Eltern sein – Familie leben

Die Relativitätstheorie des Kinderreichtums

Freitagspizza am 30.08.2018

Eigentlich finde ich es albern, dass ich diesen Artikel schreibe. Mal ehrlich, ich bringe es gerade einmal auf drei Kinder. In den meisten anderen Ländern der Welt wären wir eine Durchschnittsfamilie oder sogar eher kinderarm und auch hier in Deutschland gilt es erst seit wenigen Jahren als Kinderreichtum, wenn man mehr als zwei Kinder hat.

Sei es drum, wir scheinen es zu sein, eine kinderreiche Großfamilie. Wenn ich mich in meinem Umfeld umsehe fallen mir zwei Dinge auf. Erstens, es werden langsam doch ein paar mehr Familien, die sich für das dritte Kind entscheiden. Zweitens, wir sind und bleiben Exoten. Drei Kinder, das ist ja auch eine andere Hausnummer, höre ich oft. Manchmal frage ich mich, warum man mir sowas sagt – und dann schaue ich meinen Alltag an und weiß es wieder.

Großfamilien spielen in politischen Debatten keine Rolle

Wie exotisch wir eigentlich sind, das fällt mir auch immer dann auf, wenn ich politische Debatten verfolge. So wie gestern Morgen. Im Deutschlandfunk war Anton Hofreiter von den Grünen im Interview und redete über Rente, Steuern und Solidaritätszuschlag. Ich hörte ihm zu, fand vieles gar nicht schlecht, was er sagte und merkte dann: Auf uns passt das nicht. Hofreiter möchte keine Entlastung für die Bürger, weil das Geld in der Staatskasse gerade gut eingesetzt werden kann. Für Polizei und Gesundheitssystem, für Bildung und marode Straßen. Investitionen in diesem Bereich finde ich selbstverständlich sehr begrüßenswert. Dann redete er darüber, welche Maßnahmen besser oder weniger gut geeignet wären, um Bürger dennoch zu entlasten. Zwei Dinge sind bei mir hängen geblieben.

  1. Frauen besser in den Arbeitsmarkt intigrieren.
  2. Keine Abschaffung des Solidaritätszuschlags, weil dieser nur Besserverdienende entlasten würde.

Fangen wir mit Punkt Nummer 1 an. Selbstverständlich finde ich es gut, wenn Frauen auf dem Arbeitsmarkt dieselben Chancen haben, wie Männer. Ich bin dafür, dass sie das gleiche Geld für die gleiche Arbeit bekommen und das familiäre Auszeiten ihnen nicht zum Verhängnis werden. Darüber hinaus frage ich mich aber, was Hofreiter meint, wenn er Frauen besser “intigrieren” will. Für mich klingt das so, als sei der Arbeitsmarkt etwas, was Männern vorbehalten ist und wo Frauen am Rand stehen und kritisch beäugt werden. Nun ist es aber so – fast alle Frauen, die ich kenne, sind berufstätig. Diejenigen, die das gerade nicht sind, haben entweder kleine Babys zu Hause oder sind kinderreich. Ich frage mich ernsthaft, wie wir diese beiden Gruppen besser intigrieren wollen – und ich frage mich, warum wir das sollten.

Frauen mit kleinen Babys sollten sich berufliche Auszeiten gönnen. Sie sollten das ohne Probleme tun können, weil es für sie und das Baby gut ist. Mutterschutz und Elternzeit sind eine wichtige Zeit, in der eine Frau zur Mutter wachsen darf, sich von der Geburt und der Schwangerschaft erholen kann und in der sie den kleinen Menschen, den sie geboren hat, kennen lernen darf. Ich finden nicht, dass wir uns Gedanken machen sollten, wie wir sie in dieser Zeit besser in den Arbeitsmarkt intigrieren, ich finde, wir sollten darüber nachdenken, wie wir sie vor selbigen bestmöglich schützen.

Kinderreichtum steht der Logik unserer Gesellschaft entgegen

Für die zweite Gruppe, die kinderreichen Mütter, gelten ebenfalls andere Gesetzmäßigkeiten, die man nur verstehen kann, wenn man sie selbst erlebt. Während Hofreiters Interview im Deutschlandfunk gesendet wurde, stand ich im Nachthemd in der Küche. Während mein Mann einmal Marmeladenbrot ohne Butter, einmal Joghurt mit Kakaopulver und einmal Zwieback mit Kamillentee zubereitete, kochte ich mir einen Kaffee. An diesem Morgen mussten wir nur zwei Kinder pünktlich aus dem Haus bekommen, denn das Dritte hatte seit zwei Tagen Magen-Darm. Aus diesem Grund war ich sehr froh, gerade nicht im Arbeitsmarkt intigriert zu sein, sondern mir in meinem Tempo meinen eigenen Job von zu Hause aus zu schaffen. Immerhin war hier ein Kind, das man selbst in einer durchorganisierten 24-Stunden Kitawelt nirgendwo genommen hätte. Wer will schon Brechdurchfall im Haus? Meine Texte mussten also warten, genau wie die Planung meiner Vorträge. An deren Stelle standen Schüssel halten, Wärmflasche befüllen und milchfreien Haferbrei kochen.

Nun dauert ein Magen-Darm Infekt nicht so lange und wahrscheinlich kann jeder Arbeitgeber verkraften, dass Mutter oder Vater in dieser Zeit eben mal fehlt. Zumindest, wenn nur ein Kind in der Familie lebt. Magen-Darm Viren haben nämlich die unangenehme Angewohnheit, sich in Windeseile auszubreiten und so darf man die Krankheitstage gern mit der Anzahl der im Haus lebenden Kinder multiplizieren und erhält den Ausfallfaktor der dazugehörigen Mutter. Klingt unattraktiv? Ist es auch!

Seien wir realistisch. Mütter vieler Kinder passen nicht in die Logik unserer höher, schneller, weiter Gesellschaft, in der es um Leistung, Attraktivität und Selbstoptimierung geht. Denn zwar wissen wir am Ende eines Tages oft gar nicht mehr, wohin mit unserer Müdigkeit, die Ansprüche der Gesellschaft an uns haben wir aber dadurch noch lange nicht erfüllt. Susanne Mierau hat über diesen Anspruch an Selbstoptimierung kürzlich wunderbar geschrieben. Als ich an besagtem Morgen den Mann und die zwei Kinder aus der Tür schob und überlegte, wie ich trotz Kotzeritis doch zumindest die wichtigsten Sachen auf die Reihe bekomme, war nichts optimal. Mein Fuckability-Faktor lag nach zwei Tagen ohne Zeit für eine Dusche in etwa bei Minus acht, der Haushalt war nicht Insta-tauglich und ich arbeitsmarkttechnisch schwer vermittelbar. Am Abend hatte ich dafür ein Kind, das alle nötige Fürsorge erhalten hatte. Außerdem hatte ich seine Geschwister, die nicht nur sicher, satt und sauber waren, sondern für Klassenarbeiten gelernt und in Freundebücher geschrieben hatten. Ganz zu schweigen von den vier Vorlesegeschichten, den Bildern, die wir gemalt hatten und dem gekochten Abendessen. Man sollte meinen, dass das reicht.

Glaubt man jedoch dem öffentlichen Tenor, müssen für mich nur noch ein paar mehr Anreize geschaffen werden, damit ich etwas wirklich Wertvolles tue. Etwas was zählt. Etwas was Steuern einbringt und die Produktivität erhöht.

Besserverdienend ist ein relativer Begriff

Apropos Steuern. Kommen wir zum zweiten Punkt. Die Entlastung von Besserverdienenden. Ich habe einen großen Gerechtigkeitssinn und bin zudem der Meinung, dass es allein schon aus Gründen des sozialen Friedens gut ist, wenn alle einigermaßen gut über die Runden kommen. Ich bin daher gern bereit, ein bisschen draufzulegen, damit es auch anderen Menschen gut gehen kann. Allerdings ist Hofreiters Definition von “Besserverdienenden” bei kinderreichen Familien schon wieder relativ. Mir ist nämlich aufgefallen, dass wir so einen Besserverdiener im Haus haben. Meinen Mann. Er hat ein Einkommen, dass sich einigermaßen sehen lassen kann. Keins, dass einem bei einem Grillfest ein anerkennendes Ooooooh einbringt, aber eins, das die meisten in unserem Umfeld nicht ohne Weiteres erreichen. Soweit so gut. Nun ist es aber so, dass es das einzige feste Einkommen ist, das monatlich reinkommt und dass davon fünf Leute leben müssen.

Auch wenn es um finanzielle Verpflichtungen geht, gilt die obige Rechnung. Nehmt das, was ihr am Schuljahresbeginn für Hefte, Bücher, Stifte und Co ausgegeben habt und multipliziert es mit der Anzahl der Kinder. Nehmt die Kosten für Kleidung (denn das Geschwister die Kleidung der Großen auftragen, gilt auch nur in einem gewissen Maße), nehmt die Kosten für Essen und Getränke. Schaut auf euer Auto und eure Kindersitze und nehmt die Kosten für letztere mal die Kinderanzahl. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die meisten Autos hinten keinen Platz für mehr als zwei sichere Sitze haben. Schaut mal, in welcher Preisklasse die Fahrzeuge liegen, die diesen Platz bieten. Ich könnte das endlos fortsetzen, aber ich denke, ihr habt es auch so verstanden.

Eine kinderreiche Familie zu sein ist wunderschön – und entzieht sich allen Gesetzmäßigkeiten, nach denen gerade politische Entscheidungen getroffen werden.

(Foto: Inka Englisch)

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