Eltern sein – Familie leben

Keine Angst vor Harry und Bibi

Bald steht wieder Halloween vor der Tür, ein Fest, dessen Wurzeln noch immer heiß diskutiert werden. Wahrscheinlich kommt der Brauch aus dem Keltischen und markiert den Abend vor Allerheiligen (All Hallows eve). Ich habe bereits letztes Jahr im Artikel Wenn die Wand dünner wird darüber geschrieben, warum ich ein relativ entspanntes Verhältnis zu dieser Nacht des Jahres habe und finde den in diesem Artikel verlinkten Post von gekreuziegt ebenfalls noch immer aktuell, wichtig und richtig.

 

Vor allem im letzten Jahr, in meiner Arbeit als angehende Eltern- und Familienberaterin und durch meine Aktivitäten im Netz, habe ich aber festgestellt, dass die Angst vor okkulten Praktiken und falschem Glauben christliche Eltern nicht nur im Oktober umtreibt. Viele Eltern sorgen sich auch bei der Auswahl von Kinder- und Jugendliteratur, bei Filmen, Hörspielen oder Serien. So werde ich immer wieder mit Fragen nach Bibi Blocksberg, Harry Potter oder anderen Fantasyromanen konfrontiert. Besonders mein Artikel zu den Büchern von Cassandra Clare wurde in einigen Facebook-Gruppen heiß diskutiert. Viele Eltern fürchten, dass ihre Kinder durch das Eintauchen in eine magische Welt okkulten Denkrichtungen verfallen könnten und so dem Bösen Tür und Tor geöffnet werden könnte – und dass sie im schlimmsten Fall für immer darin verloren gehen könnten. Ich habe hier schon einmal ausführlich darüber geschrieben, warum ich generell nicht davon ausgehe, dass Jesus unsere Kinder so schnell verloren gibt, wie wir das manchmal fürchten. Ein Verbot bestimmter Bücher, Filme oder Hörspiele halte ich darüber hinaus auch aus anderen Gründen für sehr wenig sinnvoll.

Unsere Kinder werden ihr ganzes Leben lang mit Literatur, Fantasie, Theater, Filmen und Serien konfrontiert sein. All das ist selbstverständlicher Teil unserer Kultur geworden – und wenn ihr mich fragt, ein wunderschöner Teil unseres Lebens. Fantasie und Kultur sind Geschenke, die Gott uns gemacht hat und an denen wir uns freuen dürfen. Und unsere Kinder lernen bereits sehr früh, dass nicht alles, was sie in ihren Büchern lesen, der Wahrheit entspricht. Sie tauchen gern ein in eine Welt voller Märchen, voller Prinzessinnen, voller Einhörner, voller Magie – und sie tauchen daraus wieder auf und widmen sich den Schnecken im Garten, der nächsten Matschpfütze, dem gemeinsam gebackenen Kuchen. Einiges von dem, was sie lesen, hören oder schauen, verarbeiten sie im Spiel, genau wie den Alltag, den sie mit uns leben. Sie spielen Prinzessin, Zauberer, Gespenst oder Einhorn, aber auch Vater, Mutter, Kind, Krankenschwester, Feuerwehrmann und Polizei. Viel früher, als wir glauben, fangen sie auch an, in ihrem Kopf zu sortieren, wann sie im Spiel unseren Alltag kopieren und wann sie in eine Fantasiewelt eintauchen. Sie stellen uns in dieser Zeit viele Fragen und spätestens ab der Vorschulzeit beginnen sie zu reflektieren. Wenn man ihr Spiel dann beobachtet merkt man, dass die Art, wie sie spielen sich unterscheidet, sie sprechen und agieren unterschiedlich, je nachdem, ob sie Alltagssituationen nachspielen oder in eine Fantasiewelt eintauchen.

Auch aus einem anderen Grund ist die Idee, dass Bibi Blocksberg und Harry Potter unsere Kinder in die Welt des Okkultismus einführen, sehr abwegig. Es ist eine sehr erwachsene Vorstellung davon, wie Kinder zu alltäglichen Praktiken, Lebens- und Glaubensvorstellungen finden. Während wir Erwachsenen uns Dinge durchaus aus Büchern aneignen, kopieren unsere Kinder uns. Der beste Weg, unsere Kinder von okkulten Praktiken abzuhalten, ist, selbst nichts dergleichen zu tun.

Nun ist es so, dass das Thema mit Kinder noch relativ leicht zu bearbeiten ist. Während wir bei den Kleinen noch nah an ihrem Alltag dran sind, konsumieren Jugendliche ihre Bücher, Filme und Serien bereits viel selbständiger und machen sich eigene, andere Gedanken zu dem, was sie sehen oder lesen. Der beste Weg ist allerdings auch hier nicht das Verbot – im Gegenteil damit erhöhen wir den Reiz und die Anziehungskraft ja noch und geben den Bücher- und Filmhelden erst die Macht, vor der wir solche Angst haben. Viel besser ist es, unsere Kinder auch dann zu begleiten und in ihre Welt einzutauchen. Es ist nie zu spät, selbst mal einen gerade angesagten Teenie-Fantasieroman zu lesen. Das gibt uns die Möglichkeit, uns mit unseren Kindern auszutauschen und die meisten Jugendlichen sind ziemlich dankbar, wenn ihre Eltern ihre Welt verstehen.

Das Böse halten wir nicht von unseren Kindern fern, indem wir sie von Dingen fernhalten, die heute selbstverständlicher Teil ihrer Kultur sind. Viel mehr müssen wir sie stärken, in dem wir ihnen Stabilität, Vertrauen und Interesse entgegen bringen. Wenn wir ihnen zeigen, dass wir die Dinge, die sie umtreiben und begeistern, nicht aus Prinzip oder unreflektierter Angst heraus ablehnen, sondern selbst neugierig darauf sind, bleiben wir mit ihnen im Gespräch – und das ist der beste Weg, sie gut ins Leben zu begleiten.

2 Kommentare

  1. Also, Bibi Blocksberg wohnt auch bei uns *lach*. Viel mehr Sorgen mache ich mir tatsächlich um die großen Kinder. Man weiß nicht einmal mehr, was sie alles konsumieren. Und die kleinen Einblicke, die man hier und da bekommt, sind nicht immer unbedingt rosig… Sie setzen sich allem Möglichen einen großen Teil ihrer Zeit uas und das gefällt mir nicht. Allerdings sind wir auch hier mit Verboten nicht weitergekommen. Inzwischen hat sich manches ein Stück weit wieder normalisiert… Ich erinnere mich an meine Jugendzeit, als ich mir heimlich Steven King aus der Bibliothek auslieh und unter der Bettdecke las (ich bekam zum Teil echt Angstzustände, aber es hatte eine Faszination). Hätte ich lieber lassen sollen, so im Nachhinein. Aber solche Erfahrungen muss vielleicht einfach jeder für sich selbst machen und man tut den Kindern durch Abschottung nicht unbedingt einen Gefallen. Ich denke gerade an die Versuche, eines Vaters, die Musik zu “zensieren”, die die größeren Kinder hören. Nichts Anstößiges sollte dabei sein. Sorry, aber aussichtslos ist das denn… Der Weg für mich: Positive Anreize geben. Solange ich (mit) auswähle, schaue ich darauf, was sie lesen, schauen, konsumieren. Und wenn sie sich nichts mehr sagen lassen wollen, kann man doch ein Stück helfen, sinnvolle Freizeitbeschäftigungen zu finden. (Wir zahlen jetzt das Fitnessstudio, stöhn). Liebe Grüße, Martha

    1. Ich finde, man muss auch nicht alles mögen, was die Kinder und Jugendlichen sich anschauen/lesen und ich finde auch, wir dürfen uns da klar positionieren und erklären, warum wir das so sehen. Aber das geht m.E. nur, wenn wir uns selbst mit dem auskennen, was so konsumiert wird. Eine zu schnell gebildete Meinung entlarven die ja total schnell und wir werden unglaubwürdig.

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