Eltern sein – Familie leben

Einfach mal machen lassen

Lass dein Kind einfach mal machen. Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört – und selbst gesagt habe ich ihn auch. Denn es stimmt ja auch. Nur wenn wir Kinder selbst etwas machen lassen, lernen sie, wachsen sie, erfahren sie Dinge mit allen Sinnen.

Manchmal kann ich es total gut. Meine Kinder durften von Anfang an versuchen, allein zu essen. Sie durften klecksen, sie durften matschen, sie durften sauen – all das hat mich nicht gestört, wozu gibt es schließlich Putzlappen und Waschmaschinen?

Auch habe ich es früh geschafft, lächelnd am Rand zu sitzen, wenn sie ein Klettergerüst bestiegen haben, über unebenes Gelände gerannt sind oder daheim über Stühle und Tische kletterten. Wenn andere panisch aufspringen und vor ihrem inneren Auge schon Löcher im Kopf sehen, nicke ich und winke.

Doch es gibt Dinge, die mich ganz unruhig werden lassen. Fenster dekorieren zum Beispiel. Wir versuchen zu jeder Jahreszeit die passende Fensterdeko zu finden. Mal basteln wir, mal kleben wir und immer wieder gern kommt Fingerfarbe zum Einsatz. Natürlich überlegen wir gemeinsam, was wir machen wollen und die Kinder dürfen Ideen einbringen. Notgedrungen. Denn es sind ja ihre Fenster. Eigentlich würde ich nämlich viel lieber allein entscheiden, wie wir das machen. Denn unsere Fenster sind groß und von außen gut sichtbar und die Frage, ob wir sie knallbunt anmalen oder nur dezent bekleben, macht etwas mit unserem Haus. Hätte ich all das vorher gewusst, hätte ich sie alle drei im Keller einquartiert.

Wenn wir uns dann auf das WAS geeinigt haben, was ich mit viel veratmen noch halbwegs schaffe, kommt die wirkliche Herausforderung – das WIE. Denn natürlich wollen unsere Kinder ihre Experimente komplett allein machen und brauchen mich allenfalls als Assistentin. So soll es ja auch sein – es ist gut für sie. Und es erzeugt bei mir eine gewisse, klitzekleine Nervosität – die bei einer Blutdruckmessung sicherlich eine klinische Relevanz hätte. Denn einer Dreijährigen eine Dose Fingerfarbe und einen Pinsel in die Hand zu drücken bedeutet, dass das Fenster am Ende nicht so aussieht wie die Fenster, die ich auf Pinterest gesehen habe, als wir nach Meeresbildern mit Handabdrücken gesucht haben. Es bedeutet viel mehr, dass man sich überlegen muss, ob man dem Spaziergänger, der das Fensterbild betrachtet eine kurze Bildinterpretation in die Hand drücken möchte oder ob man es bevorzugt, die Kunst unkommentiert auf den Betrachter wirken zu lassen. 

Nun sind meine Kinder vieles – unter anderem Willensstark – und so kommt es, dass jeglicher Versuch meinerseits, auf die Kunstversuche am Zimmerfenster einzuwirken, wahrscheinlich mit ein bis zwei Dosen Farbe über meinem Kopf enden würden, mit viel Geschrei und damit, dass die Kinder dass saisonale Fenstergestalten später einmal als traumatisches Kindheitserlebnis mit ihrer Therapeutin besprechen müssten. Und deswegen habe ich mir angewöhnt, auch beim WIE ganz viel zu atmen. Ihr erinnert euch sicherlich an meine These, dass man die Atemtechniken aus dem Geburtsvorbereitungskurs mindestens 18 Jahre braucht? Sie findet auch hier wieder ihre Bestätigung.

Also lasse ich sie machen. Ab und zu gebe ich ein paar Tipps – und ganz selten mal wird sogar einer umgesetzt. Manchmal, aber wirklich nur manchmal, in Momenten tiefster Schwäche, greife ich mir einen Pinsel oder klebe Bilder um oder korrigiere ein gefaltetes Vögelchen. Natürlich nur, wenn sie nicht hinschauen. Allerdings schauen sie eigentlich immer hin und merken tun sie ohnehin alles. Mama, wer hat den Kopf an die Meerjungfrau gemalt? 

Und während ich sie so machen lasse und mir im Kopf eine Strategie überlege, wie ich ihnen im Herbst aber wirklich mal meine Ideen unterschummeln könnte, kommt es manchmal vor, dass tatsächlich etwas ganz Tolles entsteht und dass ich einigermaßen beeindruckt bin. Dann stehe ich da, sehe das Kinderzimmerfenster und stelle fest, dass einfach alles passt. Nein, es ist nicht Pinterest like bei uns – es ist was anderes – es ist echt und das ist so viel besser!

5 Kommentare

  1. Da kriege ich nervöse Zuckungen, wenn ich an die kleinen Eimer mit Fensterfarbe in den kleinen Händen unserer Tochter denke!

    Also Atemübungen, ja?

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