Eltern sein – Familie leben

Das November-Päckchen

Mein November-Päckchen ist eingetroffen. Es wurde, wie in jedem Jahr, pünktlich geliefert. Mit pünktlich meine ich nicht den 1.11., sondern bereits ein paar Tage vorher. Ich bestelle dieses Päckchen nicht und doch kommt es jedes Mal. Und wenn ich es so durchforste stelle ich fest, dass es viele Dinge enthält, auf die ich gut und gern verzichten könnte.

Es enthält jede Menge düstere Gedanken, wehmütiges Vermissen der Tage, die irgendwie heller und wärmer waren. Ein besonderer Bestandteil des Päckchens sind Erinnerungen. Solche, die mich tief traurig machen. Solche, die das Potential haben, mir auch heute noch so viel Angst einzujagen, dass ich am liebsten mit hochgezogener Decke im Bett bleiben würde. Und dann sind da die, die mich unglaublich wütend machen. Ganze Zornwellen schwappen in manchen Momenten über mich, wenn ich so durch mein November-Päckchen wühle. Ich möchte dieses Päckchen und den ganzen Monat dann fest gegen die Wand klatschen und den Absender anbrüllen. Denn auch das, was ich unter dem Zorn finde, ist nicht besser. Tiefe Enttäuschung. Zwischenmenschliche Brüche, die so schwerwiegend waren, dass man sie nicht mehr kitten konnte. Eine Freundschaft die zerbrach, weil jemand im entscheidenden Moment nicht da sein wollte.

Doch da sind auch noch andere Sachen, in meinem November-Päckchen. Da ist die Freude über ein paar Herzensmenschen, die in diesem Monat ihren Geburtstag feiern und ohne die mein Leben ein ganzes Stück leerer wäre. Da ist vor allem die Erinnerung an eine ganz besondere Novembernacht, in der ich um halb zwei mit großen Schmerzen aufgewacht bin, um nur eine Stunde später mein drittes Kind im Arm zu halten. Da ist das Wissen, dass es ein unscheinbarer Tag im November war, an dem mein bis dahin sehr turbulentes Kinderleben ganz offiziell einen sicheren Hafen finden durfte.

Ihr seht, mein November-Päckchen ist prall gefüllt und es enthält so ziemlich alles, was das Leben zu bieten hat. Tod, Krankheit, Trauer, Angst, Sorge, Wut und Enttäuschung, aber auch neues Leben, unfassbare Freude, großes Glück und Geborgenheit. Wenn ich davon spreche, bewusst zu novembern, dann geht es mir nicht nur darum, die jahreszeitliche Dunkelheit anzunehmen und mich der schweren Gedenktage zu stellen. Es geht vielmehr um einen ehrlichen Blick auf die Dinge in meinem Leben, die ich sonst gern aussperre – und die bei mir im November tatsächlich sehr geballt vorkommen.

Ich gebe zu, die Verlockung ist groß, dieses November-Päckchen einfach nicht aufzumachen und zum Absender zurückzuschicken. Stattdessen könnte ich die Kiste mit der Weihnachtsdeko vom Dachboden holen und es mir selbst ein bisschen heller machen. Ich könnte mir auch einfach nur die schönen Sachen aus dem Päckchen nehmen und den Rest liegen lassen. Das Problem ist nur, dass ich mich damit selbst betrügen würde.

Unser Leben besteht nicht nur aus glamourösen Tagen, aus überschwänglicher Freude und dem andauernden Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Es gibt Dinge, die beängstigend sind, die uns traurig machen oder unglaublich wütend. Ich glaube, Gott möchte für seine Kinder diese Fülle und ich glaube er weiß, dass wir das eine ohne das andere nicht haben können. Wir sind nicht für einen permanenten Glückszustand gemacht, wir würden ihn irgendwann gar nicht mehr spüren. Das Licht braucht die Dunkelheit  und umgekehrt. Ich glaube, deshalb schickt er mir jedes Jahr wieder dieses November-Päckchen und möchte, dass ich es ansehe. Er hält es aus, wenn ich ihm meine Wut darüber entgegen brülle, kennt meinen Schmerz, aber auch all das Schöne, was dazwischen ist.

Mein November-Päckchen ist eigentlich nur ein Abbild dieser wunderschön-kaputten Welt, in der wir leben. Und neben all den ambivalenten Gefühlen hat der Absender noch etwas hineingelegt. Einen Grund zu hoffen – die Erinnerung daran, dass die Geschichte, auf die wir nach dem Ewigkeitssonntag zugehen, auch im dunklen, kalten November Bestand hat.

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