Eltern sein – Familie leben

Eure komische Vereinbarkeit könnt ihr behalten

Ach du Scheiße!

Mein lauter Ausruft hallte durch den Spielwarenladen. Ausgerechnet durch einen Spielwarenladen. Mal ehrlich, ich hätte meine Wortwahl wirklich überdenken können. Vorausgesetzt ich hätte überhaupt denken können. Aber die Gehirnregionen, die für besonnenes Nachdenken zuständig sind, waren in diesem Moment abgeschaltet. Sie hatten ihren Dienst vorübergehend quittiert, als mir plötzlich durch den Kopf geschossen war, dass mein Kind, das gerade fröhlich durch die Regale wuselte, in diesem Moment auf einem Kindergeburtstag ankommen sollte. In meinem Kopf lief das Notfallprogramm.  Panisch organisierte ich ein Geschenk, pfiff die Familie aus den Regalen und packte alle wieder ins Auto – drei unglückliche Kinder, die sich den Tag anders vorgestellt hatten, einen ebenso überraschten Mann und mich – ein nervliches Frack. Ich schickte schnell noch eine WhatsApp, dass wir uns verspäten würden und dann brauste ich los. Dass sowohl der Weg zum Auto, als auch die anschließende Fahrt zu den größten verbalen Mom-Fails zählten, die ich so aufbieten kann, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen.

Wie war mir das denn passiert? Normalerweise liegen bei uns immer mindestens eine Woche lang schön eingepackte Geschenke auf dem Schuhschrank im Flur und erinnern uns daran, dass eine Kinderparty ansteht. Die Termine stehen außerdem im Kalender und jeder weiß Bescheid, was ihn erwartet. Doch in dieser Woche ist irgendwie alles anders gelaufen. Es war auch nicht das erste Mal, dass ich meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wurde. Der Tisch für das Überraschungsfrühstück, das ich für meine Spielkreis-Mamas geplant hatte, war leider noch nicht fertig gedeckt, als die ersten schon in der Tür standen,  im Kindergarten musste man mich mehrmals an die Abgabe eines Erlaubniszettels erinnern, ein Kind war ohne Trinkflasche beim Sport, ich vergaß ein Buch in die Bücherei zu bringen und auch sonst hatte ich nicht das Gefühl, die Dinge besonders gut im Griff zu haben.

Die Erklärung für all das ist denkbar einfach – ich hatte mal wieder versucht, miteinander zu vereinen, was nun einmal nur schwer zusammen passt – Familienleben und Berufsleben. Ich habe versucht, in beiden Bereiche 100 Prozent reinzugeben und weitere 100 Prozent in mein Ehrenamt. Das konnte nur im Chaos enden. Natürlich wollte ich jetzt, da ich wieder berufstätig bin, gleich mal alles. Beratungen anbieten, Vortragsreihen planen und halten, als Speakerin bei einem Online-Kongress dabei sein, an einem E-Book mitarbeiten und zwei eigene Buchprojekte auf den Weg bringen und einen neuen Podcast starten. Schließlich machen das all die Frauen, die in meinem Bereich erfolgreich sind, genau so. Und dabei sind sie noch rund um die Uhr liebevoll und bedürfnisorientiert für ihre Kinder da. Ist doch babyeinfach – um mit meiner Tochter zu sprechen.

Nur dummerweise ist es genau das nicht. Es ist Stress – und es ist die totale Überforderung. Ich habe mich zur Sklavin meiner eigenen völlig übersteigerten Erwartungshaltung gemacht und hätte mich fast wieder in genau die gleiche ungesunde Tretmühle gegeben, aus der ich doch erst vor ein paar Jahren ausgestiegen war. Ich habe mal wieder geglaubt, ALLES haben zu können und zwar auf einmal.

Nun bin ich in der glücklichen Situation, die Dosierung dessen, was ich tue, jederzeit nachbessern zu können. Ich kann die Schlagzahl reduzieren, Projekte verschieden oder ganz canceln. Doch viele Frauen haben diesen Luxus nicht. Sie sitzen in der gleichen Falle, in der auch ich sitze, nur dass sie nicht nur durch ihre eigenen Erwartungen darein gekommen sind, sondern weil die Arbeitswelt es für völlig selbstverständlich hält, dass ihnen ihre Mitarbeiterinnen 100% zur Verfügung stehen. Und schließlich tut der Staat ja allerhand für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, da kann es ja wohl nicht so schwer sein, als Mutter im Beruf präsent zu sein. Rücksicht auf die familiären Bedürfnisse von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gibt es schon lange nicht mehr. Eine Freundin von mir musste sich letzte Woche drei Beine ausreißen, um einen lange zugesagten beruflichen Termin auch wirklich wahrnehmen zu können, denn der Chef ihres Mannes hatte diesem kurzfristig den freien Nachmittag gestrichen – und somit fehlte ihr die Kinderbetreuung. Eine andere Freundin arbeitet trotz halber Stelle seit Monaten jedes Wochenende und sie und ihr Mann geben sich nur noch die Klinke in die Hand, denn auch ihm geht es nicht besser. Ein Bekannter erzählte kürzlich, dass er seine Kinder dieses Jahr noch kein einziges Mal abends ins Bett bringen konnte und eine Mama aus meinem Spielkreis ist todunglücklich, denn ihr Chef möchte, dass sie nach der Elternzeit wieder an drei Tagen bis 19 Uhr arbeitet – noch länger zu Hause bleiben kann sie nicht, denn die Familie ist auf ihr Gehalt angewiesen. Das alles hat wenig zutun mit der Jippie-Jey Vereinbarkeit, die uns von allen politischen Parteien auf Wahlplakaten präsentiert wird.

Montags, wenn die Kinder aus dem Haus sind, treffe ich ich normalerweise mit ein paar Frauen zum Walk’nTalk. Sie alle haben auf irgendeine Weise dem Vereinbarkeitszirkus in den letzten Jahren den Mittelfinger gezeigt und leben jetzt anders – auf ihre Weise. In letzter Zeit habe ich öfter abgesagt, weil ich arbeiten musste. Zeit für einen selbst, Zeit mit Freundinnen – all das bleibt ebenfalls auf der Strecke, wenn man versucht, dreihundertprozentig gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen. Und am Ende haben wir sie – die ausgebrannte Frau – an den eigenen Ansprüchen und einem gesellschaftlichen Trend gescheitert. Wenn dass das dieses Alles ist heute möglich ist, von dem immer alle reden, dann will ich davon nichts abhaben. Mir scheint, als nütze dieser Slogan eigentlich nur der Pharmaindustrie und den Betreibern von Kurkliniken. Ganz sicher aber nicht der angeblichen Zielgruppe – uns Müttern.

Ich habe meine Bucket List für 2018 jetzt erstmal ein bisschen ausgemistet und weniger Projekte und dafür mehr Pizza draufgeschrieben. Eine davon legen wir uns gleich auf den Grill und dann starten wir in ein Wochenende an dem der Laptop ausbleibt – und ich glaube, die neue Woche beginne ich mal mit ein bisschen Bewegung.

2 Kommentare

  1. Ein guter Artikel. Gilt manchmal auch für Väter, das mit der selbst getriebenen Überfrachtung. Und dann hocken Männlein und Weiblein abends auf der Couch und wundern sich, warum sie für sich selbst vielleicht zwar gerade mal etwas Zeit, aber eben keine Energie mehr übrig haben.

    1. Ja, du hast recht. Im Grunde ist es auch kein Frauenthema, sondern ein Elternthema. Jeder, der ernsthaft damit beschäftigt ist, Kinder im Leben zu begleiten, bekommt es schwer gemacht, weil es nicht mehr wichtig zu sein scheint.

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