Eltern sein – Familie leben

Frau Karliczek und die scheinheilige Sorge um das Wohlergehen von Kindern

Freitagspizza am 23.11.2018

Ich glaube nicht, dass an der Ehe für alle noch einmal ernsthaft jemand rütteln will, beruhigte mich ein Freund neulich, als ich mit Sorge auf den anstehenden Wechsel an der Spitze der Union schaute. Ich möchte ihn bei Gelegenheit gern fragen, wie sicher er sich selbst mit seiner Meinung noch ist, jetzt da sich die Bundesbildungsministerin Anja Karliczek ganz anders geäußert hat. Die Ehe für alle sei überstürzt eingeführt worden, sagte sie in einem Interview und sie sorge sich um das Wohlergehen der Kinder in Regenbogenfamilien. Außerdem forderte sie Langzeitstudien zum Kindeswohl in Familien mit gleichgeschlechtlichen Elternteilen.

Glücklicherweise gibt es bereits Untersuchungen dazu, die Frau Karliczek ihre Ängste schnell nehmen können. Kinder, die mit zwei Müttern oder zwei Vätern aufwachsen, geht es nicht besser und auch nicht schlechter, als Kindern in anderen Konstellationen. Es wäre schön, wenn die Bundesministerin mit dem gleichen Eifer, mit dem sie sich um Kinder in Regenbogenfamilien sorgt, auch an alle anderen, das Kindeswohl abschwächenden, Umstände denken würde. So wissen wir zum Beispiel auch, dass es Kindern oft nicht gut geht, wenn sie mit sehr autoritären Eltern aufwachsen. Wo sind die Lösungsansätze in diesem Bereich?

Frau Karliczek gab weiter zu bedenken, dass die Kinder leiden würden, denn ihr Eindruck sei, dass sie in der Schule aufgrund ihrer Familienkonstellation gemobbt würden und solange das so sei, hätten wir ein Problem. Ich gebe ihr an dieser Stelle recht. Wir haben ein Problem, wenn Kinder in der Schule gemobbt werden. Und leider passiert es täglich. Die Gründe dafür sind so vielfältig, dass ich mich nicht mit einer Aufzählung aufhalten möchte – und ja, ich gehe leider davon aus, dass die Tatsache, dass jemand zwei Mamas oder zwei Papas hat, einer der drölfzigmillionen Gründe dafür sein könnte. Doch der Rückschluss der Bildungsministerin, die Ehe für alle und das Adoptionsrecht deshalb noch einmal in Frage zu stellen, ist die denkbar schlechteste Antwort darauf. Denn damit laden wir die Schuld an der Gewalt, die die Kinder in der Schule erfahren, bei den Opfern (oder deren Eltern) ab, statt zu schauen, was wirklich dahinter steht. Wir gucken dann gar nicht hin, was in den anderen Familien los ist, die scheinbar “normal” sind. Wir verschließen die Augen davor, dass Kinder nicht einfach so zu Mobbern werden.

Wenn sich Frau Karliczek um gemobbte Kinder sorgt, was ich sehr löblich finde, dann hätte ich einen anderen Lösungsansatz. Wie wäre es denn, wenn sie prüfen würde, in wie weit ihr das Kooperationsverbot Lücken lässt, um Schulen beim Aufbau von noch besseren Strukturen gegen Mobbing und Gewalt zu unterstützen? Damit würden wir dann nicht nur den “armen” Regenbogenkindern helfen, sondern gleich auch noch denen aus bürgerlichen Kleinfamilien, die wegen ihrer vielen Pickel, ihrer zu billigen Klamotten, ihrer Sprachfehler oder ihrer Hautfarbe in der Schule fertig gemacht werden.

Als letztes möchte ich noch auf die Idee der Ministerin, die unter anderem für Forschung zuständig ist, eingehen, unsere ganze Gesellschaft würde sich durch die Ehe für alle verschieben. Ich möchte ihr und allen, die das ebenfalls glauben, mitteilen, dass sich bei mir bisher nichts verschoben hat. Meine heterosexuelle, schon elf Jahre währende Ehe hat weiterhin Bestand und ist glücklich wie eh und je. Weder ist mein Mann sofort davon gerannt, um den nächstbesten Kerl zu ehelichen, noch wurde ich nachts von bewaffneten Männern aus dem Bett gezogen und verhaftet, weil ich unerlaubterweise kleinbürgerlich lebe. Ich hocke immer noch satt und zufrieden in meine Reihenmittelhaus, treffe beim Einkaufen die gleichen Leute wie in den Monaten davor und meine Kinder können zur Schule und in den Kindergarten gehen. Und ehrlich gesagt habe ich auch nicht das Gefühl, dass sich das so schnell ändert.

Ich würde mich sehr freuen, wenn auch alle anderen Familien, egal welche Geschlechtsteile die Eltern dort besitzen, diese wohlig-warme spießige Sicherheit genießen dürften und keine Angst haben müssten, dass irgendwelche Politiker ihnen ihre neuen Errungenschaften willkürlich wieder wegnehmen wollen. Denn ein sicheres, geborgenes Nest ist noch immer der größte Garant dafür, dass es Kindern gut geht!

(Foto: Inka Englisch)

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