Eltern sein – Familie leben

Muss man das Leid anderer Menschen feiern?

Freitagspizza am 10.08.2018

Dürfen wir uns darüber freuen, dass Frau Assad Brustkrebs hat, fragte gestern eine große deutsche Tageszeitung auf Twitter. Nun könnte ich das natürlich einfach so stehen lassen oder in die große Kiste der verbalen Fails dieser Tageszeitung einsortieren und das Thema ruhen lassen. Allerdings fällt mir das gerade schwer. Nicht, weil ich selbst vor Mitgefühl vergehend auf dem Sofa sitzen würde, denn ich kenne die Frau schließlich gar nicht  – bis gestern wusste ich nicht einmal, wie sie aussieht. Nicht, weil ich eine generelle Moralkeule schwingen möchte oder weil ich die Lage in Syrien gar herunterspielen möchte. Nein. Ich muss dazu heute etwas schreiben, weil ich einfach so schockiert bin. Schockiert darüber, dass man sich überhaupt öffentlich so eine Frage stellt – und schockiert darüber, dass nicht wenige User in sozialen Netzwerken diese Party mitgefeiert haben.

Anfang der Woche saßen um meinen Mittagstisch eine ganze Reihe Kinder. Meine eigenen und ein paar mitgebrachte, die Lust auf meine Tomatensuppe mit Käse Nachos hatten. Sie erzählten, was sie so alles in der Schule erlebt hatten und auch, dass ein Kind im Urlaub krank geworden ist. Zwei der Kinder sahen sich an und guckten ein bisschen hin und her. Als ich sie ansprach, erklärten sie mir, dass sie das Kind nicht so besonders gut leiden könnten und dass diese Kind sie immer wieder ärgern würde. Dieses Kind war dann einige Minuten großes Thema an unserem Tisch – und ich hielt mich zurück und lauschte nur. Interessanterweise freute sich keins der Kinder am Tisch darüber, dass das Kind im Urlaub krank war. Im Gegenteil, eine Freundin meiner Tochter legte sogar ausführlich dar, warum das ja trotzdem gar nicht schön sei: Nämlich zum Beispiel für die kleine Schwester nicht, die dadurch auch nicht ins Schwimmbad konnte und die ja eigentlich auch gar nichts dazu kann, dass das Geschwisterkind immer so gemein ist.

Nun ist mir nicht erst seit gestern klar, dass unsere Kinder uns in ihrer Fähigkeit, sich empathisch in anderen hinein zu versetzen, haushoch überlegen sind. Und doch zeigt diese Anekdote wieder einmal deutlich, dass wir uns nicht vor der nächsten Generation fürchten müssen – sondern vor der, die gerade öffentlich den Ton angibt. Nicht unsere Kinder sind kleine Tyrannen, auf die man nicht zählen kann, sondern wir Erwachsenen scheinen problemlos in der Lage zu sein, jegliche Menschlichkeit abzukoppeln. Wir, die wir in unseren festen Häusern und unseren sicheren Rechtssystemen der westlichen Welt sitzen, beklagen die Brutalität und Barbarei in anderen Teilen der Welt – und sind in unseren Herzen ebenso gnadenlos.

Die Frage ist nämlich gar nicht, ob man sich darüber freuen darf, dass Frau Assad so schwer erkrankt ist. Die Frage ist viel eher, warum man sich darüber freuen sollte. Warum, um alles in der Welt ist es ein Grund zur Freude, dass jemand Brustkrebs hat? Wer gewinnt dadurch? Geht es irgendeinem Menschen in Syrien besser, weil die First Lady lebensgefährlich erkrankt ist? Beendet das den Bürgerkrieg, löst die Flüchtlingskrise und bringt gleich auch noch den Klimawandel in Ordnung? Oder geht es hier einfach nur um Rache und Gehässigkeit? Sie ist mit einem “bösen” Mann verheiratet, ergo selbst böse, ergo verdient sie böses? Dass das weder mit Humanität, noch mit den viel beschworenen Werten des christlichen Abendlandes in Einklang steht, fällt das noch irgendjemandem auf? Oder gelten unsere gern so hochgehaltenen Werte nur für Fremde, aber niemals für uns selbst?

Nein, wir müssen nicht weinen und beten, weil Frau Assad Brustkrebs hat, wir müssen gar keinen Anteil nehmen – aber feiern müssen wir es auch nicht. Viel besser würde uns etwas Demut stehen. Ich erwarte gar nicht, dass die Erwachsenen von heute die große Meisterleistung vollbringen, die die Freundin meiner Tochter vollbracht hat – sich zu überlegen, wen das Leid ungeliebter Menschen vielleicht noch betrifft.

Falls sich doch noch jemand an dieser fortgeschrittenen Übung in Einfühlungsvermögen probieren möchte: Frau Assad ist übrigens Mutter von drei Kindern!

 

(Foto: Inka Englisch)

7 Kommentare

  1. Wunderbarer Text Dani. Mein Mädchen, Rettungsschwimmerin, sagte mal zu mir, sie wuerde auch die Menschen retten, die ihr Boeses angetan haben. Für diese Grösse und Menschlichkeit in ihren Worten bin ich so dankbar, weil es zeigt, dass das Gute und Wertvolle in diesem Menschenkind nicht zerstört werden konnte. Was ein Kontrast zu der Aussage eines Bekannten, der uns sagte, wenn er jemand nicht leiden kann und derjenige wuerde am Boden liegen, würde er verbeigehen. Mitgefühl und Hilfe sollten für jeden zu den Grundwerte gehören, dann wuerde unsere Welt um so vieles besser sein. Man muss niemanden mögen, um diese Werte trotzdem zu leben. Und Freude über das Leid anderer ist etwas, was heutzutage viel zu oft, zu finden ist. Hoffen wir, dass sich die Kinder ihr Mitgefühl für immer bewahren.

    1. Es ist schwierig sich gegen Rachegedanken zu stellen. Rache ist einfach in unseren Denkmustern verankert. Auge um Auge….selbst einige Bibelauslegungen gehen in diese Richtung, das Strafrecht grenzt an diese Gedanken usw.. Deshalb darf man sich schon darüber unterhalten, darüber nachdenken woher, in diesem Fall, diese Gedanken kommen. Vielleicht ist auch jemand viel direkter betroffen als so ein eingeborener Bundesbürger. Deshalb ist Schadenfreude auch ein Gedanke dem sich nur schwer zu erwehren ist.
      Entscheidend ist, wo man nach einem ersten affektiven Gedanken zum Halten kommt.
      Ich glaube das Freude und Feiern unangebracht ist, Mitleid aber auch nicht nötig mit einem Mörder und seinen Komplizen.

  2. Ein sehr, sehr guter Text ! Danke dafür. Und er ist so wahr. Ich bin gerade manchmal auch unglaublich schockiert. Dazu braucht man allerdings gar nicht in die Medien gehen, dazu muss man oft nur drei Schritte aus der Haustür raus gehen.

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