Eltern sein – Familie leben

Warum ich nicht faste

Ich faste nicht! Nicht dieses Jahr, nicht letztes Jahr, nicht im Jahr davor und im Jahr vor dem Jahr davor, da schon gar nicht.

Ich tue das nicht, weil ich das Fasten generell als sinnlos, nicht biblisch, rein geschichtlich gewachsen betrachten würde, sondern ich faste schlicht nicht, weil ich es nicht durchhalten würde. Ich habe in den letzten neun Jahren einige Anläufe genommen und einmal, einmal war ich sogar richtig gut und habe, bis auf einen Riegel und einen Muffin, sieben Wochen komplett auf Süßigkeiten verzichtet – und mich danach mit einer riesigen Tafel Schokolade auf die Couch fallen lassen und da weitergemacht, wo ich am Aschermittwoch aufgehört hatte.

Alle anderen Versuche, auf Zucker, Fleisch oder Facebook zu verzichten, endeten in den letzten neun Jahren aber entweder mit einer Schachtel Pralinen, Spaghetti Bolognese oder dem Anblick eines positiven Schwangerschaftstests und der daraus entstehenden Erkenntnis, dass ich jetzt leider, leider nicht mehr fasten darf.

Wenn es keine zweite blaue Linie war, die mich von meinem Verzicht auf Dinge abgehalten hat, dann waren es meistens eine Reihe stressiger Tage, ein Grippevirus, der die ganze Familie lahmlegte, die Tatsache, dass ich die schlechte Laune, die der Verzicht mir bescherte, an meinen Kinder ausließ oder ein plötzlicher Müdigkeitsanfall, der nur durch viel Zucker gestoppt werden konnte.

Eigentlich lässt sich meine Weigerung zum Verzicht aber auf einen ganz simplen Satz runterbrechen. Ich bin Mama!

Und als Mama faste ich eigentlich täglich. Ich faste schlafen. Ich faste in Ruhe in den Tag starten. Ich faste exzessiv Serien gucken. Ich faste tagelang in Büchern zu versinken. Ich faste spontane Städtetripps. Ich faste die Nächte durchtanzen. Ich faste Gedanken in Ruhe zu Ende denken. Ich faste nächtelanges Reden mit Freundinnen. Ich faste immer wieder Zweisamkeit mit meinem Mann. Ich faste Selbstbestimmung.

Das soll keiner dieser typischen Jammerbeiträge einer Mama werden, die der Welt zeigen will, wie verzichtsreich ihr Leben ist, denn so empfinde ich es nicht. Mit all diesem Fasten in meinem Leben bin ich sehr glücklich und zufrieden. Einige der oben aufgezählten Dinge vermisse ich nicht besonders, andere sehr und bei manchen sorge ich dafür, dass ich sie trotzdem von Zeit zu Zeit habe. Fakt ist jedoch, dass es manchmal anstrengend ist – sehr anstrengend sogar. Und Fakt ist auch, dass da gerade kein Raum ist, um noch mehr zu fasten. Mir fehlt schlicht die Kraft, mir einen weiteren Verzicht aufzuerlegen. Die Kraft, aber auch der Raum um das, was der Verzicht bewirken soll, nämlich tiefere spirituelle Erfahrungen, überhaupt wahrnehmen zu können.

Meine Begegnungen mit Gott finden in meinem Alltag statt, da wo ich lebe und wo ich wirke. Ich fühle sie in den erschöpften Momenten kurz vorm Einschlafen, wenn ich ein letztes Mal aus dem Dachfenster in den Sternenhimmel schaue und den Tag loslasse oder in der Sekunde, in der ich mich entscheide, nicht durchzudrehen, obwohl Durchdrehen das Einzige ist, an das ich angesichts des Chaos um mich herum noch denken kann. Ich fühle diese Begegnungen in diesen geschenkten ruhigen Minuten, in denen ich vor die Tür gehe, die frische Luft atme und Winterkälte oder Sommersonne auf meiner Nase spüre. Ich fühle sie in der Musik, die ich höre, wenn ich die Spülmaschine ein- oder ausräume oder den Frühstückstisch abräume. Ich fühle sie immer dann, wenn ich denke, dass ich jetzt nicht mehr kann – und doch noch stundenlang muss. Ich brauche keinen künstlich herbeigeführten Mangel, um dem Heiligen Geist in meinem Leben neuen Raum zu geben, denn dieser Raum ist derzeit klar abgesteckt und nicht erweiterbar. Ich habe meinen Weg als Mutter gefunden, meine Alltagsspiritualität, meine Zeitfenster in einer Lebensphase, in der sich wenig Räume auftun.

Ich glaube daran, dass ich genau an diesen Ort gehöre, an dem ich jetzt gerade bin. Ich glaube daran, dass ich da wirken soll, wo ich hingestellt wurde. In meiner Familie, in der Gemeinde, in meiner freiberuflichen Tätigkeit für Familien. Ich glaube daran, dass ich all meine Kraft für diese Herausforderungen aufwenden soll und darf – und dass ich mir keinen weiteren Kraftakt auferlegen muss, für den ich derzeit nicht bereit bin.

 

12 Kommentare

  1. Ein toller Artikel. Aber ich möchte gerne auch meine Gedanken dazu weitergeben: Meine Frau und ich haben erlebt, wie es für uns wichtig war und ist, alles in unserem Leben auf dem Prüfstand zu stellen um Jesus zu folgen. Auch: brauchen wir das Haus in dem wir wohnen? Will Gott wirklich das wir uns hier und da in der Gemeinde engagieren? Welche Entscheidungen können wir treffen, so das das Berufliche möglichst wenig Zeit einnimmt und wir möglichst viel Zeit haben für unsere drei Kinder und weitere Begegnungen mit Menschen. Menschen die offen für Jesus sind und Menschen die ihm folgen wollen. Ich glaube eines der größten Probleme in unserer Gesellschaft, aber auch unter uns Christen ist, dass wir unser Leben zu voll packen und wir nicht genügend prüfen, ob wir wirklich alles Jesus untergeordnet haben. Nach Lk 14,26 geht es darum, ALLES im Leben zurückzustellen und Jesus zu folgen. Damit auch alle unsere Wünsche, Ziele und Bedürfnisse, die uns dazu bringen unser Leben so voll zu packen. Die Gefahr ist so groß, dass wir nur noch beschäftigt sind, gerade auch weil der gesellschaftliche Trend ist, die Erziehung von Kindern als etwas zu sehen, was man “nebenbei” machen kann.

    1. Lieber Matthias, vielen Dank für deinen Kommentar und deine Gedanken. Du hast recht, es ist wichtig, immer wieder genau hinzuschauen und sich selbst zu prüfen, ob man noch auf dem richtigen Weg ist oder ob man gerade irgendeinem Trend oder Zeitgeist hinterher rennt. Schön, dass ihr aus dem Glauben heraus diese Kraft habt und das gemeinsam teilt. Ich gebe dir recht, dass gerade die Lebensphase, in der man Eltern von kleinen (oder auch größeren) Kindern ist, nichts ist, was man neben 20 anderen Baustellen wuppen kann. Das musste ich auch lernen und fühle mich im Moment mit meiner Entscheidung, Familie an erste Stelle zu stellen, sehr wohl und auch richtig in dem Sinn, dass ich glaube, dass genau das mein Ort ist, an den ich gestellt bin.
      Viele Grüße an euch!

  2. Kann ich alles gut nachvollziehen.

    Bei mir geht es, aber nur in der Fastenzeit. Vor vier oder fünf Jahren habe ich mal versucht, in den sieben Wochen vor Ostern Süßigkeiten und Alkohol zu fasten. Parallel habe ich mir im Verlag Andere Zeiten die sog. Fastenbriefe bestellt, um mir nicht nur etwas zu versagen, sondern auch etwas Neues zu machen. Die Kombination hat gut funktioniert und seitdem mache ich das jedes Jahr und freue mich auf eine Art schon darauf, insbesondere auf den Gewichtsverlust und das gewisse Autonomiegefühl, das damit verbunden ist. Mit dem Inneren Schweinehund brauche ich inzwischen auch nicht mehr diskutieren, es ist einfach klar, was gerade angesagt ist.

  3. Hallo Daniela! Vielen Dank für diesen tollen Text! Der hat mir grad sehr gut getan! Du hast mich daran erinnert, dass ich die Gottesmomente im Alltag versuche bewußt wahrzunehmen. Ich bin über den Link von smoorbear bei Deinem Blog gelandet. Ich denk, ich schau öfter mal vorbei! Viele Grüße Kerstin

    1. Liebe Kerstin, vielen Dank für deinen Kommentar. Wie schön, dass du her gefunden hast und aus meinem Beitrag etwas mitnehmen kannst. Ich wünsche dir, dass es dir in dieser Fastenzeit und darüber hinaus gut gelingt, Gott im (oft gar nicht so öden) Alltag zu spüren.

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