Eltern sein – Familie leben

Couch-Potato

Ich bin eine Couch-Potato. Und was für eine. Am liebsten würde ich meinen Lieblingsplatz in der Ecke meines Sofas, neben dem kleinen Büchertischchen und zwischen den ganzen bequemen Kissen nie verlassen. Schon gar nicht abends. Ich würde gern behaupten, dass ich so geworden bin, seit ich Kinder habe, dass Schlafmangel, 24-Stunden Bereitschaftsdienst an sieben Tagen in der Woche und ein älter werdender Körper mich dazu gemacht hätten. Doch das wäre gelogen, denn wenn ich ehrlich bin, war ich nie etwas anderes. Manch einer, der mich schon länger kennt wird sich jetzt vielleicht denken, dass das jawohl nicht wirklich wahr sein kann. Schließlich gab es Jahre in meinem Leben, in denen ich die Erste war, die zu einer Party erschien, die Letzte die ging und diejenige, die nie absagte. Viele hielten mich für ein Feierbiest. Irgendwie war ich das sicher auch – doch die Wahrheit dahinter ist ziemlich simple. Ich war einsam und ich habe mich nach Beziehungen gesehnt. Nach Freundschaften – und ich wollte den Mann fürs Leben finden.

Nachdem sich Letzerer sich nach einer anstrengenden Sitzung des Studentenparlaments in der Kneipe neben mich gesetzt hatte und ich zudem ein paar gute Menschen in meinem Herzen trug, die ich mit guten Recht als Freunde fürs Leben bezeichnen kann, hatte sich meine wilde Zeit dann auch schnell erledigt. Die andere Seite, die schon immer in mir geschlummert hatte und die in den Jahren davor zu wenig Zeit hatte, forderte ihr Recht. Es ist die Seite von mir, die Ruhe braucht. Die Seite, die sich nach nichts mehr als unverplanter Zeit sehnt. Die Seite, die dafür Sorge trägt, dass mein schnell überreiztes Nervensystem sich erholen darf. Diese Seite zog mich fortan auf die Couch, zu Büchern, Filmen, Serien, Tee und Schokolade. Es ist die Seite, die sich gern in warme Decken hüllt und die sich nirgendwo so geborgen fühlt, wie in ihrer Sofaecke. Es ist die Seite, die mich öfter einmal dazu überreden möchte, Verabredungen im letzten Moment doch noch abzusagen oder gar mich gar nicht erst zu melden, wenn in meinen Freundesgruppen rumgefragt wird, wer Lust auf einen Abend in der Kneipe oder im Kino hat.

Zugegeben, manchmal wird mir meine bequeme Couchecke zu wenig. Manchmal brauche ich, gerade seitdem ich Mutter bin, doch einen Abend weit weg. Einen Abend mit Cocktails in der Kneipe oder einen Kinobesuch mit meiner besten Freundin, wenn mal wieder eine unserer Filmreihen fortgesetzt wird, die wir seit fünfzehn Jahren gemeinsam verfolgen. Und dann freue ich mich wie eine Schneekönigin, wenn ich mich anziehe und rausputze und wenn wir uns auf den Weg machen – dann feiere ich das Leben und meine Freiheit für einen Abend und vergewissere mich, dass ich noch immer mehr bin, als nur die Mama dreier wundervoller Kinder.

Meistens jedoch werden meine Bedürfnisse bestens in meiner Sofaecke gefüllt. Dort kann ich lesen, beten, mit Gott still sein und die Augen schließen. Auf der Couch kann ich runterfahren, wenn der Tag mit den Kindern herausfordernd war und dort finde ich neue Kraft, die ich so niemals beim Ausgehen finden würde. Doch etwas finde ich in meiner gemütlichen Ecke nicht – tiefe Beziehungen mit anderen Müttern. Es kommt niemand uneingeladen dorthin und hört sich meinen Tag an, erzählt mir, was ihn im Innersten bewegt und betet mit mir. Es ist niemand da, mit dem zusammen ich Gemeinschaft mit Jesus haben darf. Wie sehr ich aber auch das brauche, merke ich, wenn ich mit meinen Spielkreismädels zusammen bin.

Letzte Woche hatten wir uns endlich mal wieder verabredet – wir wollten das Neue Jahr mit Raclette und Sekt begrüßen und hatten alles von langer Hand geplant. Als es dann soweit war, schlug die Couch-Potato in mir Alarm. Denn manchmal ist sie trügerisch. Manchmal möchte sie einfach nicht ausgehen, obwohl es mir sehr wohl gut tun würde. Sie nimmt ihre Aufgabe als mein Schutzschild sehr ernst und versucht, jegliche Reizüberflutung im Keim zu ersticken, auch wenn eigentlich keine Gefahr besteht. Zugegeben, das Angebot der Couch-Potato war verlockend. Sieh nur, hat sie gesagt, die neue Leselampe macht dein Eckchen noch gemütlicher und dein Mann hat sich eh zum Zocken verabredet, du hättest totale Ruhe. Ihr Argumente machten zudem Sinn. Du hast jetzt drei Tage nicht mal Stimme gehabt, willst du da gleich wieder unterwegs sein, raus in die Kälte, viel sprechen, vielleicht noch jemanden anstecken? Und dein Rücken, der tut seit Tagen weh, das wird nicht besser, wenn du stundenlang auf den Stühlen im Gemeindezentrum sitzt. Bleib lieber hier und wir machen es uns schön. Ich kam ins Grübeln, vielleicht hat sich recht, dachte ich und sicher würde es jeder verstehen, immerhin bin ich ja wirklich noch erkältet.

Doch dann bekam die Couch-Potato Gegenwind und zwar gleich von zwei anderen Teilen meiner vielfach gespalteten Persönlichkeit. Die loyale Freundin war da. Das kannst du nicht machen, sagte sie bestimmt, das ist so lang geplant und alle freuen sich auf dich. Außerdem bringst du die Datteln im Speckmantel mit, auf die sind alle scharf. Unterstützt wurde die loyale Freundin von meinem Bedürfnis nach Gemeinschaft. Du suchst tiefe Beziehungen, ständig sehnst du dich danach. Hier hast du sie. Mit deinen Mädels kannst du reden, beten, ihnen zuhören, Tischgemeinschaft haben!

Außerdem habe ich Bock auf Raclette, schrie mein Bauch energisch dazwischen. Und so umwickelte ich meine Datteln mit Bacon, zog meine Schuhe an und machte mich auf den Weg. An diesem Abend wurden viele meiner Bedürfnisse gestillt – nicht nur mein Bauch wurde satt, sondern auch mein Herz. Ich konnte es mit guten Gesprächen füllen, mit innigen Umarmungen, wo keine Worte nötig waren, mit wohlwollenden Blicken. Ich durfte zuhören und selbst erzählen. Lachen und Anteil nehmen. Ich kam als eine der Ersten und ging ordnungsgemäß als Letzte. Saß noch viel zu lange und ohne auch nur an meine Erkältung zu denken, im Auto einer Freundin vor der Haustür, weil wir noch immer so viel zu reden hatten. Irgendwann ging ich rein, durchgefroren, nach Zwiebeln, Knoblauch und Bratfett stinkend – und total glücklich.

Das könnte ich eigentlich öfter machen, dachte ich. Schöne Leselampe, sagte die Couch-Potato.

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