Eltern sein – Familie leben

Wenn Eltern bloggen

Ich hatte noch nie Probleme, die richtigen Worten zu finden – besonders dann nicht, wenn ich sie daheim vor meinem Laptop suchen durfte. Schreiben, dass ist seit so vielen Jahren ein so wichtiger und unverzichtbarer Teil meines Lebens, dass ich gar nicht mehr weiß, was ich getan habe, bevor ich schrieb.

Wenn ich genauer darüber nachdenke, dann gab es auch nie wirklich ein Davor. Das einzige Davor war in der Zeit, in der ich noch nicht zur Schule ging. Doch auch damals habe ich mich den ganzen Tag mit Worten beschäftigt. Ich habe erzählt – ich habe geredet – viel geredet – und ich hatte Fantasie. In erdachten Geschichten habe ich die Welt verarbeitet, wie ich sie erlebt habe und diese Geschichten habe ich weitererzählt. Manchmal kam es dabei zu Verwirrungen und Missverständnissen. Wie damals, als die Nachbarskinder auf einmal dachten, ich besäße einen lebendigen Affen.

Um Missverständnisse zu vermeiden, habe ich irgendwann lieber geschrieben und zwar vor allem an mich selbst. Meine Tagebücher aus Kindertagen füllen ganze Kisten, die noch immer auf dem Dachboden meiner Eltern stehen und darauf warten, dass ich sie irgendwann dort abhole um sie bei mir zu verwahren oder sie in ein großes Lagerfeuer zu werfen, falls ich feststellen sollte, dass mein 12 Jahre altes Ich nicht für die Nachwelt überdauern sollte.

Im Internet haben wir diese Option nicht. Was wir hier verfassen, überdauert für die Nachwelt. Es ist zwar äußerst unwahrscheinlich, dass sich in zwanzig Jahren irgendjemand für das Gesülze einer Eltern- und Familienberaterin aus Nordhessen interessiert – aber theoretisch könnte jeder jeden Satz, den ich einmal geschrieben habe, herauskramen – zu welchem Zweck auch immer.

Nun ist es so, dass ich bekanntlich sehr meinungsstark bin und selten ein Blatt vor den Mund nehme. Ich lebe gut damit, dass zum Beispiel mein mein Artikel über die kranken Kinder, die nach Hause gehören, ein paar Hunderttausend Klicks bekommen hat und auch immer noch bekommt und ich lebe mit den mittlerweile weit über 100 Kommentaren hier und den in die Tausende gehenden Kommentaren dazu in sozialen Netzwerken. Die überwiegende Mehrheit ist wohlwollend und bestätigend – aber natürlich gibt es auch die anderen. Die, die sich von meinem Artikel getriggert fühlen. Die, die in als Angriff gegen Eltern werten. Die, die finden, ich mache es mir damit zu einfach. Nicht jeder ist immer gut in der Lage, seine Meinung im Internet sachlich zu vertreten und mancher Kommentar, den ich erhalten habe, ist absurd und ein klein bisschen kränkend. Das ist in Ordnung. Das muss man aushalten können, wenn man im Netz eine Position bezieht.

Wenn es um sich selbst geht, kann ich das gut aushalten. Allerdings treibt mich dasselbe um, wie fast alle Elternbloggerinnen und -blogger, die ich kenne. Wir sind nicht allein. In unseren Blogs geht es häufig nicht nur um uns, sondern auch um unsere Familien. Wir schreiben entweder explizit über unseren Alltag mit unseren Kindern oder aber nehmen Erlebnisse aus dem Familienleben zum Anlass, fachliche Artikel zu Themen zu schreiben, die damit einen persönlichen Anstrich bekommen. Wir bedienen damit den Wunsch einer breiten Leserschaft, die sich eben keine abgehobene Ratgeberliteratur von ungreifbaren und nicht einschätzbaren Autoren wünscht, sondern authentische Berichte und Anregungen von Leuten, die mitten drin sind und praktisch leben, was sie theoretisch weitergeben. Blogs ersetzen heute vielen Eltern das Dorf, das es braucht, um ein Kind ins Leben zu begleiten. Besonders in meinem Bereich, der bindungs- und beziehungsorientierten Pädagogik, ist das auch dringend nötig, weil wir in unseren Offline-Dörfern oft keine Vorbilder mehr für solche Wege haben.

Doch dieser Weg birgt auch Probleme. Nämlich immer dann, wenn sich das direkte Umfeld, das reale Dorf, von dem getriggert fühlt, was man verfasst. Als Erwachsene bringe ich genügend Ressourcen mit, das auszuhalten – auch wenn ich gestehen muss, dass sich jemand, der offline die Straßenseite wechselt, noch einmal ganz anders anfühlt, als ein anonymer Kommentar unter einem Beitrag. Dennoch – ich nehme kein Blatt vor den Mund und ich trage auch die Folgen. Was aber, wenn auf einmal unsere Kinder ins Spiel kommen? Was wenn wir fürchten müssen, dass das offline Dorf ihnen anders begegnet? Was, wenn die Art und Weise wie wir schreiben, dazu führt, dass unsere Kinder auf einmal zum Politikum werden? Ist Bloggerkind nun das neue Bürgermeisterkind, das neue Pfarrerskind, das neue Dorfpolizistenkind? Also eine Person, die damit leben muss, aufgrund der Profession der Eltern immer etwas kritischer beäugt zu werden, als alle anderen? Ist das der Preis des Bloggens?

Ich merke gerade, dass mir diese Vorstellung, dass dies so sein könnte, nicht leicht fällt. Ich merke auch, dass ich es meinen Kritikern dennoch nicht so einfach machen will. Ich möchte mir nicht den Mund verbieten lassen, mich nicht zensieren lassen, mich nicht zurücknehmen. Ich möchte mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg halten, denn all das, was ich hier schreibe, ist nicht das Produkt eines kurzfristigen, impulsiven Spatzes in meinem Gehirn, sonder das Resultat langer Recherchen, vieler Gedanken und Gespräche und letztlich eines Studiums, einer Ausbildung und neun Jahren Lebenserfahrung als Mutter.

Ich stehe zu dem, was ich hier schreibe – und ich werde noch stärker darauf achten, immer Position FÜR etwas zu beziehen, statt GEGEN jemanden. Ich denke, das ist gerade im Netz sehr wichtig. Damit kann ich vermeiden, dass sich Blogbeiträge wie persönliche Angriffe lesen. Ich kann jedoch nicht vermeiden, dass sich Menschen getriggert fühlen. Das schaffe ich nicht, denn das, was uns als Erwachsene triggert, ist so individuell und oft so speziell, dass ich es gar nicht in Gänze absehen kann. Ich konnte es bisher nicht vermeiden und ich werde es in Zukunft nicht können. Ich kann nur hoffen, dass die Menschen, die mir im persönlichen Umfeld wirklich wichtig sind, auch in Zukunft das Gespräch suchen werden und nicht die Straßenseite wechseln.

Für all diese Gedanken habe ich gerade Zeit gebraucht, sehr viel Zeit. Ich habe sie in der Wüste gefunden, inmitten von Sprachlosigkeit, Sorgen und Angst habe ich erkannt, dass ich niemand anders sein kann, als die, die ich bin und das auch dieser Blog nichts anderes werden muss, als das, was er ist: Der persönliche Blog der Eltern- und Familienberaterin Daniela Albert. Meine Möglichkeit, mit meinen Gedanken und Ratschlägen mehr Menschen zu erreichen als nur die, die meine Sprechstunden besuchen. Mein Ort, an dem ich mich euch zeigen kann. Mein Ort, an dem ihr erkennen könnt, dass auch ich mit Wasser koche (einem großen Topf voll Wasser, der immer wieder überkocht) und dass all das, was ich euch weitergebe, aus einem authentischen Leben stammt und mehrfach getestet wurde und nicht nur das Produkt theoretischer Studien ist. Mein Blog ist auch euer Ort. Der Ort, an dem ihr euch wiedererkennen dürft. Der Ort, an dem ihr suchen dürft, wenn ihr das Gefühl habt, mit dem ganzen Mist allein zu sein und der Ort an dem ihr mich quasi testen dürft und schauen, ob ich die richtige Ansprechpartnerin für eure Sorgen und Nöte bin.

Ab heute bin ich zurück – an meinem Ort, in meinem virtuellen Wohnzimmer. Die Worte haben mich wieder und ich habe sie zurück – die Worte, die doch schon immer so eine große Rolle in meinem Leben gespielt haben.

 

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