Eltern sein – Familie leben

Warum unsere Kinder keine kleinen Egomanen sind

Vor einiger Zeit hörte ich einen Vortrag. Gehalten wurde er von einer Grundschulpädagogin, die über die Herausforderungen im Schulalltag berichtete. Vieles von dem, was sie erzählte, konnte ich gut nachvollziehen und ich spürte in ihrer Rede deutlich, mit welchen strukturellen Schwierigkeiten sie zu kämpfen hat. Dass ich die Veranstaltung, auf der sie sprach, mit einem Knoten im Bauch verließ, hatte jedoch einen anderen Grund. Es war ein einziger Satz, eingebettet in eine Aufzählung von Dingen, die sie belasten. Ein Satz, vorgetragen mit unglaublicher Überzeugung und ohne jeden Zweifel am Wahrheitsgehalt. “Der gesellschaftliche Trend spiegelt sich auch bei mir in der Klasse wieder – ich habe es mit immer mehr kleinen Egomanen zutun.”

 

Bumm – da war sie, die Diagnose, da war er ,der Stempel und da war sie, die Schublade. Mit Schwung wurde sie aufgezogen, die entsprechenden Kinder wurden einsortiert und die Lehrerin leitete daraus ihre Aufgabe ab – die kleinen Aufmerksamkeitsheischer schnellst möglich auf den rechten Weg zu bringen und ihnen anzuerziehen, sich auch einmal zurückzunehmen.
Ich möchte an dieser Stelle nicht in Frage stellen, dass das, was die Lehrerin ihren Schülern attestierte, auch ihren Beobachtungen entspricht. Ich kann mir vielmehr sehr gut vorstellen, dass sie das, was sie beschreibt, tatsächlich erlebt. Eine wachsende Anzahl von Kindern, die nach Aufmerksamkeit schreien, die sich selbst in den Mittelpunkt stellen, die die Dinge, die im Klassenalltag passieren, auf sich beziehen und die darauf bedacht sind, an sich zu denken.
Was mich aber stört, ist das, was sie aus dieser Beobachtung schließt. Sie macht aus einem Verhalten, dass zum Teil durchaus altersangemessen und entwicklungsgerecht ist und zu einem anderen Teil viel tiefergehende Ursachen hat, ein Problem und sie belässt das Problem bei den Kindern, anstatt das kindliche Verhalten als Spiegel ganz anderer Zustände zu sehen und eine ihrer Position angemessene Verantwortung zu übernehmen.
Was mich außerdem stört ist das Vorgehen, was sie daraus ableitete. Statt genauer hinzuschauen und zu hinterfragen, setzt sie am Verhalten der Kinder an. Dies muss sich ändern, sonst nichts.
Doch wenn wir von der Prämisse ausgehen, dass kindliches Verhalten immer Sinn macht, sollten wir genau auf das schauen, was in Schulklassen los ist.
Zum einen ist es so, dass es sich durchaus um altersgerechtes Verhalten handelt, wenn Kinder zwischen 6 und 10 Jahren gerne gesehen werden, auf sich aufmerksam machen und für sich sorgen und wenn sie ihren Zuwachs an Kompetenzen gern deutlich zeigen. Wenn in einer Grundschulklasse viele Kinder gerne gehört werden wollen, dann hat das also erst einmal nichts damit zutun, dass sie über mangelnde soziale Kompetenzen verfügen. Sie sind ja noch relativ am Anfang ihres sozialen Lernens und müssen vieles erst erfahren, beobachten und nachahmen. Dass es Lehrern und anderen Erwachsenen so vorkommt, als würden Kinder sich heute stärker in den Vordergrund spielen, hat zuerst einmal einen sehr einfachen Grund. Kinder tun etwas, was schon immer in ihnen angelegt war. Unser Schulsystem hatte jedoch seit seinem Beginn Wege, Kinder an dieser natürlichen Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu hindern: Es passierte durch schwere Sanktionen und Strafen. Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurden diese Sanktionen glücklicherweise mehr und mehr abgebaut und so wurde mehr Raum für natürliches, kindliches Verhalten geschaffen.
Allerdings hat man leider versäumt, Schulen in Orte umzubauen, in denen dieses Verhalten auch in Ordnung ist. Und da sind wir bei einem weiteren Teil des Problems. In Grundschulen und leider auch sonst an vielen Orten, an denen Kinder ihre Kindheit verleben, ist zu wenig Raum für sie und es ist zu wenig Zeit da, um sie zu sehen und sie anzunehmen. Das, was auf uns wie Egomanie wirkt, ist eigentlich nur ein Symptom für etwas ganz anderes, nämlich für eine Gesellschaft, in der es einer wachsenden Zahl von Kindern nicht mehr gut geht, weil sie nicht gesehen, nicht gehört und nicht angenommen werden. Statt am kindlichen Verhalten, sollte man dort ansetzen.
Und dann sind wir auch schon bei der Reflexion, die ich mir an dieser Stelle von der Grundschulpädagogin gewünscht hätte. Statt zum kurzsichtigen Schluss zu kommen, dass eine wachsende Zahl von Kindern egomanisch veranlagt ist, wäre es wichtig gewesen, den Anteil zu reflektieren, den wir Erwachsenen daran haben, dass solche, uns störende, Verhaltensweisen auftauchen. Denn wir Erwachsenen bauen Tag täglich weiter an einer Welt, in der Kindheit immer mehr institutionalisiert wird und in der immer weniger Raum für das einzelne Kind und seine Bedürfnisse bleibt. Innerhalb des Systems schauen wir vor allem auf die Defizite, die wir bei den Kindern glauben auszumachen und ihre Größen und Stärken fallen allzu oft unter den Tisch, besonders dann, wenn wir sie nicht als nutzbringend betrachten. Und dann wundern wir uns, wieso sie laut sind, wieso sie präsent sein wollen, wieso sie alles dafür tun, gesehen zu werden.
Es gibt noch einen letzten Grund für den Knoten im Bauch, den diese Zuschreibung bei mir ausgelöst hat. Kleine Menschen, die am Anfang ihres Weges ins Leben stehen, die gerade erst lernen, was sozial ist und was nicht, die sich gerade erst in einer neuen Gruppe ausprobieren, die gerade erst in Themen wie Schule und Lernen reinwachsen, bereits in so eine Schublade zu stecken, ist unglaublich unbarmherzig! Es ist ein Ausdruck von großer Hartherzigkeit und davon, dass man diese kleinen Menschen bereits ein Stück weit aufgegeben hat und ihnen die liebevolle Annahme verweigert.
Was für eine traurige Vorstellung.

2 Kommentare

  1. Aus einem Brief unserer Rektorin: “In dieser Klasse gab es einige Probleme, was auch daran liegt, dass dort besonders viele Individualisten sind.” Definition Individualist: Person, die möglichst große Eigenständigkeit im Denken und Handeln für sich beansprucht. Dann hoffe ich doch, dass in allen Klassen möglichst viele davon sitzen… Oder? Danke für deinen Artikel, dein Bauchweh in dieser Situation kenne ich auch gut… Liebe Grüße, Martha

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