchmal nämlich einfach gern was Nettes gönnen oder uns vielleicht einfach mal nicht so anstellen. Wir verspüren den plötzlichen Wunsch, einmal locker zu sein oder haben das Gefühl, gerade auch irgendwie die Pflicht zu haben, dieses oder jenes zutun. All das wäre kein Problem -ich bin ein großer Fan von Locker sein, Kindern was gönnen oder auch einmal jemandem anders einen Gefallen zutun. Allerdings nur, wenn es gerade wirklich passt. Das Problem sind jedoch die Jas, die wir eigentlich nicht so meinen. Das “Klar kann ich nachher deine Tochter nehmen”, wenn man eigentlich schon spürt, dass es zuviel wird, die Erlaubnis ans Kind, nach der Schule nochmal mit zur Freundin zu gehen, obwohl man weiß, dass es das einzige Zeitfenster für die Hausaufgaben ist oder das Ja zu einem Spielplatzbesuch, wenn man eigentlich ausgepowert ist und auf der Couch liegen möchte. Das sind die Situationen, die oft dazu führen, dass irgendwas gründlich daneben läuft.

Wir Eltern geben den Rahmen vor

Jesper Juul sagt, dass die Verantwortung für die Stimmung in der Familie und die Qualität der Beziehungen bei den Eltern liegt und ich glaube, solche Wochenenden, wie ich gerade eines erlebt habe, sind ein gutes Beispiel für das, was er meint. Wir Eltern wären dafür verantwortlich gewesen, unseren Kindern eine Tagesstruktur vorzugeben, die zu ihnen und ihren Bedürfnissen passt – und zu unseren! Wenn man, wie wir, ein großer, wuseliger Haushalt ist, in denen fünf Personen mit Terminen, Verpflichtungen, Wünschen und Bedürfnissen unter einen Hut zu kriegen sind, ist Klarheit von Seiten der Eltern besonders wichtig. Denn keine Vierjährige, keine Siebenjährige und auch kein Neunjähriger können überblicken, was Entscheidungen, die sie treffen, am Ende vielleicht für das Familiengefüge bedeuten. Das können nur wir und deshalb sind wir in der Verantwortung, einen Rahmen zu geben, in dem alle ihr passendes Plätzchen kriegen. Sowas ist nicht immer einfach und es kommt vor, dass jemand eine Weile etwas verstimmt ist, weil ein Wunsch nicht sofort oder vielleicht gar nicht erfüllt werden kann – weil man zum Beispiel erst nach Hause kommen muss, um Hausaufgaben zu machen, damit diese uns nicht noch das Wochenende vermiesen. Das ist dann so – dass unsere Kinder nicht alles toll finden, was wir machen, gehört zum Eltern sein dazu und es ist gesünder, dies anzunehmen. Ein kurzer Frust darüber, dass man mit nach Hause kommen musste, ist am Ende nämlich besser als ein Wochenende, das völlig aus den Fugen gerät.

Verantwortung tragen heißt, den Blick aufs Große und Ganze zu haben. Die Folgen von Entscheidungen abschätzen zu können und notfalls mit ihnen zu leben. Es bedeutet auch, mal eine unpopuläre Entscheidung zu treffen und es bedeutete selbstverständlich auch, den dadurch entstehenden Frust auszuhalten und möglichst gut zu begleiten. Verantwortung tragen heißt nicht, autoritär von oben herab die Familie durchzuregieren, sondern durchaus zu schauen, was die anderen brauchen – und ebenfalls von Juul wissen wir, dass das was sie brauchen nicht immer mit dem identisch ist, was sie in einem Moment wollen. Letztlich brauchen unsere Kinder Halt und Struktur – und keine Eltern, die sich verbiegen, um ihnen eine kurzfristige Freude zu machen (wobei nochmal – kurzfristige Freuden sind toll – wenn sie für alle passen).

Verantwortung auf der Beziehungsebene

Da wir auch Verantwortung für die Beziehung zu unseren Kindern tragen, ist es gut, wenn der Wert der Verantwortung nicht allein daher kommt, sondern immer von zwei Schwestern begleitet wird – der Klarheit und der Empathie. Die Klarheit muss dabei sein, damit unsere Kinder wirklich wissen, was wir wollen und was uns wichtig ist und wohin die Reise gehen soll. Denn ansonsten öffnen wir neue Türen für Konflikte, weil unsere Kinder sich entweder ohne Grund übergangen fühlen oder sich mit unseren Aussagen gar nicht sicher fühlen können. Und weil das, was wir dann verantwortlich entscheiden eben nicht immer sein kann, was unsere Kinder sich gerade gewünscht hätten, brauchen wir die andere Schwester: die Empathie. Denn so wichtig es ist, dass wir die Verantwortung übernehmen und einen Weg vorgeben, so ätzend fühlt es sich manchmal für unsere Kinder an. Bei der Freundin zu Hause wäre es nämlich vielleicht wirklich gerade toll gewesen und vielleicht sogar im kindlichen Kosmos richtig wichtig und es war blöd, dass wir das Kind dort abgerufen haben. Aus seiner Sicht passiert in solchen Momenten was wirklich Bescheuertes. Es ist sauer, traurig und hat vielleicht sogar Angst, etwas zu verpassen, weil alle anderen gerade noch mitgehen durften. Unsere Aufgabe ist es nun, dort zu trösten, wo es zugelassen wird und an anderen Stellen einfach auszuhalten – bis es wieder besser ist. Unser Kind braucht nun ein wenig Mitgefühl und nicht auch noch weitere Strafen, weil wir mit seinem Frust nicht klar kommen.

Und ein Letztes noch – wir sind verantwortlich für die Beziehung zu unserem Kind. Dazu gehört auch, dass wir diese nicht zusätzlich dadurch belasten, dass wir uns mit Schuldgefühlen rumplagen. Wir sind alle nicht perfekt und arbeiten hoffentlich auch nicht dran. An manchen Tagen gelingt es uns vielleicht ganz gut, die Verantwortung zu übernehmen, klar und empathisch zu sein und das Familienschiff sanft durch die raue See zu lenken – und an anderen Tagen geht es völlig schief. Da zerschellen wir fast am Eisberg, da trampelt das Rino in uns alles nieder, was ihm in den Weg kommt, da manövrieren wir uns von einer Sackgasse in die nächste. Sowas tun wir alle. Ich. Du. Jede Mutter. Jeder Vater. Immer wieder. Wir tragen auch die Verantwortung dafür, was das hinterher mit uns anstellt. Zieht es uns runter, schämen wir uns und fühlen wir uns als Versager? Dann werden wir daraus nichts Gutes für unsere Elternschaft ziehen. Verzeihen wir uns das, entnehmen wir der Situation die Lernerfahrungen, die nützlich waren, sagen wir Entschuldigung, wo nötig und versenken wir den Rest im tiefsten Ozean, dann machen uns solche Tage zu besseren Eltern. Zu gestärkten Eltern. Zu Menschen, die sich ihren Ecken und Kanten bewusst sind und die darin wachsen. Zu Vorbildern. Zu Eltern, die nicht immer alles richtig machen, aber die jeden Tag mit ihren Kindern neu anfangen – und mit sich selbst!

Kommt gut in die neue Woche und genießt die Januarsonne! 

 

4 Kommentare

  1. Ich finde das ein wirklich spannendes Thema. Aber ich verstehe nicht genau, was du meinst. Du schreibst sehr abstrakt und unkonkret. Vermutlich ist es zu persönlich, Details und Situationen zu beschreiben, aber gibt es vielleicht einen Weg, mehr mit Beispielen zu arbeiten? Ich glaube, das würde mir beim Lesen und Verstehen helfen.

    1. Liebe Magdalena, vielen Dank für dein Feedback. Für diesen konkreten Artikel gibt es tatsächlich erstmal keine Möglichkeit, mehr ins Detail zu gehen. Das, was dir abstrakt vorkommt, ist vielleicht einfach eine Haltung, die man auf viele verschiedene Situationen anwenden kann. Kurz gesagt tragen wir als Eltern die Verantwortung dafür, wie Dinge laufen und dürfen diese auch wahrnehmen, zum Beispiel indem wir Entscheidungen treffen, die Tagestruktur vorgeben und gut für uns Sorge tragen, damit wir zum Beispiel nicht völlig genervt sind und dann bei Kleinigkeiten in die Luft gehen.
      Total gern kannst du dich aber mit Detailfragen an mich wenden und per Mail oder auch hier konkret nachfragen. Liebe Grüße Daniela

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