Eltern sein – Familie leben

Der andere Blickwinkel und die eigene Suppe

Die Freitagspizza

Kürzlich saß meine Freundin mit ihrer kleinen Tochter im Café unseres Supermarktes. Neben ihr saßen vier älterer Herren, die sich lautstark darüber unterhielten, dass in unserem Land einfach zu viele Ausländer leben würden und dass die jetzt mal alle ganz schnell nach Hause gehen müssten. Die Tatsache, dass man meiner Freundin ansieht, dass auch sie einen Migrationshintergrund hat, hielt sie nicht ab, sondern stachelte sie vielmehr noch an. Nun ist meine Freundin eine mutige Frau und so erklärte sie den Herren zum Abschied noch schnell unter fließendem und eloquenten Gebrauch ihrer deutschen Muttersprache, dass das nicht besonders schön sei, was sie da so von sich gegeben hatten. Ob es die Ansichten der Herren änderte, sei mal dahingestellt. Von Toleranz, Weltoffenheit oder gar Mitgefühl ist hier jedenfalls nicht viel zu spüren gewesen.

Ähnliches erlebte eine andere Freundin kürzlich. Sie war zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, bei der es um verschiedene Fragen Rund um das heutige “Frau sein” ging. Nun kommt diese Freundin aus eher konservativen Kreisen und die Dame, mit der sie diskutieren sollte, weigerte sich, mit “so einer” zu reden. Der Veranstalter, der sich selbst eher im links-liberalen Spektrum verortet, lud meine Freundin deshalb aus und machte aus der Diskussion einen Vortrag, gehalten von der anderen Dame. Toleranz, Weltoffenheit und Vielfalt blieben also auch hier auf der Strecke.

Ich merke, dass mich solche Geschichten langsam aber sicher mürbe machen. Ich selbst habe immer weniger Lust, mich an Diskussionen zu beteiligen, zu Veranstaltungen zu gehen oder Talkshows im Fernsehen zu schauen, weil ich das Gefühl habe, die Meinungen stehen sowieso im Voraus fest und niemand ist mehr da, um etwas zu verstehen, zu lernen oder gar einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Genau diese anderen Blickwinkel könnten wir aber gut gebrauchen, damit wir nicht hoffnungslos in der eigenen Suppe kochen und immer weiter auseinanderdriften.

Manchmal bin ich mutlos und habe keine Lust mehr, irgendwo eine andere Sicht auf die Dinge ins Gespräch zu bringen. Manchmal habe ich Angst – weil ich das Gefühl habe, dass mir mancher Gedanke, der mich umtreibt, soziale Ächtung einbringen würde. Dabei reden wir nicht darüber, dass ich unmögliches, politisches Gedankengut mit mir rumtragen würde – sondern etwa um die Frage,ob es wirklich nötig ist, jeden Tag eines neues, aus dem Zusammenhang gerissenes, Zitat von Jens Spahn zu kommentieren. Da sind wir noch gar nicht bei den richtig schwierigen emotionalen Themen – wie der Abtreibungsfrage, Fragen zur Leihmutterschaft oder der Aufnahme von Flüchtlingen. Je nachdem, mit wem man es zutun hat, kann einem eine zu konservative, zu liberale oder aber zu idealistische Einstellung zu solchen Fragen ziemlich harten Gegenwind einbringen, bei dem es nicht mehr um den Austausch von Argumenten geht, sondern darum, den Gegenüber sprachlos zu machen.

Doch ich habe beschlossen, mir den Mut nicht nehmen zu lassen. Ich habe beschlossen, es einfach anders zu machen. Ich habe beschlossen, dass ich einfach weiterhin zuhören möchte. Unser Haus war schon immer ein Ort, an den man kommen kann und erstmal sein darf und das soll es auch bleiben – genau wie mein Blog.

Ich möchte, dass meine schwulen Freunde wissen, dass ich sie mit allem was ich habe, immer und in allem, unterstütze und jeder, der ihnen wirklich Böses will ein Problem hat – und zwar mit mir. Ich will auch, dass meine konservative Freundin weiß, dass ich immer für sie da bin und dass sie sich bei mir geborgen fühlen darf, auch mit ihren Vorbehalten und Schwierigkeiten, die sie mit der “Ehe für alle” hat. Ich möchte, dass sich an meinem Esstisch Menschen austauschen können – zum Beispiel meine alte Schulfreundin, die sich auf Facebook für die Abschaffung von §219a stark macht und meine christliche Bloggerkollegin, die kürzlich sehr mutig darüber geschrieben hat, warum sie beim Thema Abtreibung nicht mit ihren feministischen Freundinnen mitgehen kann. Die vier Herren aus dem Café dürfen kommen, wenn sie sachlich über ihre Bedenken sprechen wollen, wenn sie nur Vorurteile austauschen und beleidigen möchten, dürfen sie gern draußen bleiben. Doch meine mutige Freundin darf jederzeit kommen – und auch meine andere Freundin, die in der Flüchtlingskrise 2015 ziemlich skeptisch war und bis heute mit der damaligen Asylpolitik hadert.

Sie dürfen alle kommen und sie selbst sein, weil ich weiß, dass sie offen sind. Dass sie zuhören. Dass sie sich entwickeln wollen und können – und dass sie zu ihren Werten und Überzeugungen stehen, wenn es ihnen wichtig ist. Mein Haus soll ein Ort sein, an dem so etwas möglich ist. Das war es schon immer. Das ist die Grundlage unseres Zusammenlebens, ein Wert an dem wir uns orientieren – und der ist so alt wie die Beziehung, die mein Mann und ich führen – und die einst damit anfing, dass ein junger Christdemokrat, eine studentische Aktivistin, ein paar Grüne und ein Sozialliberaler ein paar Bier im American Diner eines Iraners tranken.

 

 

 

 

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