Eltern sein – Familie leben

Mein ängstliches Kind

Das Schöne daran, mehrere Kinder zu haben, ist, dass man sich für Charakterzüge von einzelnen Kindern weniger verantwortlich fühlt. Denn gerade, wenn man ein eher ängstliches Kind zu Hause hat, wird einem als Mutter gern ein schlechtes Gewissen gemacht. Das liegt ganz sicher an der Mama, heißt es dann. Diese behütet das Kind zu sehr. Sie kann nicht loslassen und traut dem kleinen Mensch zu wenig zu. Wäre die Mutter nicht so, wie sie ist, dann würde das Kind viel mehr allein schaffen. Ich glaube, nicht wenige von euch kennen das. In Einzelfällen kann das so weit gehen, dass sogenannte Experten eine größere Distanz zwischen Mutter und Kind fordern, um dessen Ängstlichkeit zu therapieren. Wenn jedoch neben dem ängstlichen Kind mindestens ein weiteres steht, dass schon mit drei Jahren auf das höchste Klettergerüst will, bröckelt das Konstrukt von Mutters alleiniger Schuld recht schnell.

Persönlichkeitsmerkmale sind angeboren

Fakt ist, ob unsere Kinder von ihrer Struktur her eher draufgängerisch oder zurückhaltend, eher schüchtern oder eher offen und eher wild als ruhig sind, hängt nicht so sehr von unserer Art des Mutter oder Vater seins ab. Kinder werden mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen geboren und diese ziehen sich wie ein Grundrauschen durch ihr weiteres Leben. Schon immer hat es in der Geschichte der Menschheit diese unterschiedlichen Persönlichkeiten gegeben – denn sie wurden alle gebraucht. Ein Stamm, der nur aus Draufgängern bestand, hätte nicht lange überlebt. Es wäre nämlich keiner da gewesen, der Gefahren erkannt und zur Besonnenheit oder vielleicht auch mal zum Rückzug gemahnt hätte. Ein Stamm aus lauter ängstlichen Mitgliedern hätte vielleicht irgendwo in einer Höhle etwas länger ausgehalten. Doch sie hätten sich nie weiterentwickelt, wären nie Innovativ gewesen, hätten sich nie auf zu besseren Lebensbedingungen gemacht und das wäre irgendwann ihr Ende gewesen. Es brauchte immer die Vielfalt der Persönlichkeitsmerkmale. Die, die tapfer voran gingen und die, die gut aufpassten und Gefahren witterten. Die, die wild und voller Energie waren und die Ruhigen, Besonnen. Es brauchte die Ausgeglichenen und die Impulsiven, die Rauen und die Sanften, die Mutigen und die Ängstlichen. Gott hat zu jeder Zeit dafür gesorgt, dass all diese Charaktere in ausreichender Zahl vorhanden waren – und er tut es bis heute.

Ein ängstliches Kind stört die Leistungsgesellschaft

Heute haben wir nur leider oft keine Verwendung mehr für allzu stark ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale. Ein ängstliches Kind stört oft unsere reibungslosen Abläufe. Es gewöhnt sich langsamer an Fremdbetreuung. Vielleicht möchte es selbst in der Schule nicht auf Anhieb alleine bleiben. Es raubt Erwachsenen kostbare Zeit, weil es zehn Minuten weinend am Beckenrand oder vor dem Sportgerät steht und nicht springt. Hat man an Wandertagen, Klassenfahrten oder Kindergeburtstagen ein extrem ängstliches Kind dabei, sind wir Erwachsenen schnell überfordert. Es ist schon schwer genug, eine Meute Kinder im Zaum zu halten, wenn dann da auch noch eins ist, was 1:1 Betreuung in Form von Trost und Zuspruch braucht, kommen wir schnell an unsere Grenzen. Kein Wunder, dass unsere Leistungsgesellschaft dies schnell zu einem Problem macht – und sich ebenso schnell eine Schuldige sucht. Wer bietet sich da besser an, als die Mutter dieses Kindes?

Sanft und achtsam aus der Komfortzone begleiten

Die gute Nachricht ist, dass unser Anteil an diesem Persönlichkeitsmerkmal unseres Kindes geringer ist, als man uns weismachen will. Oft ist das, was andere als Überbehütend empfinden ja nicht mehr, als unsere Reaktion auf das Verhalten unseres Kindes, mit dem wir uns schon viel länger auseinander setzen. Oft reagieren wir instinktiv, weil wir wissen, dass sich unser Kind in der einen oder anderen Situation schwer tut. Wir sind die Expertinnen für dieses kleine menschliche Wesen und wir dürfen so handeln, wie wir es für richtig halten. Auch dann wenn die Umstehenden vielleicht mit den Augen rollen.

Und doch ist es manchmal auch unsere Aufgabe, das Kind ganz sanft und mit größtmöglicher Achtsamkeit ein kleines Stückchen aus seiner Komfortzone zu schieben. Mein ängstliches Kind stand auch einmal weinend am Beckenrand eines Schwimmbades. Die Schwimmlehrerin hatte angekündigt, dass sie heute schauen wollten, ob die Kinder schon das bronzene Abzeichen schaffen könnten. Die Vorstellung zu tauchen und vom Einmeterbrett zu springen, war für mein ängstliches Kind zu viel. Dazu kam noch, dass es in einer anderen Gruppe sein sollte, als andere vertraute Kinder. Nach ein bisschen trösten und gut zureden hatte ich einen Entschluss gefasst: Ich wollte meinem Kind die Chance geben, über sich hinaus zu wachsen  – jedoch nicht ganz ohne Hilfe. Ich erklärte der Schwimmlehrerin, dass ich gehen und das Kind dort lassen würde – wenn es die Gruppe wechseln und somit bei Freunden sein darf. Nachdem das möglich war, drückte ich mein Kind, sagte, dass es alles versuchen darf und nichts schaffen muss – und ging. Mit Wackelknien und ein bisschen Bauchweh. Eine Stunde später kam mir ein nasses, frierendes und vor Selbstbewusstsein strotzendes Kind entgegen. Es konnte vom Einmeterbrett springen und war nur noch einen Tauchzentimeter von Bronze entfernt.

Mut und Annahme

Im Laufe der Jahre habe ich die Erfahrung gemacht, dass mein ängstliches Kind oft mehr Zuspruch und Begleitung durch uns Eltern braucht, als seine Geschwister oder Freunde. Ich weiß, dass es Momente gibt, in denen ich da sein muss. Ich weiß, dass es Dinge gibt, die ich diesem Kind nicht zumuten kann. Doch ich habe auch gelernt, dass es genau diese Beckenrandmomente sind, die dieses Kind wachsen lassen. Die Momente, in denen ich ihm ein bisschen helfe und es dann loslasse – und es ins kalte Wasser springen muss. Es sind diese Selbstwirksamkeitserfahrungen, die es stärken, zusammen mit dem Wissen, dass es bei uns angenommen ist, wie es ist. Ängstlichkeit ist ein Persönlichkeitsmerkmal – und ein sinnvolles noch dazu. Ängstliche Kinder werden höchstwahrscheinlich besonnene und zurückhaltendere Erwachsene bleiben – doch ob ihre Ängstlichkeit für sie zum Problem wird oder ein guter und sinnvoller Charakterzug bleibt, das haben wir mit in der Hand. Ein ängstliches Kind braucht unsere Annahme, unsere Begleitung, unseren Schutz und manchmal unseren Mut, es sanft ein Stück vorwärts zu schieben.

3 Kommentare

  1. Liebe Daniela, Danke für diesen Beitrag. Das kenne ich auch und ich erlebe es genauso auch mit unserer behinderten Tochter, der man ihre Behinderung nicht ansieht.
    Freu mich, dass du formulierst, was ich auch schon oft gedacht habe! Liebe Grüße, Jojo

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