Eltern sein – Familie leben

Mittendrin bin ich

Neujahrsgedanken 
Die Luft ist frisch und endlich einmal fällt kein spritziger Nieselregen vom Himmel, sodass ich das Dachfenster aufmachen kann. Ich stehe da und strecke den Kopf durchs Fenster hinaus in den Abendhimmel. Unter mir tobt das ganz normal-verrückte Familienleben kurz vorm zu Bett gehen. Doch das interessiert mich gerade einmal ganz kurz nicht. Ich atme tief ein, schließe die Augen und danke meinem himmlischen Vater. Ich danke ihm für diesen Neujahrstag, für den Anfang, den er uns immer wieder schenkt und für den Blick aus meinem Dachfenster.

Ich liebe, was ich sehe, wenn ich aus diesem großen Fenster über meinem Bett schaue. Wenn ich den Kopf leicht nach rechts drehe, sehe ich die große Stadt mit all ihren Lichtern. Kassel, das ahle Nest, die Schönheit auf den zweiten Blick. Diese Stadt, die so sehr Heimat für mich ist. Ich sehe das erleuchtete Schloss Wilhelmshöhe und darüber den Herkules, erahne die Kaskaden in der Dunkelheit und weiß ungefähr, wo die einzelnen Stadtteile liegen. Ich weiß, wo die heimlichen Schätze dieser Stadt verborgen sind und wo man für die Hässlichkeit ihrer Innenstadt entschädigt wird. Ich weiß, wo die schönsten Cafés und Kneipen sind und wo die dunklen Flecken liegen, die Orte, an denen die Zerbrochenheit unserer Welt sichtbar wird.

Wenn ich den Kopf leicht nach links drehe, sehe ich das Kontrastprogramm. Ich sehe deutlich, wo mein Wohnort endet. Sehe die letzten Häuser, die kurz vor den Feldern stehen und sehe die schwarzen Umrisse der Bäume des Kaufunger Waldes, der dahinter beginnt. Hinter mir irgendwo, von hier nicht zu sehen, liegt der Hohe Meißner, mit all seinen Wanderwegen und Schlittenbergen. Nur wenige Kilometer von mir entfernt, ist man mitten auf dem Land und findet Ruhe und Abgeschiedenheit in Fachwerkhäusern mit großen Gärten.

Mittendrin bin ich. Und ich bin hier genau richtig. Die beiden Dinge, nach denen ich mich sehne, liegen in unmittelbarer Nähe – Natur und Urbanität. Manchmal denke ich, dass ich gern mehr von dem einen oder dem anderen hätte. Es gibt Tage, da wünsche ich mich in die Stadt zurück, mit ihren geräumigen Altbauwohnungen, mit den Cafés und den Bioläden direkt vor der Haustür, den Museen, der Vielfalt an Bildungseinrichtungen und Lebensentwürfen. Da frage ich mich, wie ich sie jemals verlassen konnte. Dann wieder, besonders im Sommer, wenn alles blüht und wächst, sehne ich mich aufs Land. Dann wünschte ich, wir wären ein paar Kilometer weiter raus gezogen, wo wir fürs selbe Geld einen großen Fachwerkhof mit riesigem Garten bekommen hätten. Wo ich hätte einen Bauerngarten anlegen können und vielleicht sogar Tiere halten.

Doch die Wahrheit ist, nirgendwo wäre ich so glücklich gewesen, als hier. Hier in diesem kleinen Haus, mit dem wunderbaren Ausblick aus dem Dachfenster, hier umgeben von den Dingen, die ich liebe. Hier an diesem Ort, der selbst so viel zu bieten hat – und ein bisschen urban und ein bisschen ländlich ist. Hier, mit den netten Menschen um mich herum, mit der bunten Nachbarschaft, den alteingesessenen Bauersfamilien, den alternativen Kommunarden, der lebendig-frommen Kirchengemeinde und dem regen Vereinsleben, bin ich angekommen. Ich möchte hier nicht mehr weg, denn es gibt keinen anderen Ort, an den ich besser passe und der mir mehr gerecht werden könnte.

Und wenn es eine Erkenntnis gibt, der ich im Neuen Jahr mehr Raum geben möchte, dann ist es diese: Ich bin richtig wie ich bin und wo ich bin. Das gilt nicht nur für meinen Wohnort, sondern für so vieles. Statt mich immer wieder zu fragen, ob ich nicht noch besser dran wäre mit diesem oder jenem, dem Haus auf dem Lande oder der Altbauwohnung in der Stadt, dem Abschluss in einem anderen Studiengang, der zu Ende gebrachte Promotion oder der Therapeutenausbildung, möchte ich das feiern, was ich habe. Ich möchte es wertschätzen und annehmen, denn es ist meins. Es ist das Leben, was ich leben darf. Mit all dem Schönen, all dem Schlimmen, all dem Unperfekten und all dem Besonderen. Ein anderes Leben gibt es für mich nicht und auch keine bessere Version von mir. Es gibt nur die eine, die genau passt und genau dort ist, wo sie sein sollte.

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