Eltern sein – Familie leben

Meine fünf Cent zu kinderfreien Restaurants

Die Freitagspizza am 24.08.2018


Schreibst du was über kinderfreie Restaurants,
 fragte mich ein Freund letzte Woche per Messenger. Ich war gerade eben an unserem Campingplatz am Edersee angekommen und wusste auch nicht so genau, was ich darauf antworten sollte. Eigentlich hatte ich nicht vor, den Fall des Rügener Restaurants zu kommentieren, das nach 17 Uhr keine Gäste unter 14 Jahren mehr haben möchte. Denn sind wir ehrlich, sowas gibt es in den letzten Jahren immer mal wieder und ich habe nicht das Gefühl, dass die öffentliche Debatte darüber in irgendeiner Weise fruchtbar ist.

Anderseits ist das ja genau das Thema meines Blogs und meines Schaffens. Denn schließlich treibt mich der Wunsch an, Menschen Lust auf Familienleben zu machen und darauf mit Kindern unterwegs zu sein, aktiv zu sein, Spaß zu haben. Und ich bin unterwegs, damit Menschen ihre Sicht auf Kinder überdenken und auch die Ansprüche, die sie an sie haben. Der Fall dieses Restaurants zeigt deutlich, dass da noch jede Menge Redebedarf besteht. Von daher – ja, ich schreibe heute über kinderfreie Restaurants.

Ja, die Kinder sind heute anders

Zunächst einmal möchte ich mir mit euch die Begründung des Lokals näher ansehen. Der Besitzer gab als Erklärung für die Maßnahme an, dass Kinder, die in sein Restaurant kommen, sich nicht mehr richtig benehmen würden. Er erzählt von Situationen, in denen Kinder um den Tisch herum fangen gespielt hätten, andere Gäste belästigten oder Weingläser umstießen Das klingt erstmal ganz schön doof. Ganz ehrlich, wenn ich Essen gehe, wünsche ich mir auch nicht unbedingt, dass ein kleiner Gast vom Nachbartisch ankommt und an meiner Tischdecke zieht. Und eigentlich hoffe ich dann, dass nicht ich dem Kind erklären muss, dass ich das gerade nicht mag, sondern dass es die Eltern tun. Wenn diese dann, wie es der Besitzer des Lokals es beschreibt, einfach gar nicht hinschauen oder das Verhalten des Kindes ignorieren, dann bin auch ich genervt. Das gebe ich frei heraus zu.

Nun frage ich mich allerdings, wie oft das in dieser Ausprägung im benannten Restaurant vorgekommen ist. Ich wage ernsthaft zu bezweifeln, dass es täglicher Dauerzustand war. Doch ja, ich kann mir auch gut vorstellen, dass es immer wieder vorkam, dass Gäste unter 14 Jahren nicht wie kleine Erwachsene am Tisch ihrer Eltern saßen. Dass das sogar sehr wahrscheinlich nicht so war, hat mehrere Gründe. Zum einen ist es zum Glück nicht mehr so, dass Kinder ruhig am Tisch sitzen müssen und zu schweigen haben, während Mama und Papa im Restaurant Essen bestellen. Kinder reden, sie erheben mal die Stimme (was Erwachsene im Restaurants übrigens auch tun) und sie werfen auch mal versehentlich ein Glas Wein um und müssen in den meisten Fällen glücklicherweise keine Angst mehr haben, dafür von ihren Eltern bestraft zu werden.

Soweit so gut. Wer sich bereits daran stört, der hat wahrscheinlich keine andere Wahl, als sein Lokal irgendwann für Kinder zu sperren, denn er ist schlicht nicht Kinder kompatibel.

Urlaubszeit ist Ausnahmezeit

Dazu kommt noch ein anderer Punkt. Rügen ist eine Urlaubsinsel. Ich wage zu schätzen, dass mindestens 90 Prozent der Gäste, die abends ins Restaurant kommen, Touristen sind. Nun ist Familienurlaub etwas wunderschönes und ich habe ja auch schon darüber geschrieben, wie sehr alle dabei wachsen können. Und manchmal ist es auch Ausnahmezustand. Da sind Kinder nach einem langen, heißen Tag am Strand. Kinder nach einer anstrengenden Wanderung. Kinder am ersten Urlaubsabend, geflasht von der neuen Umgebung. Kinder am Abend vor der Abreise, voller Abschiedsschmerz. In einem solchen Zustand kann das langweilige Warten auf ein Essen schon einmal zu einer Aufgabe werden, die man als kleiner Mensch kaum noch meistern kann. Und dann werden sie quengelig oder überdreht fröhlich. Und manchmal laut. Und manchmal können sie auch nicht still sitzen.

In solch einer Situation sind dann wir Eltern gefragt. Es ist an uns, unsere Kinder eng zu begleiten. Bei ihnen zu sein, sie zu beruhigen, mit ihnen zusammen (in erträglichem Tempo) durchs Lokal zu laufen, sich als Erwachsene aufzuteilen, sodass einer sitzen bleibt und der andere mit den Kids nochmal auf den Spielplatz gegenüber gehen kann oder einfach an die frische Luft. Eine Realität die viele Eltern kennen – romantische Restaurantbesuche waren gestern – und sind morgen wieder.

Doch manchmal, manchmal sind wir Eltern auch nur Menschen. Dann ist auch unser Tank leer vom aufregenden Tag, der staureichen Anreise oder dem Abschiedsschmerz. Und dann schaffen wir es einfach nicht, so da zu sein, wie es die Situation erfordern würde und dann fallen wir auf. Dann sind wir eine dieser Familien, die es angeblich einfach nicht mehr drauf hat, die keine Grenzen setzen kann, deren Kinder kein Benehmen haben. Dabei haben wir in echt vielleicht alle nur tierisch Hunger. Oder sind müde. Oder traurig. Oder alles zusammen.

Man kann auch anders reagieren

So ging es auch meiner kleine Tochter und mir damals in Frankreich. Es war schon späterer Mittag. Sie, ich und der Große waren den ganzen Vormittag durch die Kleinstadt getigert, während mein Mann mit der Mittleren beim Arzt war. Wir hatten schon fünf Mal den Dorfbrunnen gesehen und zehn Mal die Kirche und waren vier Mal auf dem Aussichtsturm gewesen. Wir hatten Hunger – und die anderen waren weit und breit nicht in Sicht. Irgendwann setzte ich mich einfach mit dem tapferen Jungen und dem verzweifelt weinenden Mädchen auf die Terrasse eines Restaurants. Der Kellner nahm unsere Bestellung auf und verschwand. Das Mädchen weinte und weinte und weinte und nichts half. Ich stand auf, lief rum, setzte mich wieder, nichts änderte sich. Der Kellner war inzwischen am Nachbartisch und brachte die Getränke. Er deutete auf uns und bot den beiden Herren, ich schätze zwei Angestellte in der Mittagspause, an, den Platz zu wechseln. Weg von uns. Weg vom schreienden Kind. Der eine Mann antwortete irgendwas, was ich mit meinem schlechten Französisch nicht verstand, deutete auf uns und blieb sitzen. Diese Szene wiederholte sich in der nächsten Viertelstunde vier mal. Ich vermutete, dass das, was der Mann jedesmal erwiderte sowas war wie: “Ich will mich nicht umsetzen, wirf das Gör halt raus!” Schließlich kam der Kellner ein fünftes Mal, mein Kind schrie immer noch und er stellte den Brotkorb auf den Nachbartisch und fragte nochmal, ob die Herren denn sicher seien, dass sie neben uns bleiben wollten. Der Mann sagte gar nichts mehr, sondern schüttelte nur den Kopf. Während der Kellner davon eilte, nahm er seinen Brotkorb und stellte ihn direkt vor mein Mädchen und lächelte. Das Mädchen lächelte auch, zum ersten Mal seit einer halben Stunde und griff zu. Sofort herrschte Ruhe. Das Mädchen knabberte Brot und ich entspannte mich. Als der Kellner zurück kam und verwundert auf uns, den Mann und den Brotkorb schaute, sagte der Mann noch einmal irgendwas lachend zum Kellner. In diesem Moment verstand ich. Er hatte nicht darum gebeten, uns rauszuwerfen, sondern darum, unserem Kind etwas zu essen hinzustellen.

Ich finde, mein Erlebnis zeigt vor allem eins: Es kommt auf die Sichtweise an. Ich weiß nichts über meinen Tischnachbarn. Vielleicht war er selbst Vater und es war ihm deshalb klar, dass meine Tochter essen brauchte. Vielleicht gehört er auch zu den Menschen, die total unleidlich werden, wenn sie Hunger haben und er fühlte deshalb mit. Jedenfalls schien er aber nicht mit der Grundhaltung durchs Leben zu gehen, dass unsere Kinder schreiende Tyrannen sind und ich eine überforderte Mutter. Sonst hätte er vielleicht die Einladung des Kellners angenommen und hätte sich genervt umgesetzt. So wurde er für uns zum rettenden Held, sah unsere Not und kümmerte sich. Und auch das können wir aus diesem Erlebnis lernen. Wenn Kinder irgendwo “nerven”, haben auch wir es in der Hand, die Situation zu ändern.

Ausschluss ist ein unkreativer Lösungsweg

Hinter all diesen Verhaltensweisen, die andere Menschen stören, steckt ja nichts anderes als ein kindliches Bedürfnis. Vielleicht können wir versuchen, das zu erspüren, wenn die eigenen Eltern es gerade nicht schaffen und so selbst ein bisschen Abhilfe schaffen. Dir ist langweilig, oder? Frag doch mal den Kellner, ob er Stifte und Papier hat. Du möchtest dich bewegen? Dahinten gibt es ein Wiese oder unten vor den Toiletten einen kleinen Flur, durch den ihr ein bisschen rennen könnt. Du hast schon Hunger? Vielleicht bekommst du von der Bedienung ja schon ein bisschen Brot als Vorspeise.

Wenn einem aber als Reaktion auf Kinder, die nach einem langen Urlaubstag nicht mehr ganz so Gastronomie kompatibel sind, nur einfällt, sie auszuladen, dann ist das ein ziemlicher Offenbarungseid. Mag sein, dass einem diese Lösung den einen oder anderen zahlenden Gast mit hohem Ruhebedürfnis einbringt. Persönlich bringt es die Menschen dort jedoch ganz sicher nicht weiter. Wie schade!

(Foto: Inka Englisch)

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