Eltern sein – Familie leben

Was wir Eltern durch Orkan Friederike lernen können

Der Sturm hat sich beruhigt und die Wogen glätten sich allmählich, auch wenn es überall noch viel Gesprächsbedarf über das Vorgehen von Behörden, Schulleitungen, Lehrern und Eltern während des Orkans Friederike gibt. Nicht nur in NRW, dessen Behördenversagen gerade deutschlandweit Schlagzeilen macht, gibt es massive Kritik von Seiten der Eltern und Lehrer, auch in Hessen kann nicht von einem einheitlichen, sinnvollen Katastrophenmanagement gesprochen werden. Schüler wurden mitten zur Hauptzeit des Orkans nach Hause geschickt, Schulen schlossen nicht rechtzeitig, überhaupt nicht oder kommunizierten ihr Vorgehen nicht ausreichend, dass kein Kind an diesem Tag zu Schaden kam, grenzt an ein Wunder. All das bedarf einer gründlichen Klärung und vor allem ist es wichtig, dass alle Beteiligten daraus lernen, denn wie in dem verlinkten Focus-Artikel geschrieben steht, der nächste Sturm kommt bestimmt.

Auch wir Eltern haben an diesem Tag falsch gehandelt

Alle Beteiligten sollen lernen – so ist es – und dazu zählen auch wir Eltern, denn eins müssen wir hier und heute eingestehen: Auch viele von uns hatten an diesem Tag ein dickes Brett vor dem Kopf. Ich eingeschlossen. Auch ich habe am Donnerstagmorgen zu Hause gesessen und gewartet. Gewartet auf den Anruf unserer Schulleiterin, dass wir die Telefonkette in Gang setzen sollen und somit alle Eltern informieren, dass die Schule aufgrund des Orkans ausfällt. Als diese nicht kam, hatte ich das Gefühl, verpflichtet zu sein, meine Kinder in die Schule zu schicken, obwohl mein Bauch laut und deutlich schrie, ich solle sie daheim lassen. Ich habe sie also zur Schule gefahren und dort auch wieder abgeholt. Während ich sie mir unter den Arm klemmte und zusah, dass ich nach Hause kam, flogen Dächer von Gartenhäusern durch die Luft, Mülltonnen segelten haltlos über die Straßen, Dachziegeln fielen runter und dicke Bäume knickten wie Streichhölzer im Wind einfach ab, versperrten zentrale Straßen und Wege und richteten erheblichen Sachschaden an. Wir haben uns einige Minuten lang in einer Situation befunden, die potentiell lebensgefährlich war, das lässt sich weder beschönigen, noch wegdiskutieren.  In dieser Situation hätten wir nicht sein müssen, sie hätte uns erspart bleiben können, wenn ich an diesem Morgen auf mein Bauchgefühl gehört hätte – und meine Kinder zu Hause geblieben wären.

Wir Eltern tragen die Verantwortung für den Schulweg – das gibt uns Rechte und Pflichten

Das, was ich den ganzen Tag als Bauchgefühl mit mir herum trug, war im Grunde meine Verantwortung, als Mutter dieser Kinder. Denn diese Verantwortung für den sicheren Schulweg trägt nicht die Schule, nicht das Schulamt, nicht der Landkreis oder der Staat, diese Verantwortung trage ich. Daraus, dass ich sie trage, erwachsen verschiedene Rechte und Pflichten. Ich muss dafür sorgen, dass meine Kinder täglich zur Schule kommen. Ich muss dafür sorgen, dass sie auf Weg dahin sicher sind. Ich darf nicht fahrlässig handeln und sie zum Beispiel nicht zu Fuß in der Dunkelheit über Felder in den Nachbarort laufen lassen. Und ich habe ein Recht – ich darf sie vom Schulbesuch abmelden, wenn ich an einem bestimmten Tag der Meinung bin, dass der Weg dorthin oder nach Hause sie in Gefahr bringt. Das ist etwas, was ich ganz allein entscheiden darf. Mir war das an diesem Morgen nicht bewusst – und das es mir und ganz vielen anderen Eltern nicht bewusst war, gibt mir zu denken.

Natürlich, in Deutschland herrscht allgemeine Schulpflicht und das bedeutet, dass wir Eltern, anders als in anderen Staaten, nicht frei darüber entscheiden können, ob unsere Kinder eine Schule besuchen oder nicht. Es bedeutet auch, dass der Staat den Schulbesuch unserer Kinder notfalls mit Gewalt durchsetzen kann. Seine Kinder dauerhaft nicht in die Schule zu schicken, ist in Deutschland eine Straftat – seine Kinder einen Tag zu Hause zu lassen, weil man den Schulweg nicht für zumutbar hält, hingegen nicht.

Wir Eltern müssen die Führung wieder übernehmen

Wir leben in einer Zeit, in der Eltern zunehmend verunsichert sind. Wir leben in einer Zeit, in der wir ihnen suggerieren, dass schon ihre Babys und Kleinkinder mehr von professioneller Betreuung, als von ihrer liebevollen, aber laienhaften Begleitung profitieren. Wir leben in einer Zeit, in der Politiker die Lufthoheit über Kinderbetten fordern und in der Ärzte und Pädagogen starren Zahlen in Tabellen mehr Bedeutung schenken, als dem Bauchgefühl der primären Bindungspersonen. Wir leben in einer Zeit, in der ziemlich viele Menschen an ziemlich vielen Orten glauben, sie wüssten besser, was gut für unsere Kinder ist, als wir. Kein Wunder, dass wir uns in so einer Situation auf einmal machtlos und nicht in der Verantwortung fühlen und dass wir uns wünschen, dass jemand anders für uns entscheidet. Und natürlich wäre es im Falle des Orkans Friederike tatsächlich wünschenswert gewesen dass jemand die Führung übernimmt und dafür sorgt, dass sich an diesem Tag überhaupt niemand unnötig in Gefahr bringen muss. Wir haben aber leider am letzten Donnerstag erlebt, dass wir uns darauf nicht verlassen können. Genau deswegen müssen wir als Eltern zukünftig wieder selbst entscheiden, was für unsere Kinder an so einem Tag das beste ist.

Als ich selbst noch zur Schule ging, bestand meine Grundschulklasse zur Hälfte aus uns Fußgängerkindern und zur anderen Hälfte aus den Fahrschülern aus dem benachbarten Ortsteil. In meinen sechs Jahren Grundschule kam es vielleicht drei bis vier Mal vor, dass die Plätze der Schulbuskinder leer blieben. Sie kamen nicht, denn aufgrund von schwierigen Witterungsverhältnissen fuhren die Busse nicht – und ihre Eltern hätten im Traum nicht daran gedacht, ihre Kinder stattdessen mit dem Auto zu bringen. Was zu gefährlich für den Schulbus war, war auf zu gefährlich fürs Auto. Von der Selbstverständlichkeit, so eine Entscheidung zu treffen, dürfen wir uns von unserer Elterngeneration gern eine Scheibe abschneiden.

Nächstes Mal sollten alle ihre Verantwortung kennen

Nun ist und bleibt ein Orkantief allerdings eine sehr viel abstraktere Bedrohung, als Glatteis, was in der Regel eindeutig sichtbar ist. Nicht alle Eltern bekommen immer alle Wetterwarnungen mit. Nicht jeder ist sich darüber bewusst, wie gefährlich ein Orkan sein kann. Manch einer wird auch am Donnerstag vielleicht gedacht haben, dass nur ein harmloses Lüftchen aufzieht. Und genau deshalb braucht es Menschen, die dafür Sorge tragen, dass alle Kinder an einem geborgenen und sicheren Ort sind, egal ob dieser sich im Elternhaus, in einer notfallmäßig eingerichteten Schulbetreuung oder bei Menschen befindet, die kurzfristig einspringen und sich kümmern. Das funktioniert aber nur, wenn alle ihre Verantwortung kennen. Wenn auf der obersten Ebene konkrete Entscheidungen getroffen werden, wenn diese auf mittlere Ebene kommuniziert und umgesetzt werden und wenn wir als Eltern diesen Prozess wachsam begleiten und notfalls unsere eigenen Entscheidungen treffen, wenn wir das Gefühl haben, dass das was passiert, unsere Kinder nicht ausreichend schützt.

Ein Kommentar

  1. Ein sehr wichtiges Thema! Ich selbst hab mir als Kind auf dem Schulweg bei Glatteis mal das Bein gebrochen. Wenn ich unsicher bin, ob ich die Kinder zur Schule schicken kann oder nicht, dann bleiben sie zu Hause. Unabhängig davon, was die offizielle Ansage ist… Liebe Grüße, Martha

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