Eltern sein – Familie leben

Gemeinsam alt werden

Neulich hatte ich ein sehr berührendes Erlebnis. Ich wollte das kleine Mädchen aus dem Kindergarten holen und nur nochmal schnell in den Supermarkt hüpfen, um eine Kleinigkeit fürs Mittagessen zu besorgen. Meine Kleinigkeit war schnell gefunden, die Schlange an der Kasse allerdings lang. Wie toll, dass mich gleich zwei jüngere Frauen, die beide mit vollen Wägen vor mir standen, vorbei ließen. Doch nicht nur ich wurde vorgelassen, sondern auch eine alte Dame, sicher knapp in ihren Achtzigern.  Sie legte zwei Tiefkühlgerichte aufs Band und ich entschied mich kurzentschlossen, sie damit vorbei zu lassen, schließlich sollte das ja schnell wieder in den Gefrierschrank und die Minute hatte ich noch. Da vor uns trotzdem noch ein voller Wagen entladen wurde, kamen wir ins Gespräch. Hirschgulasch, wie lecker, erklärte ich mit Blick auf ihren Einkauf. Ja, entgegnete sie schüchtern lächelnd. Habe sie früher selbst gemacht, aber dieses Jahr sind ihr Mann und sie an Heilig Abend allein, die Kinder kommen erst an den Feiertagen und da lohne es sich nicht – und die Kraft lasse ja auch nach. Während wir so redeten und ich von meinem vollen Haus und den drei Kindern erzählte, kam besagter Mann um die Ecke. Er fragte sie, ob sie alles habe und sie sah ihn an und antwortete.
Ja, wir sind fertig, mein Schatz.
Gemeinsam verließen sie den Markt und mein Herz explodierte fast aufgrund der Zuneigung und Liebe, die ich in diesem Satz spürte.

Ich eilte zur Kita, um mein Kind zu holen – doch auf dem Heimweg schaffte ich es kaum, ihren Erzählungen zu folgen. Meine Gedanken wanderten immer wieder zu dem alten Paar aus dem Supermarkt. Das ist er, dachte ich, mein Wunsch ans Leben. Die Erhörung meiner Gebete. Ich spürte die kleine Hand in meiner und dachte weiter – denn natürlich ist das nicht mein einziges Gebet, denn der Wunsch, dass die kleinen Menschen, die ich ins Leben begleite, dort gesund und munter ankommen und mich um Jahrzehnte überleben, drängt genauso stark.

Doch der Wunsch, gemeinsam alt zu werden – und zwar in Liebe alt zu werden – erscheint mir an vielen Tagen viel abwegiger, als der, dass es meinen Kindern gut gehen wird. Es hat nichts damit zutun, dass ich unserer Beziehung misstrauen oder ständig die Gefahr von Unfällen oder schweren Krankheiten wittern würde, es ist viel mehr etwas Schleichendes, Unterschwelliges, ein Zwischenton zwischen den Zeilen meiner Online-Aktivität, der den Gedanken geschaffen hat, dass lebenslange Beziehungen ein Mythos sind.

Ich glaube, ich lese schon viel zu lange eher die Texte derer, die uns vor dem Scheitern und den Folgen warnen. Die Texte derer, die meinen wissenschaftlich begründen zu können, warum meine Generation nicht mehr für lebenslange Beziehungen geschaffen ist, die Texte derer, die glauben, dass langjährige Ehen nur von Abhängigkeiten, nicht aber von tiefen Gefühlen zusammengehalten werden. Die Hälfte meiner Twittertimeline hat dieses Jahr unter dem Hashtag #ehefürniemanden getwittert und ebenso viele haben eine Bloggerin für ihre Affaire mit einem verheirateten Mann gefeiert. Frauen, die an ihre Beziehungen glauben und das vielleicht auch noch durch den Umstand ausdrücken, dass sie lange Jahre zu Hause Kinder betreuen und vom Mann finanziell abhängig sind, gelten als naiv und dumm – und da wundert es auch keinen mehr, dass selbst hochrangige Politiker sich genau in dieser Weise über ihre betrogenen Ex-Gattinnen äußern dürfen. Wenn man zu lange in solch einer Filterblase abgehangen hat, verändert das die eigene Sicht auf die Welt. Wie gut, dass die alte Frau mit dem Hirschgulasch kam, um meinen Fokus wieder etwas zu erweitern.

Ich sah mich um – erblickte das Haus unten an der Straßenecke, dass einem Ehepaar weit in den Siebzigern gehört – vor der Tür steht ihr gemeinsames Hobby – ein Wohnwagen. Ich sah den anderen Mann, der die Straße kehrte und von dem ich weiß, dass er sich danach wieder um seine Frau kümmert, die seit einigen Jahren nicht mehr laufen kann. Ich sah meinen Nachbarn, wie er seinen Einkaufstrolley nach Hause zog – zu seiner Frau, mit der zusammen er seit fast fünfzig Jahren durch dick und dünn und hoch und tief geht. Eine Nachbarin kam mir entgegen, sie war beim Sport, sie muss ja fit bleiben, denn schließlich wollen ihr Mann und sie auch noch nach ihrem Renteneintritt weiter mit der Harley durch die Welt fahren. Dann ging ich an der Haustür des hochbetagten Herren vorbei, der mittlerweile allein in seinem Haus wohnt und musste an den tiefen Schmerz denken, den er bei sich trug, als ich ihn das erste Mal nach dem Tod seiner Frau auf der Straße sah und an seine tränenerstickten Worte.

Es ist grausam! 

Ich würde die Vertreterinnen der These, dass es in langjährigen Beziehungen nicht mehr um Liebe, sondern um finanzielle Abhängigkeit, Beruhigungsmittel und Puffbesuche geht, gerne einmal einladen, in die Augen von Menschen zu blicken, die ihre Partner nach langer Ehe verloren haben. Wer dann immer noch nicht versteht, um was es wirklich gegangen ist, hat das ganze Leben nicht verstanden.

Ich denke an meine eigene Familie, an meine Urgroßeltern und ihre über sechzig Jahre andauernde Ehe und an die Tränen meiner Urgroßmutter, in den paar wenigen klaren Momenten, in denen sie kurz verstanden hatte, dass ihr Konrad nicht mehr da war.

Und dann denke ich wieder an meine drei Kinder und dass ich mir wünsche, dass keins von ihnen mit dem Gedanken ins Leben gehen muss, dass es lebenslange Treue und Liebe nicht gibt. Das beides Arbeit ist und nicht immer nur ein rosa Blütenmeer, das sollen sie erfahren dürfen – das müssen sie wissen. Aber den Hashtag #ehefürniemanden sollen sie bitte nie gebrauchen wollen – nur den anderen #ehefüralle, weil ich weiß, dass es nicht zwingend beide Geschlechter braucht, um sich ein Leben lang im Guten, wie im Schlechten die Treue zu halten.

 

3 Kommentare

  1. Das ist ein sehr schöner Artikel, der einen Gedanken beinhaltet, der mich auch immer wieder beschäftigt… Wenn man in einem wohlwollenden Umfeld ist, in dem Beziehungen als was Gutes gelebt werden, macht das andere Gefühle als wenn Zynismus herrscht…
    Hirschgulasch… Die Geschichte wird mir im Gedächtnis bleiben. Die find ich schön.

    Obwohl… Mir würde es um Konzepte gehen, um ein liebevolles Miteinander, auch wenn man “gescheitert” ist miteinander. Wertschätzend den Weg der Trennung zu gehen, den anderen sein lassen können und damit den Kindern eine Grundlage lassen. Ich denke, sich gut verabschieden zu können, hat was mit Reife zu tun. Zynismus hingegen ist nicht reif, sondern bitter…

    1. Liebe Kathi, danke für deine Gedanken! Ja, du hast recht, ich finde es auch wichtig, auch eine Trennung – die es nun einmal geben kann – gut zu begleiten und sich eben nicht in Bitterkeit zu trennen, denn ich glaube gerade ein reifer, gut miteinander verarbeiteter Trennungsprozess hilft auch mit, selbst dann den Glauben nicht zu verlieren, dass die nächste Beziehung eben auch funktionieren kann.

      1. Absolut!! Und bloß weil es irgendwo nicht mehr weitergegangen ist miteinander, heißt das ja nicht, dass man wirklich gescheitert ist. Es ist nur einfach nicht mehr weitergegangen. Ich glaube schon, dass man im Leben mehrere tiefe Beziehungen haben kann, ohne zynisch zu werden, ohne “es nicht gut gemacht” zu haben oder den Glauben an Beziehungen zu verlieren.
        Mich beschäftigen diese Themen sehr, weil ich sehe, dass es keinen guten Weg gibt, keine gute Praxis, und das löst Chaos aus und Leid. Alle wünschen sich die große Liebe, das wird erhöht, man meint, es muss immer rosarot sein. Gleichzeitig gibt es eine enorme Scheidungsrate.
        Vielleicht liegt die Antwort einerseits darin, dass man sich überlegt, was eine Beziehung kann und was nicht. Das ist das Schöne, die Vertrautheit, das Miteinander-sein, das in Deiner Hirschgulasch-Szene herauskommt. Damit es zu der Szene kommt, müssen die zwei gut kommuniziert haben, sie müssen teamfähig gewesen sein, sonst schafft man das nicht.
        Und eine andere Antwort kann sein, dass wir gnädiger sein sollten. Uns nicht so heftig trennen, nicht so wilde Streitereien haben über Geld und darüber, wer wen ausnimmt usw. Vielleicht dass es eine gute Trennungskultur gibt, in der man großzügig ist miteinander und der andere, den man geheiratet hat, nicht plötzlich der größte “Arsch” auf Erden. Dann nehmen die Kinder auch keinen Schaden, wenn die Welt nicht zusammenbricht, wenn alle sein dürfen…

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