Eltern sein – Familie leben

Die Kraft der Rituale

Kinder brauchen Regeln – diesen Satz hört man genauso oft wie seinen großen Bruder, den mit den Grenzen. Regeln, so heißt es, geben unseren Kindern Halt und Struktur. Je mehr ich mit Familien zutun habe und je länger ich selbst Mutter bin, desto klarer wird mir jedoch, dass es etwas anderes gibt, was Kinder brauchen und was ihnen Halt und Struktur gibt. Kinder brauchen Rituale!

Kinder lieben Rituale.

Kinder lieben Rituale, weil sie Wiederholungen lieben. Zum dreißigsten Mal dieselbe Einschlafgeschichte, zum siebten Mal dasselbe Gesellschaftsspiel und am liebsten immer wieder diesen einen wunderschönen Film. Rituale geben ihnen außerdem Orientierung in einem ansonsten für ihr Empfinden oft hektischen und überspulten Alltag. Rituale helfen Kindern, das zu tun, was wir ansonsten anhand von Regeln und Konsequenzen in die Hausordnung ihrer Kindheit schreiben müssten – und das tolle, im Gegenteil zu selbigen sind Rituale meist sehr positiv besetzt.

Doch was sind Rituale?

Rituale sind kleine (oder größere) Begleiter in Übergangssituationen. Sie helfen uns und unseren Kindern, von einem Moment, einer Phase oder einem Abschnitt in den nächsten zu finden. Sie sind Alltagshelfer, die besonders kleinen Kindern, denen oft noch das Gefühl für Zeit und Raum fehlt, als Anker dienen. Wenn wir uns um den Tisch setzen, beten und etwas Warmes zu uns nehmen, ist Mittagszeit. Wenn wir abends kuschelnd auf dem Bett sitzen und abwechselnd vorlesen und erzählen, geht der Tag zu Ende und wenn Mama eine Übernachtungsparty ankündigt heißt das, dass Papa für ein paar Tage nicht bei uns sein wird und dann wiederkommt.

Tägliche Rituale

Rituale können sowohl tägliche Momente sein, als auch im Wochen- oder Jahreslauf wiederkehrende. Zu unseren täglichen Ritualen als Familie zählen Tischgebete, morgens zumindest ein paar Minuten alle zusammen am Tisch sitzen, das Vom-Tag-erzählen in der Küche wenn alle wieder zu Hause sind und Vorlese- und Kuschelrunden am Abend. Weil all diese Dinge schön sind, brauchen sie keine Regeln dahinter – denn jeder möchte gern gemeinsam am Tisch sitzen, jeder möchte abends mit dabei sein und jeder weiß, dass es dafür zum Beispiel nötig ist, sich einigermaßen zügig bettfertig zu machen, sich vor dem Essen die Hände zu waschen oder in der Küche, wenn alle wild durcheinander vom Tag erzählen wollen, auch mal kurz leise zu sein.

Wiederkehrende Rituale

Neben täglicher Orientierung ist es auch gut, wenn Kinder sich im Laufe von Wochen, Monaten und Jahreszeiten zurecht finden können und Anker haben. Unser größtes Familienritual läutet das Wochenende ein – und dürfte hier auf dem Blog recht bekannt sein: Es ist die Freitagspizza. Sie ist für uns alle ein sicheres Zeichen, dass die Anspannung der Arbeits- und Schulwoche jetzt abfallen darf, dass wir am nächsten Morgen nicht aufstehen müssen und dass zwei Tage folgen, die wir selbstbestimmt verplanen dürfen – und in denen ganz viel Zeit für uns als Familie bleibt. Spätestens, wenn Mama in der Küche den Teig knetet, Papa von der Arbeit kommt und eine Flasche Wein entkorkt und das erste Kind fragt, ob es heute etwa Pizza gibt, wissen alle, was die Stunde geschlagen hat. Es kommt schon einmal vor, dass ein bis zwei Kinder dann laut jubelnd durchs Haus rennen und zwar nicht nur, wegen der leckeren Pizza.

Auch im weiteren Jahreslauf sind Rituale gute Übergangsbegleiter. Ein fester Ablauf am Geburtstagsmorgen oder über die Weihnachtsfeiertage, der schön gestaltete Freitag, an dem es Ferien gibt und die Grüne Soße am Gründonnerstag zeigen den Kindern nicht nur, in welcher Phase des Jahres sie sich gerade befinden, sondern können auch wunderschöne Steinchen im Mosaik ihrer Kindheit sein.

Und nun bin ich neugierig – welche Rituale gehören zu eurem Familienalltag?

6 Kommentare

  1. Bei uns gibt es viele Rituale – das beginnt schon am Morgen mit einer Runde Kuscheln im Bett, bevor wir aufstehen. Auch frühstücken meine Kinder gerne immer dasselbe, meine Tochter zur Zeit gerade warmen Haferbrei, genau wie ich. Die Abende sind bei uns sehr ritualisiert und am Wochenende gibt es nochmal andere Rituale als unter der Woche. Wir dekorieren das Haus je nach Jahreszeit und anstehenden Festen gemeinsam und zu Geburtstagen gibt es IMMER einen Marmorkuchen nach dem Rezept meiner Oma (beim Backen helfen die Kinder auch immer). Wenn der Löwenjunge Geburtstag hat, essen wir abends immer Pizza vom Lieblingsitaliener. Und wenn mal kein Kindergarten ist oder ein Kind krank ist, darf es mich auf den WOchenmarkt begleiten, wir kaufen gemeinsam ein und frühstücken dann in meinem LIeblingscafé.

  2. Toll auf den Punkt gebracht! Ich hab mir grad gedacht, das ist nicht nur für zu Hause sinnvoll, das ist mir auch in der Schule aufgefallen, wie wichtig Rituale sind. Und wie entlastend auch! Ich fand bei uns z.B. das Ins-Bett-bringen nie sonderlich anstrengend und die Kinder fanden es anscheinend nie sonderlich schlimm. (Klar gibt es Ausnahmen… mit Baby fand ich es z.B. anstrengend.) Gerade da find ich Rituale total hilfreich und schön. Was mir noch so einfällt: Döneressen oder das große M am Zeugnistag (egal wie selbiges aussieht). Unsere “Das-ist-ein-besonderer-Tag – Kerze”, die wir anzünden, wenn es sich einer wünscht (wenn es Großes oder Kleines zu feiern gib… egal ob eine gute Note, das Wochenende, den Frühlingsanfang – feiern macht ja immer Spaß). Liebe Grüße und danke für den Anstoß, den ich mir in die Schule mitnehmen möchte… Martha

  3. Kaffeepause nach der Kita. 🙂 Kind ist immer hungrig nach der Kita und so sitzen wir zusammen am Tisch, essend und Kaffee trinkend. 🙂

    1. Oh, das finde ich auch ein sehr schönes Ritual. Spätestens, wenn Kind 1 auf die weiterführende Schule geht, brauchen wir auch so ein Nachmittagsritual, denn ich fürchte, dann werden wir keine gemeinsamen Mittagessen mehr haben :-(.

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